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Antiviral – Setz dir einen Schuss Berühmtheit: In großen Fußstapfen

22 Okt

Antiviral

Von Lutz R. Bierend

SF-Thriller // Es muss schon schwer sein, wenn man als Spross von berühmten Eltern ins Rampenlicht treten möchte. Zu verführerisch ist für Kritiker der Vergleich mit dem berühmten Verwandten. Nicolas Cage änderte deshalb gleich seinen Nachnamen Coppola, um nicht nicht die Vorwürfe seiner Cousine Sofia zu hören, deren Rolle in „Der Pate – Teil III“ nur der Tatsache zugeschrieben wurde, dass ihr Vater der legendäre Regisseur war. Besonders schwer wird es, wenn die Kinder auch noch im selben Beruf wie der berühmte Verwandte ihre Lorbeeren verdienen wollen (in der Hinsicht hat sich Sofia 2003 mit „Lost in Translation“ immerhin etwas freigeschwommen).

Als Regiedebüt prämiert

Dieser Aufgabe hatte sich Brandon Cronenberg bereits 2012 gestellt, als er mit seinem „Antiviral“ nach eigenem Drehbuch aus dem Schatten seines Vaters David heraustrat. Mit der Busch Media Group hat sich jetzt endlich jemand gefunden, der Cronenberg Juniors Langfilm-Regiedebüt sechs Jahre nach seiner Erstaufführung auch dem deutschen Publikum näherbringt. Erstaunlich, dass dies so lange gedauert hat, hatte „Antiviral“ bei den Filmfestspielen doch sogar in Cannes seine Premiere in der Certain Regards Section und war dort für die Camera d‘Or als bestes Debüt nominiert. Bei drei weiteren Festivals hat er sogar die Preise für das beste Regiedebüt gewonnen (u. a. beim Toronto International Film Festival und beim Sitges). Eigentlich ein Armutszeugnis für die deutsche Filmlandschaft. Allerdings muss man auch sagen, dass Brandon der Erwartung des Publikums durch seinen Vater David wenigstens in einem Punkt sehr gerecht wird: „Antiviral“ ist nicht leicht zu verdauen, ebenso wie viele Filme seines Vaters, die zwar eine unglaubliche visuelle Kraft und viel Spielraum für Interpretation lassen, aber auch schwere Kost sind. Selbst Fans des Body Horrors von David Cronenberg sind fast erleichtert, wenn Max Renn in „Videodrome“ (1983) das Publikum nach 89 Minuten mit seinem Selbstmord endlich aus dem Kinosaal entlässt. Von dem Gynäkologen-Horror von „Die Unzertrennlichen“ (1988) wollen wir da ebenso wenig reden und wie über den vielfach verbotenen „Crash“ (1996), über den Roger Ebert treffend sagte: I admired it, although I cannot say I „liked“ it.

Die schöne Hannah Geist und das Biest Syd March, der ihre Krankheiten vermarktet

„Antiviral“ erzählt von einer degenerierten Gesellschaft, in der das Leben der Menschen so sinnentleert ist, dass sie sich nur noch am Dasein der Stars ergötzen. Das endet hier nicht in sozialpornografischen Fernsehformaten wie dem „Dschungelcamp“, sondern in der Lucas Clinic. Hier können sich Fans die Krankheiten ihrer Idole injizieren lassen. Der Exklusiv-Vertrag mit Hannah Geist (Sarah Gadon, „Das 9. Leben des Louis Drax“), einer Art Scarlett Johansson dieses Universums, lässt die Kassen klingeln, und an den Kopierschutz wurde auch gedacht. All die Viren, welche von den Berühmtheiten eingesammelt wurden und als Kulturen gehalten werden, sind dank spezieller Behandlung nicht mehr ansteckend. Wer also den Herpes-Simplex-Virus von Hannah Geist erhalten will, muss für die Spritze schon zahlen, um die authentischen Lippenbläschen des Stars zu bekommen. Einfach nur einen anderen Nerd küssen, der seine Starentstellung zur Schau stellt – das hilft nicht.

Herpes vom Star

Syd March (Caleb Landry Jones, „Get Out“) ist Angestellter der Lucas Clinic und überzeugt die Fans, für das bisschen extra Verbundenheit mit den Stars die Brieftasche aufzumachen. Wo genau muss man die Herpesspritze ansetzen, damit die Erkrankung genauso aussieht, als rühre sie von einem echten Kuss Hannah Geists her? Dafür muss man schon arg besessen sein.

In der Klinik gibt es eine strenge Überwachung der Mitarbeiter, damit das infektiöse Material nicht herausschmuggelt und auf eigene Rechnung verkauft werden kann. An das Originalmaterial kommt niemand ran, denn Syds Kollege Derek Lessing (Reid Morgan) ist der einzige, der Hannahs Viren einsammeln darf. Aber Syd hat einen Weg gefunden, trotzdem etwas Geld zu machen: Von den Spritzen der Kunden spritzt er sich die Reste der Promiviren selbst, auf diese Weise vermehrt er die Erreger in seinem eigenen Körper. Das Ergebnis verkauft er auf dem Schwarzmarkt an Arvid (Joe Pinge), der in Astral Bodies arbeitet, einem Fleischmarkt für die Berühmtheiten, wo aus einzelnen Zellen der Stars Steaks für die Fans gezüchtet werden. Zugegeben, ein argentinisches Rindssteak sieht leckerer aus, aber solange man Originalzellen ihres Hollywood-Stars essen kann, stört es doch nicht, wenn diese wie überlagertes Tofu aussehen. Und die Diskussion, ob das nun Kannibalismus ist, wird ja auch überbewertet. Immerhin wird hierfür niemand in Massentierhalten zur Schlachtbank geführt.

Genau zielen, damit die Herpesbläschen auch an der richtigen Stelle sitzen

Als Derek beim Schmuggeln und Verkaufen von Hannahs Viren erwischt wird, tut sich für Syd eine Chance auf: Er wird zu Hannah geschickt, um dort ihren neuesten Infekt zu ernten, der sie gerade ans Bett fesselt. Im Überschwang der Begeisterung nimmt er etwas mehr Blut ab und spritzt es sich auf dem Heimweg sogleich, in der Hoffnung, diesmal etwas Geld extra zu machen. Dummerweise handelt es sich nicht um einen einfachen Herpesvirus, sondern eine Krankheit, die ihn auf einen üblen halluzinatorischen Trip schickt. Und als er am Morgen schwer krank aufwacht, ist Hannah Geist tot. Als einziger lebender Träger dieses Promivirus wird Syd plötzlich zum vielgesuchten Mann.

Die Bürde des großen Vaters

Wie schon erwähnt: Es ist bestimmt nicht einfach, in ein Geschäft einzusteigen, in dem bereits der Vater sein Revier mit einer ganz eigenen Handschrift markiert hat.
Glücklicherweise hat David Cronenberg mit seinem Regiedebüt „Stereo“ (1969) und anderen Frühwerken durchaus Luft nach oben gelassen. Eine Chance, die George Cameron Romero beispielsweise kaum hatte, hatte sein Vater George A. Romero doch gleich mit seinem Erstling ein ganzes Genre umgekrempelt und mit „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968) einen Klassiker geschaffen. Cronenberg hingegen hat erst später mit den genannten „Videodrome“ „Die Fliege“, „Crash“ und „The Naked Lunch“ und auch den – leider weit unter wert gelaufenen – Science-Fiction-Film „eXistenZ“(1999) sein wahres Potenzial als visionärer Regisseur entfaltet. Insofern ließ er seinem Sohn eine gute Chance, die Erwartungen in sein Debüt zu erfüllen.

Mit einem Erstling wie „Antiviral“ kann Papa David stolz auf seinen Sohn sein. Verglichen mit Davids Frühwerk ist „Antiviral“ eine Offenbarung und selbst im Verhältnis zu seinem Spätwerk schlägt er sich äußerst wacker. Fans von David Cronenberg sollten dem Film definitiv eine Chance geben, nicht nur weil Brandon auch dem Body Horror seines Vaters frönt und mit ekligen Körperflüssigkeiten nicht geizt.

Vom „Dschungelcamp“ zu „Antiviral“

Wenn „Antiviral“ vorgeworfen wurde, dass er eine unangenehme Kälte ausstrahlt und seine Charakteren Tiefe fehlt, dann wirkt dies (ähnlich wie in David Cronenbergs „Crash“) durchaus beabsichtigt und passend für eine Welt, dessen Gesellschaft so sinnentleert und entfremdet ist, dass ihre Einwohner ihrem Leben überhaupt nur noch anhand der Identifikation mit irgendwelchen Berühmtheiten Inhalt und Sinn geben können. Das ist zwar so unangenehm, dass es fast weh tut, aber wenn man sich ansieht, dass es selbst Formate wie „Dschungelcamp“, „Germany’s Next Topmodel“ und „Deutschland sucht den Superstar“ immer noch schaffen, nicht nur die Twittertrends zu beeinflussen, sondern auch in den ernst zu nehmenden Medien Aufmerksamkeit generieren, die sich nicht nur auf der Metaebene der Kritik darstellt, dann legt Brandon Cronenberg den Finger genau dahin, wo es wehtut. „Antiviral“ ist eine zynische Überspitzung einer sinnentleerten Gesellschaft, deren Bevölkerung zum Konsum herangezogen wurde. Der Fankult, welcher Stars zu gottgleichen Gestalten erhebt, ist ein perfekter Ausdruck der inneren Leere von Menschen, deren Leben ohne diesen Konsum wertlos geworden ist. Wenn „Antiviral“ wehtut, dann weil Brandon Cronenberg mit seinem Gesellschaftsbild leider nicht so weit von unserer Realität entfernt ist. Auch wenn die radikal unangenehme Stimmung, die der SF-Thriller verbreitet, vermutlich eher in den 70ern erfolgversprechend gewesen wäre, wo ähnlich schmerzhafte Dystopien wie „Uhrwerk Orange“ noch Kassenschlager werden konnten und ein nicht ganz so ekliger, aber auch nicht sehr optimistischer Film wie „THX 1138“ immerhin die Grundlage für die Karriere eines George Lucas bilden konnte. Bedauerlich, denn auch unsere Wohlfühlgesellschaft, in der Kino hauptsächlich der harmlosen Unterhaltung dient, könnte etwas mehr von dieser subversiven Botschaft vertragen. Welche unangenehm schmerzhaften Dystopien könnt Ihr empfehlen?

Hannah Geist sah attraktiver aus, als Syd sich die Viren aus ihren Venen zog

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Malcolm McDowell sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 19. Oktober 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Antiviral
KAN/F 2012
Regie: Brandon Cronenberg
Drehbuch: Brandon Cronenberg
Besetzung: Caleb Landry Jones, Lisa Berry, Sarah Gadon, Malcolm McDowell
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Label: Busch Media Group
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Lutz R. Bierend
Szenenfotos: © 2018 Busch Media Group

 
 

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23 Antworten zu “Antiviral – Setz dir einen Schuss Berühmtheit: In großen Fußstapfen

  1. Marcel Hill

    2018/11/09 at 20:30

    Meine Favoriten sind wohl Flucht ins 23. Jahrhundert, In Time und Jin-Roh.

     
  2. Thomas Hortian

    2018/11/07 at 06:39

    „Fahrenheit 451“, „Punishment Park“, „12 Monkeys“, „Brazil“, „Das 10. Opfer“, „That’s It“, „Battle Royale“

     
  3. Frank Idstein

    2018/11/06 at 07:15

    Da schon einiges genannt wurde erwähne ich noch Pulse und Flucht ins 23. Jahrhundert.

     
  4. Ralf

    2018/11/03 at 12:05

    Da er erstaunlicherweise noch nicht genannt wurde: „Gattaca“.

     
  5. Edgar Müller

    2018/11/03 at 11:51

    Clockwork Orange

     
  6. Dirk B.

    2018/11/02 at 23:30

    Schon vieles genannt, mir fällt noch „The Day – Fight. Or Die ein

     
  7. Frank Hillemann

    2018/11/02 at 20:17

    Mad Max / Brazil / Jahr 2022 …… die überleben wollen / Der Omega Mann / Flucht ins 23. Jahrhundert / Zombie (1978)

     
  8. Andreas H.

    2018/11/02 at 16:28

    Ich mag besonders Equilibrium, Der Omega-Mann, Flucht ins 23. Jahrhundert, 1984.

     
  9. Oliver Maey

    2018/11/02 at 14:53

    Was wurd n hier noch net genannt.. Hmmm..

    Dann nehm ich ma..

    Soylent Green und Omega Man..

     
  10. Remco Berents

    2018/11/02 at 14:15

    Logans Run – Flucht ins 23. Jahrhundert (weil sein Todesdatum zu wissen ist extrem gruselig)

     
  11. Lilly

    2018/11/02 at 13:38

    1984
    Wenn der Wind weht
    Schöne neue Welt
    Brazil
    Fahrenheit
    Und aktuell als Buch: NSA

     
  12. Dirk Busch

    2018/11/02 at 09:57

    So auf Anhieb würde ich sagen : Mad Max…The Road…Robocop…Children of Men…1984…Die 5.Welle…Die Klapperschlange…Fahrenheit 451…Snoepiercer…Blade Runner…Brazil…How it Ends.Mehrfallen mir auf Anhieb nicht ein. 🙂

     
  13. Filmschrott

    2018/11/02 at 09:41

    Nicht unangenehm schmerzhaft, aber in meinen Augen unterbewertet: DARK CITY

     
  14. Christoph Leo

    2018/11/02 at 09:08

    Absolut passend und ein hervorragender Film ist „Brazil“, mit einer beunruhigenden, damals noch Zukunft und trotzdem sehr unterhaltsam und z.T. auch lustig. Weiterhin fallen mir da noch Fahrenheit 451 und natürlich 1984 ein.

     
  15. Claudia

    2018/11/02 at 08:39

    der Klassiker Clockwork Orange

     
  16. Tomasz Kordula

    2018/11/02 at 07:25

    Clockwork Orange

     
  17. Samara

    2018/11/02 at 06:56

    Hallo,

    Filme in diese Richtung gibt es ja allerhand…wenn ich nicht völlig damit falsch liege, hier eine kleine Aufzählung was mir ganz gut gefallen hat bzw. ich noch in Erinnerung habe.

    * Equilibrium
    * Doomsday
    * Surrogates
    * Repo Men
    * Aeon Flux
    * In Time
    * Riddick
    * Mad Max
    *…..

     
  18. Frank Warnking

    2018/11/02 at 06:49

    da fällt mir nur Watchmen ein 🙂

     
  19. Rico Lemberger

    2018/11/02 at 05:50

    Für mich gibt es da nichts besseres als Clockwork Orange. In die gesuchte Kategorie könnten aber auch Battle Royal und Running Man fallen. Bewegt zumindest zum nachdenken.

     
  20. Thomas

    2018/11/02 at 05:41

    1984, Flucht ins 23. Jahrhundert und Battle Royale fallen mir da ein.

     
  21. Jens Albers

    2018/11/02 at 05:23

    Puh, die sind jetzt nicht sonderlich schmerzhaft aber ich finde man sollte folgende Filme defintiv mal gesehen haben:

    -Idiocracy
    -Watchmen
    -Cloud Atlas
    -Equilibrium
    -THX 1138
    -Metropolis

     
  22. Fatherleft

    2018/10/22 at 14:34

    Ach einen der unangenehmsten Filme neben Clockwork Orange wäre „Ghost of the Civil Dead“ (Willkommen in der Hölle) John Hillcoats Debüt von 1988.

     

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