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Zum 100. Geburtstag von Jack Palance: Die Bestie der Wildnis – Pessimistisch, provokant, düster

18 Feb

Arrowhead

Von Ansgar Skulme

Western // Die US-Armee sieht sich kurz vor einem vermeintlich aussichtsreichen Friedensabkommen mit den Apachen. Nur der Scout Ed Bannon (Charlton Heston), selbst bei den Ureinwohnern aufgewachsen, äußert vehement seine Skepsis. So lange bis er schließlich sogar vor dem Rauswurf steht. Gefährdet er mit seiner sturen Beharrlichkeit die Annäherung oder ahnt er, dass es sich bloß um eine Ruhe vor dem bösen Sturm handelt? Die Heimkehr des Häuptlingssohns Toriano (Jack Palance) scheint Gutes zu verheißen – er hat an der Ostküste eine großstädtische Ausbildung genossen. Doch Bildung lässt sich bekanntlich auch zu negativen Zwecken missbrauchen, insbesondere wenn man als großer Hoffnungsträger auf die bedingungslose Gefolgschaft seiner Anhänger setzen kann.

„Die Bestie der Wildnis“ zeigt Jack Palance, der am 18. Februar 2019 einhundert Jahre alt geworden wäre, in einer seiner physischsten Rollen. Der Sohn ukrainischer Einwanderer wirkt dabei als nordamerikanischer Ureinwohner recht überzeugend und liefert energisch eine der finstersten Indianerdarstellungen der Westerngeschichte ab. Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs hatte Palance während eines Trainingsflugs schwere Verbrennungen erlitten und sich nur knapp durch einen Fallschirmsprung aus einem brennenden B-24-Bomber retten können. Es heißt, dass die nachfolgenden operativen Eingriffe sein prägnantes Gesicht, die sehr tief zu sitzen scheinenden Augen und ungewöhnlich hervorstechenden Wangenknochen, in der heute bekannten Form bedingt hätten. Palance war sich der Möglichkeiten, die sein Aussehen mit sich brachte, offenkundig bestens bewusst. Er erhielt in den 50ern zwar auch einige Heldenrollen und machte sogar als Liebhaber eine gute Figur, konnte in „Die Bestie der Wildnis“ aber ein Schurke der brutalsten Sorte sein und dieses einmalige Gesicht dementsprechend ausspielen. Die Rolle war eine Herausforderung, die er sichtlich ernst nahm, wobei er sein eindrückliches Antlitz geschickt nutzte. In manchen Szenen wirkt er regelrecht wie der leibhaftige Tod, außer Atem und gefühlt jeden Muskel seines Körpers anspannend, zudem immer wieder die Augen intensiv einsetzend. Mir sind nicht viele Spielfilm-Beispiele bekannt, in denen die Gesichtszüge eines Schauspielers in einer Rolle so sehr einem nur sachte mit Haut überzogenen Totenkopf ähneln wie hier. Eine eindrucksvolle, offensive Performance, die ein so provokant mit Extremen hantierender Film tatsächlich sogar braucht, um konsequent zu bleiben.

Ein Film, der Grenzen austestet

„Die Bestie der Wildnis” war das Nachfolgeprojekt zu „Pony Express“ – derselbe Produzent (Nat Holt), derselbe Drehbuchautor (Charles Marquis Warren), derselbe Kameramann (Ray Rennahan), derselbe Komponist (Paul Sawtell), derselbe Hauptdarsteller (Charlton Heston). In den USA wurden beide Filme binnen eines Vierteljahres veröffentlicht. Der zentralste personelle Unterschied: Charles Marquis Warren übernahm diesmal auch selbst die Inszenierung seines Skripts. Ob dies einer der Gründe dafür ist, dass der Oscar-Preisträger Ray Rennahan („König der Toreros“) an der Kamera hier aus dem Technicolor noch mehr grandiose Bilder herauszukitzeln vermochte als im vorausgegangenen Film – mutmaßlich, weil sich hier mehr Zeit für die entsprechenden Bildkompositionen genommen worden sein mag –, ist nicht gesichert, aber denkbar. „Die Bestie der Wildnis“ wirkt technisch abgerundeter als „Pony Express“. Unterstützt von Paul Sawtells erneut recht mystischer, düsterer Musik wird dieser pessimistische Western so zu einem Paradebeispiel für ästhetische Düsternis im Genre, einschließlich einiger wundervoll gefilmter und beleuchteter Nachtaufnahmen.

