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Sidney Lumet (VI): Der Mann in der Schlangenhaut – Von grausamen Ver- und Enthüllungen

The Fugitive Kind

Von Tonio Klein

Drama // Niemand kann aus seiner Haut. Aber einer versucht es doch, und er weiß, dass das schmerzhaft sein wird, darum hat er sich einen Schutzpanzer zugelegt, den allegorischen Mantel aus Schlangenhaut. Es handelt sich um Val (Marlon Brando), mit dreißig noch wie ein junger Wilder aussehend, aber als solcher ist er ein ums andere Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten und will ein neues Leben beginnen, an einem neuen Ort. In der Anfangsszene spricht er zu einem nicht sichtbaren Richter und damit zu uns; wir identifizieren uns sofort mit dem Mann oder fühlen zumindest mit, haben eine Ahnung von seiner Motivation, und dass es ihm mit seinen Vorsätzen ernst ist.

Es soll aber nicht sein: Zu Beginn wird er aus einer Zelle in einem Wohnhaus geholt, wie man das bei Dorfsheriffs halt so hat. Zu Beginn seines neuen Lebens bekommt er in einer anderen Stadt in einer ebensolchen Zelle Obdach. Diese fiktive Kleinstadt befindet sich in Mississippi, und sie fährt an Rassismus, Bigotterie und gebrochenen/eingezwängten Seelen alles auf, was ein saftiges Theaterstück von Tennessee Williams zu bieten hat.

Die liederliche Carol und Lady Torrance

Erst einmal beschäftigt sich Val mit der gleichsam vulgären wie zerbrechlichen Carol Cutrere (Joanne Woodward), bevor die von allen „Lady“ genannte italienischstämmige Mrs. Torrance (Anna Magnani) ins Zentrum des Geschehens rückt. Obschon älter als Val, fühlt sie sich von ihm angezogen. Er erzählt ihr eine Geschichte von Vögeln, die keine Beine haben und niemals auf der Erde landen können, außer zum Sterben. Das erinnert an eine andere Williams-Metapher, an die Katze, die immer dazu verurteilt ist, auf dem heißen Blechdach zu tanzen. Es passt hie wie dort. Es geht um ruhelose Menschen, und wir ahnen, dass zumindest einige der Protagonisten beim Versuch, ihren Landepunkt zu finden, sterben müssen. Val hat seine Schlangenhaut, Lady hat den Mantel der Ehe gewählt, mit dem sadistischen und nun kranken Jabe (Victor Jory), der sie nie und den sie nie geliebt hat. Sie hat sich verkauft, sie hat alle Demütigungen ertragen. Sie lebt in einem nicht mal goldenen Käfig, so wie die erwähnten Zellen für Val gleichsam Schutz wie Zwang bedeuten. Auch Gegenstände in dem Laden der Torrances, in dem Val nun arbeitet, bilden oft Gittermuster vor ihm.

Carol hingegen schreit ihre Liederlichkeit demonstrativ heraus, um nicht zu werden wie der ganze Ort, in dem sich jeder auf die eine oder andere Weise verkauft. Darin neigt Woodward ein wenig zum Overacting; Styling und meterdicker Kajalstift tun ihr Übriges, um sie als zerbrechlich, wenn nicht schon zerbrochen, also „kaputt“, zu zeigen. Die Stimme: fast immer laut, aggressiv, geradeheraus, oft schreiend, dadurch wenig moduliert. Schade, dabei kann es Woodward doch besser! Glaubt man Wikipedia, so ist diese Überzeichnung eine Antwort auf die Frage, warum Val sich nicht Carol, sondern Lady zuwendet. Wenn Carol dadurch weniger Empathie wecken sollte, so ist den Machern das zu Beginn des Filmes gelungen. Es schwächt aber auch die erste halbe Stunde, in der die beiden zusammen sind und Lady noch gar nicht vorkommt. Im Kopf verstehen können wir schon, dass sich der Außenseiter zu der Außenseiterin hingezogen fühlt. Vom Bauchgefühl her aber funktioniert die Paarung nicht so gut. Erst kurz vor Schluss dieses Teiles spüren wir Carols Zerbrechlichkeit voll und ganz, und der Tod wirft erstmals Licht und Schatten voraus, auf einem Friedhof. Oftmals noch sehen wir eine irreale Beleuchtung, eine starke Lichtquelle, die ihre Strahlen durch ein Dickicht wirft, aber nicht so recht durchzukommen scheint. Und der Tod ist sowieso allgegenwärtig, in der Friedhofsszene, in der Metapher der Vögel ohne Beine, in der Erzählung, wie Ladys Vater zu Tode gekommen war, in der Figur des todkranken Jabe, dessen Libido übrigens ebenfalls tot zu sein scheint.

