RSS

Stanley Kubrick (V): Spartacus – Die ungeliebte Auftragsarbeit

08 Nov

spartacus-packshot-br-55

Spartacus

Von Volker Schönenberger

Historien-Abenteuer // Nach seinem Langfilm-Debüt „Fear and Desire“ (1953) war „Spartacus“ (1960) vielleicht die von Stanley Kubrick selbst ungeliebteste Regiearbeit seiner Filmografie. Der Perfektionist war von Hauptdarsteller Kirk Douglas als Regisseur auserkoren worden, der mit ihm für „Wege zum Ruhm“ (1957) zusammengearbeitet hatte. Bei „Spartacus“ fungierte Douglas als „Co Executive Producer“ und hatte einigen Einfluss, den er auch geltend machte. Darin mag der Ursprung liegen, dass Kubrick fortan danach trachtete, volle künstlerische Kontrolle über seine Filme zu haben. Womöglich ist das eine Ursache dafür, dass Kubricks Filmografie eine überschaubare Größe hat. Die Produzenten der großen Hollywood-Studios gaben und geben nur ungern die Kontrolle an ihre Regisseure ab. Anfangs war Film-noir- und Western-Spezialist Anthony Mann („Das schwarze Buch“, „Meuterei am Schlangenfluss“, „Über den Todespass“) als Regisseur angeheuert worden, Douglas ersetzte ihn aber nach kurzer Zeit durch Kubrick.

In einer Reihe mit anderen großen Historien-Epen

All das bedeutet natürlich nicht, dass Kubrick mit „Spartacus“ einen schlechten Film abgeliefert hat – im Gegenteil: Die recht frei gehaltene filmische Aufarbeitung des historisch verbürgten Sklavenaufstands steht in einer Reihe mit „Quo Vadis“ (1951), „Die zehn Gebote“ (1956) und „Ben Hur“ (1959), auch der viel spätere „Gladiator“ (2000) und mit ein paar Abstrichen „Cleopatra“ (1963) seien genannt. Das sind monumentale, epische Historien-Abenteuer, in denen man versinken kann, heute gern etwas abschätzig als alte Schinken klassifiziert, nichtsdestoweniger üppig produziert und ausgestattet und mit viel Starpower. Man kann sie auch heute noch ganz wunderbar schauen. Trotz des ab 1965 einsetzenden Sturms durch New Hollywood – das klassische Hollywood hat ganz wunderbare Produktionen hervorgebracht, auch im Bereich des Monumentalfilms. Ob geschichtswissenschaftlich exakt gearbeitet wurde, kann vernachlässigt werden, das gilt auch für „Spartacus“, da über den historischen Spartacus nicht allzu viel bekannt ist. Armbanduhren habe ich aber bei der Sichtung nicht bemerkt.

Spartacus (Douglas) ist von Geburt an Sklave und fristet sein Dasein bei schwerer Zwangsarbeit in den Steinwüsten Libyens. Schon dort fällt er als aufrührerisch auf. Nachdem er einer Wache in den Fuß gebissen hat, wird bestimmt, dass er angekettet verhungern soll. Doch der feiste Batiatus (Peter Ustinov), der in Süditalien eine Gladiatorenschule betreibt und Rekruten sucht, bewahrt ihn vor dem Tod. Unter dem harten Training des herzlosen Marcellus (Charles McGraw) reift Spartacus zum Kämpfer heran. Nebenbei verliebt er sich in die Sklavin Varinia (Jean Simmons). Als sie nach Rom verkauft wird, ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Spartacus tötet Marcellus mit bloßen Händen und löst damit einen Gladiatorenaufstand aus, der sich zum gigantischen Sklavenaufstand ausweitet.

Sogar Julius Cäsar läuft durchs Bild

Es tummeln sich die geschichtlichen Gestalten: Da sind die machtgierigen römischen Senatoren Crassus (Laurence Olivier) und Gracchus (Charles Laughton), letztgenannter allerdings historisch flexibel dem zum Zeitpunkt der Ereignisse im Jahrhundert vor Christi Geburt schon einige Zeit toten Tiberius Sempronius Gracchus nachempfunden. Wir haben Marcus Publius Glabrus (John Dall), der erfolglos gegen das Sklavenheer zu Felde zieht, das an den Hängen des Vesuvs lagert. Auch die Existenz von Spartacus‘ Gladiatoren-Mitstreiter Crixus (John Ireland) scheint verbürgt zu sein. Sogar ein gewisser Julius Caesar (John Gavin) darf ab und zu durchs Bild laufen und einen guten Eindruck im Intrigenspiel der Senatoren hinterlassen.