Ein Western, der letztlich von dem Punkt handelt, an dem alle Verhandlungen scheitern, weshalb im Kampf die finale Entscheidung über den existenzialistischen Streit der Kulturen gesucht wird, und der dadurch eine gewisse Art Endzeit-Stimmung generiert. Und wenn ein Film die gewaltsame Auseinandersetzung als mögliche Lösung eines solchen Konflikts heraufbeschwört und ausführlich bebildert, heißt das wohlgemerkt nicht automatisch, dass die Macher Partei für eine solche Lösung ergreifen – und das muss auch keine Sensationslust sein, sondern kann schlicht als Dokumentation eines sehr tragischen Verlaufs von Geschehnissen verstanden werden, sogar unabhängig vom Ansinnen, dass die Verantwortlichen mit dem Film verfolgt haben mögen oder auch nicht. Es ist ja nicht die originäre Aufgabe von Filmen, immer die bestmöglichen Lösungen aufzuzeigen, sondern genauso gut können Anti-Beispiele ins Feld geführt werden. Filmische Schilderungen, die gut für ein „Nie wieder!“ zu einem solch brutalen Konflikt herhalten könnten, wofür man die Eskalation dann aber auch erst einmal in aller Deutlichkeit zeigen sollte – und so ein Film ist „Die Bestie der Wildnis“ unter dem Strich. Im Grunde eine Art Western-Kriegsfilm in diese Genres eindrücklich vermischender Form, in dem die Apachen so in etwa das Pendant zu beispielsweise den Japanern sind.

Verklärungen ins Positive und Negative

Rückblickend wurde dem Konzept zuweilen vorgeworfen eine so radikale Negativposition gegenüber den Indianern zu vertreten, dass „Die Bestie der Wildnis“ dahingehend ein Extrembeispiel der Westerngeschichte sei. Daran sind die Macher ein Stück weit sicher auch selbst schuld, da sie sich durch historisch kontextualisierende, rahmende Textpassagen im Film angreifbar machen. Wenn ich den Film von vornherein in einen Zusammenhang mit gewissen historischen Personen setze, muss ich natürlich damit leben, dass mir dann schnell einmal Verklärung unterstellt wird. Man sollte daher in jedem Fall festhalten, dass der von Charlton Heston verkörperte Protagonist Ed Bannon genau genommen die einzige Figur in „Die Bestie der Wildnis“ ist, die kein gutes Haar an den Ureinwohnern lässt und auch nicht an allen Indianern, sondern explizit nur an den Apachen, was persönlichen Motiven der Figur geschuldet ist. Bannon hegt Rachegedanken, die sein schroffes und gegenüber den Apachen sehr böses Auftreten erklären, aber dass das Motiv der Rache allein ein Grund dafür ist, diesem Western grundsätzlich indianerfeindliche oder gar rassistische Tendenzen zu unterstellen, zweifle ich stark an. Letztlich bleibt der Film doch der Botschaft treu, das Übel entstehe dadurch, dass die Apachen von Toriano aufgehetzt werden. Von einer Dämonisierung des gesamten Volkes der Apachen oder gar aller Indianer kann daher keine Rede sein. Man muss sogar herausstellen, dass „Die Bestie der Wildnis“ beispielsweise – im Gegensatz zu diversen anderen Western – auf eine Darstellung mancher Indianer als schlicht dumm beziehungsweise grobschlächtig und ungebildet verzichtet. Selbst die sich besonders verschlagen zeigenden Charaktere machen im Endeffekt eine recht clevere Figur, da sie ja schließlich eine Rolle spielen, um die Soldaten zu täuschen. Wenn man etwa an die stumpf brandschatzenden, profil- und motivlosen Meuchelmörder mit Söldnercharakter denkt, die John Ford in „Trommeln am Mohawk“ (1939) auf die Zuschauer losließ, ist „Die Bestie der Wildnis“ vergleichsweise regelrecht eine Verbeugung vor für eine Sache und ihre Kultur kämpfenden Indianern, die lediglich gegenüber den „Weißen“ ab einem gewissen Punkt ähnlich rassistisch auftreten, wie manche „Weiße“ gegenüber ihnen. Mögen sie auch auf fehlgeleiteten Pfaden unterwegs sein und eindeutig falsche, drastische sowie unfaire Mittel wählen – der Film stellt sie definitiv nicht als minderwertig dar, und das ist letztlich entscheidend.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle eher die Frage stellen: „Selbst wenn es historisch nur einen einzigen Ureinwohner-Stamm gegeben haben sollte oder könnte, der einmal in dieser Form gegenüber den US-Soldaten agierte – warum darf man darüber nicht auch mal einen Film machen?“ Ob dies historisch dann nun Apachen waren oder nicht, ist letzten Endes Erbsenzählerei, da diese Figuren nur eine eher symbolische Aufgabe im narrativen Kontext erfüllen, die man nicht persönlich nehmen sollte. Im Interesse einer ganzheitlichen Betrachtung spricht eigentlich nichts dagegen, sogar einmal einen vom Negativsten ausgehenden Blick zu wagen, der dann natürlich im Kontext sonstiger Blickwinkel gesehen werden muss. Am Ende des Tages hat ein solcher Western genau dieselbe Daseinsberechtigung wie gegenteilige Extreme vom Schlage „Winnetou“. Dass die historische Wahrheit sicher irgendwie in der Mitte liegt, kann man sich als findiger Zuschauer mit Bildung leicht selbst erschließen.

Atmosphärisch fesselnd

Wenn man sich von den Historisierungen einmal löst, verbleibt ein atmosphärisch dichter, kameraästhetisch ausgesprochen sehenswerter, spannender Film, der zudem eine ganze Reihe an guten Darbietungen vorweist. Hierbei sollte man neben Jack Palance auch Charlton Heston nicht vernachlässigen – mag man von der Moral seiner Figur auch halten, was man will. Heston wirkt in „Die Bestie der Wildnis“ wesentlich älter als beispielsweise in „Pony Express“ (1953), „Die größte Schau der Welt“ (1952) und „Stadt im Dunkel“ (1950), was dem Wesen der Rolle, der Leistung der Crew-Mitglieder in der Maske, die hier mit dezenten Mitteln viel bewirkten, und seiner überzeugenden schauspielerischen Darbietung geschuldet ist. An seiner Seite freut man sich über wichtige Charakterdarsteller des klassischen Hollywoods mit besonderem Profil wie Robert J. Wilke, Pat Hogan, Frank DeKova – bei dem die Maske ebenfalls Beachtliches leistete –, Peter Coe und James Anderson. Dazu eine tragische Rolle für Katy Jurado, die diesen Film kurz nach ihrem ersten großen Hollywood-Erfolg, „12 Uhr mittags“, drehte. Ferner spielte Brian Keith, dem schon bald darauf Hauptrollen überantwortet wurden, in „Die Bestie der Wildnis“ seine erste Kinorolle mit Nennung in den Credits und eine recht große noch dazu.

Nicht zuletzt ist da eine sehr gelungene deutsche Synchronfassung, in der Keith von keinem Geringeren als Harald Juhnke vertont wurde – der bekam als Synchronsprecher häufiger als vor der Kamera Gelegenheit, die Vielfältigkeit seines Talents und Könnens zu beweisen. Als Stimme von Charlton Heston macht auch hier Heinz Engelmann eine gute Figur. Wenngleich sich später vor allem Ernst Wilhelm Borchert etablierte, möchte ich Engelmann als Hestons Stimme in den beiden Nat-Holt-Western „Pony Express“ und „Die Bestie der Wildnis“ keinesfalls missen. Zwei gute Beispiele dafür, dass Engelmann einfach so etwas wie die ideale Western-Stimme hatte und die Zuschauer allein schon durch seine stimmliche Präsenz hervorragend in diese filmischen Welten zu ziehen vermochte.

Was die Darbietung von Jack Palance angeht, erinnere ich mich, dass ich lange Zeit davon ausging, er sei hier genau wie beispielsweise in „Attila, der Hunnenkönig“ (1954) – wo er eine ähnlich finstere Rolle mit leibhaftigem Totenkopf-Charakter spielte – von dem für Palance schlicht grandios funktionierenden Friedrich Joloff synchronisiert worden. Doch die dunkle Erinnerung hatte mir einen Streich gespielt – das passiert einem in der Filmwissenschaft beim Rekapitulieren früherer Seherlebnisse dann doch ab und an einmal, wie ich immer wieder feststelle. Als ich „Die Bestie der Wildnis“ nach vielen Jahren erneut sah, war ich dementsprechend überrascht, Fritz Tillmann als Toriano zu hören. Tillmann gelang es gut, die schräge Art und Weise, wie Jack Palance seine Mimik in der Rolle im Original einsetzt, stimmlich zu adaptieren und den dazugehörigen atemlosen Wahnwitz im Unterton mitschwingen zu lassen. Das wirkt manchmal etwas sonderbar, aber nur deswegen, weil sich Tillmann gut durchdacht dem Gesamtbild der Figur unterordnete. Er spielt die expressive Mimik von Palance gewissermaßen durch seine Stimme mit, während Torianos Stimme im Original oft viel ruhiger scheint.

Der Mann mit der Blüte im Knopfloch

Wenn man zum 100. Geburtstag von Jack Palance einen Film auswählen soll, sieht man sich einem vielseitigen Portfolio eines Schauspielers gegenüber, der heute für einige seiner Nebenrollen wahrscheinlich sogar bekannter als für die nicht zu unterschätzende Zahl an Hauptrollen ist, die er verkörpert hat. Da ist der schon in den frühen 50ern in Hollywood erfolgreiche Jack Palance, der schnell zum Star aufstieg, der ab den 60er-Jahren aber auch in italienischen Filmen sehenswerte Gastspiele feierte und sich in dem Italowestern „Mercenario – Der Gefürchtete“ (1968) schließlich eines der besten Duelle der Geschichte des Genres mit Tony Musante, im Beisein von „Django“-Legende Franco Nero, lieferte. Eine Sequenz, die man schon allein als Fan von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (2012) unbedingt einmal gesehen haben sollte, da eine bestimmte Passage mit Jack Palance in „Il Mercenario“ eindeutig als Inspiration für eine Szene mit Leonardo DiCaprio bei Tarantino diente. Jack Palance ist einer der wenigen Schauspieler, die sowohl im klassischen Hollywood-Western der 50er als auch im Italowestern mehrfach in großen Rollen zu sehen waren. Auch im hohen Alter machte er zudem noch mit Filmen wie „Out of Rosenheim“ (1987), „Batman“ (1989), „Tango und Cash“ (1989) sowie „City Slickers – Die Großstadt-Helden“ (1991) von sich reden. Für letztgenannte Komödie gewann er mit 73 Jahren schließlich sogar seinen ersten und einzigen Oscar und präsentierte im Zuge seiner Dankesrede auf der Bühne spontan ein paar Liegestütze, mit einem Arm am Körper anliegend – womit er sich ein weiteres Denkmal schuf.

Was die DVD-Veröffentlichungen von „Die Bestie der Wildnis“ international anbelangt, scheinen mir einige rechtliche Hintergründe unklar. Sicher ist, dass der Film in den USA schon 2004 offiziell von Paramount veröffentlicht wurde, es aber im Anschluss daran – im Gegensatz zu Produktionen wie „Der nackte Dschungel“ (1954) und „Rivalen ohne Gnade“ (1956), zwei anderen Paramount-Filmen aus diesem Zeitfenster mit Charlton Heston – bedauerlicherweise nicht via Paramount-Vertrieb nach Deutschland schaffte. Die wunderbaren Bilder von Ray Rennahan verdienen es, in bestmöglicher Qualität betrachtet zu werden.

Veröffentlichung (USA): 9. November 2004 als DVD

Länge: 105 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Arrowhead
USA 1953
Regie: Charles Marquis Warren
Drehbuch: Charles Marquis Warren, nach einem Roman von W. R. Burnett
Besetzung: Charlton Heston, Jack Palance, Katy Jurado, Brian Keith, Milburn Stone, Pat Hogan, James Anderson, Mary Sinclair, Peter Coe, Frank DeKova
Verleih: Paramount Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

 

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