Verkommene Dörfler

Lady will aber endlich leben, aus ihrem Leben als lebende Tote ausbrechen, was mit Val sogar trotz nicht nur des Unterschieds im Alter für einen Moment möglich scheint. Statt aber ausschließlich nach vorn zu schauen, will sie ein Unrecht der lange zurückliegenden Vergangenheit wieder geraderücken. Wir ahnen, dass dies in der fast schon auf überzeichnete Weise verkommenen Dorfgemeinschaft nicht möglich ist, wünschen es Lady aber dennoch: Vor Jahren hatte ein Mob die Gaststätte ihres Vaters angezündet („Er hatte einen Fehler gemacht, er hatte Niggern Whiskey verkauft“), und der ganze Ort hatte sich geweigert, die Flammen zu löschen, sodass Ladys Vater beim aussichtslosen Versuch, dieses zu tun, umkam. Nun hat Lady an den Laden ihres Mannes eine Gaststätte angebaut und selbst gestaltet; in einer seltsamen, leicht kitschigen, aber doch märchenhaften Schönheit. Man merkt, das ist in jeglichem Sinne „ihr Traum“. Und sie ist zu allem entschlossen bei dem Wunsch, dieses Lokal auch zu eröffnen.

Zu viel Methode beim Method Actor

Anna Magnani: Beim Dreh 51 Jahre alt, immer noch schön und von wilder Entschlossenheit, hinter der aber auch Traurigkeit und Verbitterung stecken. Die Kamera beschönigt ihre Fältchen nicht, liebt sie aber dennoch oder auch deswegen ungemein, was man gerade im Schuss-Gegenschuss mit Jabe spürt, bei dem eine ausgesprochen harte, kontrastreiche Fotografie jede Gesichtsunebenheit und jede Schweißperle betont. Marlon Brando: Der Wilde ist nachdenklich geworden, ist dies von Anfang an, ist ein Bedächtiger, zunächst Unentschlossener, der erst einmal alles beobachtet, in sich aufnimmt und verarbeitet, bevor er handelt. Dies lässt ihn sanfter, sympathischer und ambivalenter erscheinen, und Brando spielt das einzigartig aus – vielleicht sogar ein bisschen zu sehr. Man hat das Gefühl, er will sich einfach nur perfekt in Szene setzen; allein diese Szene mit seinem Empfehlungsschreiben: Ob er eines habe, fragt Lady. Ja, habe er. Und dann kramt Brando ewig in seiner Hosentasche herum, holt einen völlig verknitterten Briefumschlag heraus, braucht ewig, um ihn mehr schlecht als recht zu entknittern … Hier ist Brando nicht mehr Val, hier ist er nur noch Brando (und zeigt, dass „die Methode“ des Method Acting gelegentlich genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie bewirken soll).

Allzu schlimm ist das nicht. Die gewagte Paarung Brando/Magnani (neben dem Altersunterschied auch völlig verschiedene Schauspielstile; Magnani war nie klassisch ausgebildet worden, konnte nicht besonders gut Englisch und hatte halt entweder eine magische Präsenz oder nicht) kann durchaus faszinieren. Magnani/Lady würde ich vorziehen, weil sie letztlich die größere Bandbreite in Schauspielkunst wie Charakter der Figur hat, vom abgehärteten, stillen Erdulden über Trauer und Wut bis schließlich zum trotzigen Aufbegehren, in das sich neben gerechtem Zorn auch aggressiver Hass mischt. Brando ist sehr gut, aber sein Spiel ist ab und an als Masche durchschaubar. Woodward wurde leider über weite Strecken verheizt, auch wenn ihre Figur – gerade gegen Ende und besonders in der allerletzten Szene – bei weitem nicht so abstoßend ist, wie es zu Beginn scheint. Regisseur Sidney Lumet inszeniert nach den Regeln der Kunst, der Stoff ist anspruchsvoll. Dennoch: Lange Zeit konnte ich das alles zwar intellektuell würdigen, fragte mich aber, warum mich diese verkommenen, aus vielen Williams-Stücken bekannten und hier teils recht dick aufgetragenen Figuren begeistern sollten. Die große Anteilnahme kommt im letzten Akt, wenn es mit Ladys geplanter Restaurant-Eröffnung auf den dramatischen Höhepunkt zusteuert. Warum man ihr unbedingt wünscht, dass ihr Traum in Erfüllung gehe, habe ich hoffentlich hinlänglich deutlich gemacht, und dies können das Spiel der Magnani, die Erzählung und die filmische Gestaltung mit dem „märchenhaften“ Aspekt des Restaurants wunderbar transportieren. Was aus dem Traum wird, ist ohne Spoiler nicht zu schildern, man überspringe gegebenenfalls den nächsten Absatz.