Kubrick mag unzufrieden gewesen sein, der Erfolg gab Kirk Douglas recht: 1961 erhielt Spartacus vier Oscars – für Nebendarsteller Peter Ustinov, Kamera, Szenenbild und Kostümdesign – und einen Golden Globe als bester Film. Sein Status als großes episches Kino ist mittlerweile unstrittig.

Brisante Drehbuch-Personalie Dalton Trumbo

Seinerzeit interessanter als die Personalie Regiestuhl war Douglas‘ Wahl des Drehbuchautors: Dalton Trumbo (1905–1976) war in der McCarthy-Ära aufgrund angeblicher unamerikanischer Umtriebe im Gefängnis und auf der Schwarzen Liste gelandet und konnte nur unter Pseudonym arbeiten. Seine Drehbücher zu „Ein Herz und eine Krone“ und „Roter Staub“ erhielten 1954 und 1957 Oscars, die Trumbo nicht selbst entgegennahm. Für „Spartacus“ erhielt er erstmals nach langer Zeit wieder einen Drehbuch-Credit unter seinem echten Namen, was einiges Aufsehen erregte. Später nahm Trumbo sogar ein einziges Mal selbst auf dem Regiestuhl Platz: beim eindringlichen Antikriegsdrama „Johnny zieht in den Krieg“, das 1971 in Cannes mit dem Großen Preis der Jury und dem FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik prämiert wurde.

Früher hatte „Spartacus“ bei uns eine FSK-Freigabe ab 16 Jahren. Obwohl sie mittlerweile auf 12 herabgestuft worden ist und die gezeigte Gewalt nicht an die Metzel-Exzesse der ab 2010 entstandenen TV-Serie heranreicht, ist diese nicht von schlechten Eltern. Da bohren sich Speere in Körper, in der letzten großen Schlacht hackt Spartacus einem römischen Soldaten einen Arm ab, nach Abschluss der Kampfhandlungen türmen sich Leichenberge, und Gekreuzigte sind sicher auch nicht die Sache jedes Zwölfjährigen. Also Obacht an die Eltern, lasst das den Nachwuchs vorzugsweise in eurer Gegenwart schauen, wenn Ihr denn schon meint, dass er das verträgt.

Brillante Restauration

Die 2015er erfolgte 6K-Restaurierung des Bilds ist brilliant. Der Film soll 1960 entstanden sein?! Das glaubt doch kein Mensch. Meine Sichtung einer älteren Version liegt zu viele Jahre zurück, um einen Vergleich zu ziehen, aber besser kann man einen „alten Schinken“ wohl nicht aufarbeiten – zumal wir seit den 90er-Jahren in den Genuss der restaurierten Fassung kommen, seit 2010 auch auf Blu-ray. Sie enthält unter anderem ein paar kurze Gewaltspitzen mehr, die Ouvertüre und das musikalische Zwischenspiel sowie eine homoerotisch aufgeladene Szene zwischen Crassus und seinem Sklaven Antoninus (Tony Curtis). Für eine ausführliche Betrachtung der Unterschiede sei auf den Schnittbericht verwiesen. Die 2015 erschienene „55th Anniversary Edition“, in Großbritannien auch im Steelbook erschienen, ist qualitativ der fünf Jahre älteren „50th Anniversary Edition“ vorzuziehen.

„Spartacus“ mag in den Augen von Stanley Kubrick selbst nicht ganz zu seinen Meisterwerken aufgeschlossen haben, das Epos beweist aber als Teil seiner eindrucksvollen, wenn auch vergleichsweise kurzen Filmografie die Vielseitigkeit dieses visionären Regisseurs. Wer Kubrick mag, kommt auch an dieser Auftragsarbeit nicht vorbei.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Stanley Kubrick sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, die mit Kirk Douglas und/oder Herbert Lom in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 26. November 2015 als Blu-ray (55th Anniversary Edition), 2. Dezember 2010 als Blu-ray (50st Anniversary Edition), 13. Mai 2004 als DVD

Länge: 197 Min. (Blu-ray), 188 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Spartacus
USA 1960
Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch: Dalton Trumbo, nach einem Roman von Howard Fast
Besetzung: Kirk Douglas, Laurence Olivier, Jean Simmons, Charles Laughton, Peter Ustinov, Tony Curtis, John Ireland, Herbert Lom, Woody Strode, John Gavin, Nina Foch, Charles McGraw, John Dall
Zusatzmaterial: Ich bin Spartacus – Im Gespräch mit Kirk Douglas, Spartacus wiederherstellen, unveröffentlichte Szenen, Archivinterviews, ein Blick hinter die Szenen, Ausschnitte aus alten Nachrichtensendungen, Bildgalerie, Original-Kinotrailer
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

spartacus-packshot-dvd spartacus-packshot-br-50

Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: