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Alfred Hitchcock (V): Der Fremde im Zug – Gibt es den perfekten Mord?

22 Okt

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Strangers on a Train

Von Bianca Mewes

Thriller // Der Tennisprofi Guy Haines trifft während einer Bahnfahrt auf den charismatischen Bruno Antony (benannt nach Bruno Richard Hauptmann, dem Lindbergh-Baby-Entführer), mit dem er sich zunächst angeregt unterhält. Doch bald bemerkt Haines, dass Antony viel von ihm und seinem Leben zu wissen scheint, insbesondere über seine unglückliche Ehe und seine Affäre ist er gut informiert. Das Gespräch nimmt eine unerwartete Wendung, als der Fremde Haines anbietet, dessen Ehefrau umzubringen, und im Gegenzug verlangt, dass Haines Antonys Vater ermordet. Da beide Männer einander offiziell nicht kennen, würde keinerlei Verdacht geschöpft werden, und keiner der beiden in den Verdacht der Polizei geraten. Haines fasst das Angebot als Scherz auf und verlässt den Zug. Doch schnell wird ihm klar, dass es nicht als solcher gemeint war: Einige Tage später wird seine Frau ermordet aufgefunden und Antony verlangt das Einlösen der Vereinbarung.

Im Streit entzweit

Hitchcock kauft die Rechte an Patricia Highsmiths Roman und ersucht Raymond Chandler, mit ihm das Drehbuch zu schreiben. Chandler hat zuvor bereits die Skripte für die Noir-Meisterwerke „Frau ohne Gewissen“ und „Die blaue Dahlie“ verfasst und ist mit Lob und Preisen überschüttet worden. Doch die Zusammenarbeit mit Hitchcock erweist sich als äußerst schwierig, denn der Regisseur ist nicht zufrieden mit den Versionen, die Chandler ihm vorlegt. Schließlich entzieht Hitchcock Chandler den Auftrag gar. Mit den Worten „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ wird der Regisseur die Arbeit von Raymond Chandler später quittieren. Czenzi Ormonde, eine Schülerin von Ben Hecht (der für Hitchcock bereits die Drehbücher zu „Rettungsboot“, „Ich kämpfe um dich“, „Berüchtigt“, „Der Fall Paradin“ und „Cocktail für eine Leiche“ geschrieben hatte), wird das Drehbuch mit Alma Hitchcock beenden.

Erweiterung des Motivs vom perfekten Mord

Alfred Hitchcock stellt mit seiner Adaption des Patricia-Highsmith-Romans „Zwei Fremde im Zug“ die Frage: Gibt es den perfekten Mord? Und wenn ja, wie könnte dieser aussehen? Was ist der ausschlaggebende Punkt, der einen Mord „perfekt“ werden lässt? Bereits in „Cocktail für eine Leiche“ (1948) widmet sich Hitchcock der Erkundung dieses Themas, erweitert es allerdings durch die Frage der moralischen Vertretbarkeit eines Mordes. 1954 lässt der Regisseur Grace Kelly in „Bei Anruf Mord“ durch einen Auftragsmord nach dem Leben trachten. Darin soll der eigentliche Mörder – der Ehemann als Auftraggeber der Tat – durch ein Alibi straffrei ausgehen.

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Hitchcocks gesamtes Werk durchwebt immer wieder die Frage nach Mord, Sühne, Schuld und Unschuld. Er versucht durch gedeckte Alibis, falsche Erzähler, verschwundene Opfer oder vergrabene Beweise und Motive, die Täter in Sicherheit zu wiegen – ungeschoren oder ungestraft davon kommt jedoch keiner. Das ist allerdings auch der Filmprüfung der damaligen Zeit geschuldet, die niemals befürwortet hätte, dass ein Mörder ohne Strafe aus der Story des Films hervorgeht. So perfide, wie es sich in „Der Fremde im Zug“ darstellt, war es bisher allerdings noch nie – allein wegen des Plots geht der Film in die Annalen der Filmgeschichte ein.

Bilder, Szenen, Momente

Wie bei jedem Hitchcock-Film bleiben auch bei diesem Werk Schlüsselszenen und -bilder im Gedächtnis, die oft kopiert, aber nie mehr erreicht werden: Da ist das geniale Intro, das nur Füße zeigt, die kommen und gehen, man erahnt den Ort, man beginnt, nur einem Fußpaar zu folgen und erst als dieses auf das andere wichtige andere Fußpaar des Films trifft, öffnet sich das Bild; da ist der Mord, der durch die Brillengläser des Opfers gezeigt und somit nur angedeutet wird; da ist das Feuerzeug, das im Gulli verschwindet und wieder herausgefischt werden muss; das Tennismatch, das gegen die Zeit des Unschuldigen – auch noch von ihm selbst – gespielt wird; Brunos wunderbarer Monolog auf der Dinnerparty, die seinen Wahnsinn in Erscheinung treten lässt – ähnlich wie Joseph Cotten in „Im Schatten des Zweifels“ seine Perfidität in der Familienansprache ausspielt; nicht zu vergessen ist auch das wiederkehrende Motiv des unschuldig Beschuldigten, der sich vom Verdacht befreien muss. Den krönenden Abschluss bildet bei „Der Fremde im Zug“ natürlich die Karussellszene. Die Bildfolge und dadurch hohe Geschwindigkeit dieser Sequenz kann auch heute mit ähnlich inszenierten Szenen mithalten. Atemberaubend!

Der faszinierende Bösewicht

Robert Walker, der Bruno Antony spielt, reiht sich in eine lange Liste wunderbarer Hitchcockscher Filmbösewichter ein. Sicherlich kommt seine Performance nicht ganz an die von Anthony Perkins in „Psycho“ oder Joseph Cotten in „Im Schatten des Zweifels“ heran, Walker bringt aber doch viele fiese und einprägsame Momente mit. Hitchcock schafft mit seinen Bösewichtern etwas vollkommen Neuartiges im Kino: das Mitzittern mit dem Antagonisten.

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Ein Beispiel: Wir wissen, dass Bruno Antony ein psychopathischer Killer ist, der drauf und dran ist, das Leben eines Unschuldigen zu zerstören. Dennoch fiebern wir mit ihm mit, als er versucht, das wichtigste Beweisstück – das Feuerzeug – aus dem Gulli zu ziehen. Intuitiv wissen wir, dass er es auf keinen Fall schaffen darf, dennoch drücken wir ihm die Daumen. Diese Verkehrung des Sympathieträgers wurde von Hitchcock geschaffen und wird in fast jedem seiner Filme ausgespielt. Eine der bekanntesten Szenen hierzu ist sicherlich diejenige, in der Norman Bates in „Psycho“ ein Auto samt Leiche im Sumpf versenken will und der Wagen steckenbleibt. Sofort denken wir: „Oh nein, los, geh schon unter!“ – und erschrecken fast im selben Moment über unsere Gedanken. Eine andere bekannte Szene ist die, als das Telefon in „Bei Anruf Mord“ nicht klingeln will, wir aber wissen, dass, wenn es klingelt, ein Mord geschehen wird und wir instinktiv hoffen, dass es doch endlich klingeln möge. Dieses Spiel mit den Erwartungen und Gedanken des Zuschauers ist einmalig.

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Robert Walker stirbt leider nur wenige Wochen nach Fertigstellung des Films, vermutlich an einem tödlichen Tablettencocktail.

Was sagt Patricia Highsmith?

Die Meinung von Patricia Highsmith zur Verfilmung ihres Romans schwankt über die Jahrzehnte. Zunächst zeigt sie sich äußerst zufrieden über die Adaption, besonders die Anlage des Bösewichtes und dessen Spiels behagt ihr sehr. Später wird Highsmith allerdings bemängeln, dass Hitchcock aus Guy Haines einen Tennisprofi gemacht hat, obwohl er in der literarischen Vorlage ein Architekt ist. Auch mit der Besetzung von Ruth Roman als Haines Affäre Anne war Highsmith nicht zufrieden, Hitchcock allerdings ebenso wenig: Wie so oft, ließ er keine Gelegenheit, seine Darstellering am Set zu demütigen und brüsk zu behandeln. Er musste sich jedoch den Anweisungen von MGM fügen, die Ruth Roman in dieser Rolle besetzen wollten.

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Des Weiteren bemängelte Highsmith die Tatsache, dass Haines den Mord an Antonys Vater unterlässt – im Roman begeht er die Tat. Die Gründe liegen, wie oben erwähnt, auf der Hand, denn der „Held“ des Films, verliert diese Rolle, wenn er einen Mord begeht, aus welchen Gründen auch immer. So durfte Cary Grant in „Verdacht“ (1940) ebenfalls kein Mörder sein, denn er ist ja Cary Grant.

Was bleibt

„Der Fremde im Zug“ ist ein genialer Thriller, der mit den Erwartungen der Zuschauer spielt und diese immer wieder aufs Neue überrascht. Zwar kommt der Film aus heutiger Sicht etwas ungelenk und altbacken daher – besonders in Bezug auf die gesellschaftlichen- und Geschlechterrollen –, er prägt sich aber aufgrund der gut aufgelegten Darsteller und prägnanten Szenen ins Gedächtnis ein. Zu Recht gilt „Der Fremde im Zug“ bis heute als einer der am meisten rezitierten und neu aufgelegten Filme Hitchcocks. Er gehört in jede Hitchcock-Sammlung.

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Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 19. Oktober 2012 als Blu-ray, 12. November 2004 als 2-Disc Special Edition DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel Blu-ray: Spanisch, Portugiesisch, Französisch
Untertitel DVD: Deutsch
Originaltitel: Strangers on a Train
Alternativtitel: Verschwörung im Nordexpress
USA 1951
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Raymond Chandler, Czenzi Ormonde, nach einem Roman von Patricia Highsmith
Besetzung: Farley Granger, Robert Walker, Ruth Roman, Leo G. Carroll, Patricia Hitchcock, Kasey Rogers, Marion Lorne, Norma Varden
Zusatzmaterial Blu-ray: keine Angabe
Zusatzmaterial DVD: Audiokommentar mit Peter Bogdanovich (Filmregisseur, „Die letzte Vorstellung“), Joseph Stefano (Drehbuchautor, „Psycho“), Andrew Wilson (Biograf Patricia Highsmith) und anderen, Preview-Version (OmU, ca. 103 Min.), Making of: „Der Fremde im Zug – Ein Hitchcock-Klassiker“, „Die Hitchcocks über Hitch“, „Der Fremde im Zug – Aus der Sicht des Opfers“, „Der Fremde im Zug – Eine Würdigung von M. Night Shyamalan“, Wochenschau-Ausschnitt „Ein historisches Treffen, US-Kinotrailer
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Bianca Mewes
Fotos & Packshots: © Warner Home Video

 

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