Warnung vor dem Spoiler

Die Hoffnungen werden bitter enttäuscht, wenn Lady am Ende erkennen muss: Jabe war beim Mob dabeigewesen. Das fällt auf sie zurück. Seine Mitschuld hätte sie meines Erachtens ahnen oder wissen können, wenn sie sich nicht wegen ihres Sicherheitsbedürfnisses den Erstbesten ohne genaues Nachdenken genommen hätte. Da ist Williams wunderbar ambivalent, und es erweist sich endgültig, dass seine Lady keine ausschließlich positiv konnotierte Figur ist. Nein, in dieser selbst mitverschuldeten schicksalhaften Verstrickung steckt, in der Figur der Lady steckt die ganze Wucht einer Tragödie. Mehr darf nun wirklich nicht verraten werden, nur: Vielleicht gelingt dem einen oder anderen die Häutung ja. Die Schlangenhaut wird jedenfalls in der Schlussszene eine schöne Bedeutung erfahren.

Fazit: Etwas zu saftige Williams-Adaption mit kleinen Problemchen bei zwei von drei Hauptfiguren/-darstellern, die gegen Ende immer besser wird und nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen und im Bauch begeistern kann.

Die deutsche DVD ist vergriffen, findet sich auf dem Gebraucht- und Sammlermarkt nicht mehr ganz billig. Des Englischen Mächtige und mit Codefree-Player ausgestattete Filmgucker seien auf die US-Veröffentlichung von „The Criterion Collection“ hingewiesen. Damit macht nichts falsch, wer auf deutsche Synchronisation keinen Wert legt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sidney Lumet haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Marlon Brando unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 3. Dezember 2012 als DVD

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Fugitive Kind
USA 1960
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Tennessee Williams, Meade Roberts, nach Williams’ Bühnenstück
Besetzung: Marlon Brando, Anna Magnani, Joanne Woodward, Maureen Stapleton, Victor Jory, R. G. Armstrong, Virgilia Chew
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: KSM GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshots: © 2012 KSM GmbH

 

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Sidney Lumet (V): Angriffsziel Moskau – Welcher Stadt versetzen wir den Todesstoß?

Fail Safe

Von Tonio Klein

Politthriller // Zunächst bekommt ein Stier diesen Todesstoß, in der Arena. Regisseur Sidney Lumet lässt ganz bewusst Gegensätze aufeinanderprallen und eine Irritation entstehen. „New York, 5.30 a.m.“ heißt es, aber dann das erste Bild: Stierkampf in New York, kann das sein? Nein, kann es nicht, und es ist so irrlichternd gefilmt, mit hereinkopierten Gestalten, dass wir ahnen: Hier ist etwas faul. Das ist es tatsächlich. Es handelt sich um den Albtraum des General Black (Dan O’Herlihy), der sich offenbar in der Rolle des Stieres sieht und meint, irgendwann „seinem Matador“ zu begegnen, und dann sei es aus. Augen der Angst beim Stier, Schnitt, Augen der Angst bei Black, nun schweißgebadet in seinem Bett zu sehen. Nicht nur hier: Harte, kontrastreiche Fotografie, oft unbarmherzige Großaufnahmen von Gesichtern. Räume, die durch bewusste Verwendung bestimmter Brennweiten eng, drückend erscheinen, Schatten und Gegenstände, die sich durch ebendieses bedrohlich groß in den Vordergrund bohren. Hierzu wird später das berühmte rote Telefon (in einem Schwarz-Weiß-Film) gehören. Denn wie der (deutsche) Titel schon andeutet: Der kalte Krieg wird möglicherwiese nicht mehr kalt bleiben, es droht nicht weniger als die atomare Zerstörung des Planeten. Im Zuge der Kubakrise ist die Atomkriegsangst auch an Hollywood nicht vorbeigegangen. Mir ist der vorliegende Film dabei lieber als Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964). Bei Kubrick wird am Ende die Erde in die Luft gejagt und der Mann (frei zitiert nach Lars-Olav Beier in „Stanley Kubrick“) weint ihr keine Träne nach.

Lumet kann noch weinen!

Anders gesagt, ihm ist eine Botschaft jenseits von Zynismus wichtig, aber ohne den gelegentlichen Dozentenzeigefinger eines Stanley Kramer – obwohl dieser mit „Das letzte Ufer“ (1959) einen wirklich guten Post-Atomkriegs-Film gemacht hatte. Lumet ist nicht nur Geschichtenerzähler, sondern Filmemacher. Sein Stil ist oft auffällig, aber er lässt ihn immer im Dienst des Inhalts stehen, und das macht gerade „Angriffsziel Moskau“ zu einem herausragenden und extrem packenden Film.

Kriegsspiele

Man ist von dem Politthriller schlicht gefesselt, möchte den DVD-Genuss keine Sekunde unterbrechen und fiebert mit den Protagonisten mit, wenn Lumet die Spannungsschraube anzieht. Durch eine technische Panne werden Kampfflieger mit Atomraketen in Richtung Moskau geschickt. Die Maschinen haben hier schon genauso viel Macht wie in „War Games – Kriegsspiele“ (1983). Jede Zeit hat ihre Atombedrohungsfilme, die Kubakrise und der Nato-Doppelbeschluss. Wie sich bei 19 Jahren Unterschied die Tücken der Automation gleichen, ist erschreckend, hier ist Lumet visionär. Die Uhr läuft unbarmherzig. Kann die Zerstörung der Weltstadt und der darob befürchtete Gegenschlag, der in einen Atomkrieg der Supermächte münden würde, noch gestoppt werden?

Sind 60 Millionen Tote statt 100 Millionen akzeptabel?

Lumet überzeugt sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Er erzählt unbarmherzig und schnörkellos, zeigt aber auch immer, dass es noch um etwas geht und Menschen mehr als Schachfiguren sind. Ein paar Szenen könnte man zwecks Verständnisses der Handlung schlicht weglassen, sie charakterisieren aber die Haupt- und auch die Nebenfiguren. Jeder ist wichtig, die italoamerikanischen Eltern eines Soldaten, die Ehefrau von General Black, sogar eine lüsterne Frau, die entbehrlich zu sein scheint. An ihr sehen wir aber: Professor Groeteschele (Walter Matthau), der vom Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus mit „60 statt 100 Millionen Toten“ träumt, erscheint uns eiskalt, negativ – ein kühler Rechner selbst mit Toten, aber von einer Frau angeekelt, die solchen Gedankenspielchen mit Geilheit statt mit Rationalität begegnet.

Auch der sowjetische Staatschef muss ringen

Was Lumet stattdessen nicht zeigt: Menschenmassen bei den Beratungen, realistische Flugszenen: Das ist ein Kammerspiel. Bei den Szenen in den Cockpits sieht man keinen Hintergrundhimmel, das sind ersichtlich Studioaufnahmen und sollen es auch sein, hereinkopiert sind Archivaufnahmen von Fliegern, bei denen das Bild im Gegensatz zum übrigen Film die Kratzer aufweist, die an eine Dokumentation denken lassen. Ansonsten: Beklemmung, Eingeschlossensein, der Mensch allein mit seinen Ängsten, Beklemmung teils nur durch Akustik. Den sowjetischen Staatschef sehen wir nie und spüren doch anhand seiner Stimme (und wie des Präsidenten „Interpreter“ sie nicht nur übersetzt), dass er ähnliche Gefühlsregungen durchmacht wie sein US-Pendant, und dass er die gleichen Konflikte mit seinem Stab hat, wie es einmal heißt.

Der Schrecken entsteht im Kopf, zum Beispiel auch, wenn Flugbewegungen und Abschüsse nicht real, sondern nur auf einem Radarschirm zu sehen sind. Kein Action-/Abenteuerfilm, sondern ein Drama. Menschen bleiben Menschen, und sie sind fehlbar; indes gelingt Lumet das große Kunststück, das Versagen der Sicherungen (in jeglicher Hinsicht) nicht monokausal als menschliches Versagen zu erklären: Wir sehen sowohl fehlbare als auch schrecklich unfehlbare Menschen. Menschen, die sich den ausgeklügelten und dutzende Male geprobten Gedankenspielchen für den Fall eines unmittelbar bevorstehenden Atomkriegs widersetzen. Und Menschen, die gerade dies nicht tun, was mindestens genauso schlimm ist. Damit die Sowjets keine Manipulationsmöglichkeiten haben, gibt es nämlich keinen Plan B: Was passiert, wenn die Kampfflieger erst einmal den Befehl erhalten haben, Moskau zu bombardieren? Es gibt kein Zurück. Nicht die Stimme des US-Präsidenten (Henry Fonda), nicht die Stimme der Ehefrau, einfach gar nichts darf sie davon überzeugen, die Aktion doch noch abzublasen. Darauf sind sie ewig und drei Tage gedrillt worden. Tja, warum droht die Welt zerstört zu werden? Weil die Menschen fehlbar sind oder weil sie allzu gut „funktionieren“ (was ja auch eine Form von Fehlbarkeit ist)?

Eine Thema fürs Bundesverfassungsgericht

Am Ende entschließt sich der Präsident zu etwas, das erschaudern lässt und bei aller Kalter-Kriegs-Kubakrise-Zeitgebundenheit eine große Aktualität hat. Darf man Menschen opfern, um etwas noch Schlimmeres zu verhindern? Die Frage, ob man besser ein Flugzeug mit 100 Passagieren abschießt, als es durch Terroristenhand auf Tausende krachen zu lassen, hat bereits das Bundesverfassungsgericht beschäftigt und könnte angesichts der weltweiten terroristischen Bedrohung zum realen Schreckensszenario mutieren. Der vorliegende Film regt insoweit zum Nachdenken an, erschreckt und überrascht auch, gerade weil er sich weitgehend als humanistisch erweist, aber am Ende eine inhumane Tat als nahezu ausweglos darstellt. War das wirklich so in diesen Zeiten? Ist es gar allgemeingültig? Wir wissen es nicht.

Wir wissen nur, dass General Black am Ende seinem Dämon begegnen wird. „Der Matador bin ich!“ Und der Bombenabwurfknopf wird die tödliche Klinge, mit der einer Stadt der Todesstoß versetzt wird. Wie auch beim Stierkampf, der ja nur vorgeblich ein Kampf auf Augenhöhe ist, gilt: Die Stadt konnte nichts dafür und hatte keine Chance. Und damit lässt uns Lumet nun allein: Mit einem schrecklichen Ende, das zwar anscheinend gerechtfertigt wird, das aber auch den Menschen, der die Tat ausführen muss, in seine – und unsere! – Abgründe blicken lässt. „Das ist unvermeidlich!“, aber „Schaut, wozu der Mensch fähig ist!“ Und diese erschreckende Erkenntnis des Widerspruchs bleibt.

Audiokommentar von Regisseur Sidney Lumet

Die DVD hat hervorragendes Zusatzmaterial, darunter einen Lumet-Audiokommentar. Der Mann war bis ins hohe Alter blitzgescheit (geboren: 1924, letzter Film: 2007, gestorben: 2011) und hat den DVD-Markt noch bewusst erlebt und mitgestaltet. Und er hat etwas zu sagen statt nur läppische Anekdoten zu erzählen. Ein sehr bewusst gestaltender, gleichzeitig leidenschaftlicher Filmemacher, wie man auch an seinem Buch „Filme machen“ merkt – und eben an seinen Audiokommentaren. Wer auf deutsche Synchronisation verzichten kann, wird beim Referenz-Label „The Criterion Collection“ fündig, das „Fail Safe“ als Blu-ray und DVD in diesem Fall nicht nur in den USA veröffentlicht hat, sondern auch im Vereinigten Königreich, somit geeignet für Abspielgeräte mit westeuropäischem Regionalcode. HD-Fans werden sich insbesondere an der neuen 4K-Restaurierung erfreuen, die vermutlich hohen Ansprüchen genügt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sidney Lumet haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Henry Fonda und Walter Matthau unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 5. September 2006 als DVD

Länge: 107 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Fail Safe
USA 1964
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Walter Bernstein, nach einem Roman von Eugene Burdick und Harvey Wheeler
Besetzung: Henry Fonda, Walter Matthau, Fritz Weaver, Dan O’Herlihy, Frank Overton, Edward Binns, Larry Hagman, William Hansen, Russell Hardie, Russell Collins, Sorrel Booke
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Sidney Lumet
Label/Vertrieb: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2020 by Tonio Klein
Packshot: © 2006 Sony Pictures Entertainment

 
 

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Sidney Lumet (IV): Sein Leben in meiner Gewalt – Spiegelbilder im Auge der Verhörlampe

The Offence

Von Tonio Klein

Krimidrama // Für Polizei-Sergeant Johnson (Sean Connery) wird ein Verhör mit dem mutmaßlichen Sexualtäter Baxter (Ian Bannen) ein Höllentrip in die innerste Schwärze seiner verkorksten und gemarterten Seele. Regisseur Sidney Lumet und sein Team haben mehrere Mittel, dies zu verdeutlichen: eine gnadenlose Kamera, die schrittweise Visualisierung von Bildern im Kopf Johnsons, eine betonte Trostlosigkeit der Innen- wie Außenräume und der Farben, grandiose Schauspielerleistungen, last but not least die Schlüsselszene als Ellipse. Schon zu Beginn sehen wir, wie Polizisten in ein Verhörzimmer kommen, in dem Johnson offenbar ausgerastet ist und Baxter zusammengeschlagen hat. Der Film springt dann zurück und zeigt die Jagd nach dem Täter, bis Baxter aufgegriffen wird. Auch dann bekommen wir nur den Anfang und das Ende des Verhörs zu sehen. Ja, Johnson hat Baxter reichlich unsanft angefasst. Doch was geschah wirklich zwischen den Bildern? Wir Zuschauer sind immer geneigt, derartige Lücken selbst zu füllen. Lumet indes wird uns am Ende zeigen, dass wir unseren eigenen Bildern im Kopf nicht immer trauen dürfen.

Mehr als nur ein Polizeifilm

Lumet hat viele Polizeifilme gemacht, ihn interessiert die Institution. Doch obwohl es auch hier stellenweise darum gehen wird, wie man mit dem Schmutz, dem Dreck, der Gewalt von 20 Jahren Polizeidienst auf der Straße fertig wird, geht „Sein Leben in meiner Gewalt“ mehr ins Innere, Individuelle. Der Film ist auch ein Psychothriller im Wortsinne. Und in der Psyche Johnsons sieht es nicht gut aus. Wenn Johnson zu Beginn ein vergewaltigtes Mädchen im Wald findet und es zu beruhigen versucht, sagt er kein einziges Mal, dass er von der Polizei ist. Wie er das sich windende Mädchen festhält, können wir einen gewissen Argwohn bekommen, ob er nicht auch unterschwellig gewisse Gelüste hat, zumal es in seiner Ehe nicht besonders gut läuft. Verstörende visualisierte Gedanken in der Schlussphase des Filmes dürften unseren Verdacht bestätigen. Wie überhaupt auf recht geschickte und allmähliche Weise immer klarer wird, dass Johnson eigentlich sich selbst verhört, sich selbst jagt, sich selbst verabscheut und immer in den Spiegel blickt, wenn er seinem Dienst nachgeht. Auch die immer wieder in Überblendung direkt auf den Zuschauer gerichtete Verhörlampe unterstreicht eine Verschiebung der Perspektive: Der Film scheint uns zuzuschauen, obwohl wir doch die Zuschauer sind. Die Ellipse lässt bei uns Bilder im Kopf entstehen, obwohl Johnson derjenige ist, der mit Bildern im Kopf herumlaufen muss. Der Film wird Johnson messerscharf sezieren, obwohl Johnson derjenige ist, der vorgibt, andere messerscharf zu sezieren. „Ich werde in diesen Augen lesen wie in einem Buch“, herrscht er Baxter an und reißt ihm reichlich unsanft die Augen auf, bloß seine eigenen Augen, die werden ihm kaum einmal geöffnet. Darin ist der Film meisterhaft, gnadenlos und unglaublich trist.

Betonsünden, der angespannte Cop und die gnadenlose Verhörlampe

Tristesse auch in der Bildgestaltung: Wenn nicht gerade Nacht oder Dämmerung ist, ist der Himmel wolkenverhangen. Alle Orte sind von einem dominierenden schmuddeligen Braun geprägt. Das Rot des Bademantels von Johnsons Frau, die ihm helfen will, dringt kaum durch. Johnson möchte das Signal auch nicht sehen, sondern schimpft lieber darüber, wie gewöhnlich das Kleidungsstück sei. Die im Film zu sehende Architektur ist eine Ansammlung von Beton-Flachdach-Bausünden, die zur Drehzeit nicht nur England (wo der Film spielt) dominiert hatten. Eine bezeichnende Szene, in der gezeigt wird, dass Johnson immer sich selbst meint (und es bloß erst langsam merkt), wenn er mit anderen redet: In einer langen Kamerafahrt bewegt er sich auf einen schmierigen Kleinganoven zu Fuß zu. Zunächst ist Johnson links, der Ganove rechts, beide scharf, beide schon „gleichberechtigt“ im Bild – und dann hat sich Johnson dem Mann genähert und spricht mit ihm. Dem Ganoven ist es peinlich, mit Johnson gesehen zu werden – und vielleicht liegt darin mehr als die vordergründige Erklärung, dass Johnson Polizist ist. „Wenn mich meine Freunde mit Dir sehen …“. „Du hast doch gar keine Freunde“, sagt Johnson. Das mag stimmen, aber hier hat Johnson eigentlich mit seinem Spiegelbild gesprochen. Er hat sich dem Ganoven nicht nur angenähert, sondern anverwandelt, und sie gehörten wie gesagt schon von Anfang an in dasselbe Bild, in denselben Rahmen; kamera- und schnitttechnisch wie im übertragenen Sinne. „Sein Leben in meiner Gewalt“? Johnson hat sein Leben jedenfalls nicht in seiner Gewalt!

Wolken sind überall

Die Kamera ist oftmals, gerade in den Aufnahmen auf der Polizeistation, tiefer als auf Augenhöhe postiert. Dies stellt zum einen die Perspektive Baxters dar, als er erstmals niedergeschlagen wird (passend dazu, dass es am Ende eigentlich Baxter ist, der Johnson indirekt verhört und ihm den Spiegel seines verpfuschten Lebens vorhält). Zum anderen lässt dies in Kombination mit tiefenscharfer Weitwinkelfotografie Räume objektiv weiter, aber im übertragenen Sinne enger und bedrückender erscheinen. Lumet macht das immer mal ganz gern, und nie als selbstzweckhafte Marotte. Man bekommt Decke und Boden gleichzeitig ins Bild, diese zwängen die Protagonisten ein. Gleichzeitig nehmen die größer erscheinenden Entfernungen den Personen jegliche Nähe, jeglichen Schutz, jegliche Wärme, die sie etwa bei Kollegen im selben Raum suchen sollten. Alles ist scharf, der Film schaut genau hin. Das heißt aber auch, dass es für Johnson kein Entkommen gibt. Selbst bei einigen extremen Großaufnahmen ist es nicht so wie in der klassischen Teleobjektiv-Fotografie, dass alles um das Porträt herum verschwimmt und der Film nicht nur bei, sondern auch mit ihm ist. „Sein Leben in meiner Gewalt“ hat eine Nähe, die kalt ist. Johnson in Großaufnahme lässt seine ihn marternden Gedanken übermächtig werden, aber nicht im Sinne einer Allianz mit dem Zuschauer. Die Großaufnahmen sind meist bewusst in einer Bildhälfte und nicht mittig; in der anderen Bildhälfte befindet sich noch der kalte Flur der Polizeistation oder eine nicht minder scharfe, kalte Außenaufnahme. Johnson kann seiner Umgebung nicht entfliehen und ist dennoch ein Isolierter. Nicht mal mit dem Zuschauer kann er sich gegen die Realität verbünden.

Wer greift wen an?

Connery spielt grandios; der Film war eines der Wunschprojekte, die er sich im Gegenzug dafür ausbedungen und finanzieren lassen hatte, dass er für „James Bond 007 – Diamantenfieber“ (1971) noch einmal in die Rolle des Agenten geschlüpft war. Man merkt, ihm ist es ernst mit diesem Projekt. Dabei ist sein Spiel intensiv, aber nicht übertrieben forciert, sondern der Rolle eines psychisch kaputten Menschen angemessen. Manchmal scheint er sich hinter dickem Mantel, exorbitantem Schnurrbart und unter einem Hut geradezu verstecken zu wollen, vor Leuten, die ihn durchschauen, und vor sich selbst. Sein finsteres Spiel verdeutlicht aber immer die Ausweglosigkeit solchen Unterfangens. Manchmal bricht die Aggression aus ihm heraus. Und gerade wenn er nicht schreit und schlägt, verrät seine Körperhaltung mit den nie ganz heruntergelassenen Armen eine nur mühsam unterdrückte Anspannung, so genial wie seinerzeit bei Humphrey Bogart in dessen erstem wichtigen Film, „Der versteinerte Wald“ (1936). Alle anderen spielen ebenfalls überzeugend. Erwähnt sei zudem die suggestive, verstörende, dissonante, ausschließlich elektronische Musik von Harrison Birtwistle (der bei den Extras Rede und Antwort steht). Nur am Schluss erklingt eine bekannte Melodie. Es ist ein Kinderlied. Doch die Unschuld, sie blitzt nur kurz von ferne als unerreichbare Möglichkeit auf. Johnson und Baxter haben sie längst verloren, und sie wissen es.

Auch in Innenräumen: Sich-Verstecken hinter Hut, Mantel und Schnurrbart

Ein genialer Film, aber einer, den man sich für einen fröhlichen Abend besser verkneifen sollte. Von den fünf Lumet-Connery-Arbeiten (vier Hauptrollen, eine Nebenrolle) sicherlich die deprimierendste. Vielleicht auch die beste. Die beschriebene Kombination aus achronologischem Erzählen und bewusst eingesetzten Stilmitteln zeigt, dass Lumet wieder einmal ein Meister der Theateradaption war. Die Vorlage „The Story of Yours“ von John Hopkins, die ebenfalls nicht die Chronologie wahrt, wird erstens noch weiter zerrissen, zweitens mit urfilmischen Stilmitteln angereichert, drittens aber auch nicht zwanghaft „aufgebrochen“: Gerade am Ende, das sich stärker auf das lange Verhör konzentriert, verleugnet Lumet das Theater nicht, verbindet aber die Stärken beider Medien.

Anekdoten von der Kostümbildnerin

Das Mediabook präsentiert den Film auf beiden Disc-Formaten, wobei die Blu-ray natürlich ein schärferes Bild hat als die DVD, den Schmuddellook der 1970er-Jahre aber auch nicht verleugnet. Nennenswerte Extras sind die Interviews mit Beteiligten aus der „zweiten Reihe“, wobei die Kostümbildnerin Anekdoten statt etwas von der Kostümbildnerei zum Besten gibt. Am Interessantesten fand ich die Auskünfte zu den ohnehin schon auffälligen Aspekten, namentlich zur Musik (Komponist Harrison Birtwistle) und zum Produktionsdesign (Ausstattungsassistent Chris Burke). Dass die deutschen Untertitel eine Riesen-Computeranlage, wie es sie seinerzeit gab, fälschlich als „P[!]C“ bezeichnen, lässt sich verschmerzen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sean Connery und Trevor Howard haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 25. Juni 2020 als limitiertes 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 5. Oktober 2004 als DVD

Länge: 112 Min. (Blu-ray), 108 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Offence
GB/USA 1973
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: John Hopkins, nach seinem Bühnenstück
Besetzung: Sean Connery, Trevor Howard, Vivien Merchant, Ian Bannen, Peter Bowles, Derek Newark, Ronald Radd, John Hallam, Richard Moore, Anthony Sagar, Maxine Gordon
Zusatzmaterial: Interviews, Trailer, Bildergalerie, Booklet
Label/Vertrieb 2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2004: MGM

Copyright 2020 by Tonio Klein
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Koch Films

 

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