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Erdbeben – Wenn „The Big One“ zuschlägt

30 Mrz

Earthquake

Von Volker Schönenberger

Katastrophen-Action // Frühmorgens joggt der Bauingenieur Stewart Graff (Charlton Heston) durch die sonnigen Straßen von Los Angeles. Daheim trainiert der Ex-Footballer noch ein wenig mit dem Expander, streitet sich derweil mit seiner Frau Remy (Ava Gardner), mit der er eine seit langer Zeit lieblose Ehe führt und die – womöglich genau deswegen – gern einen über den Durst trinkt. Als er nach einer Dusche das Haus verlassen will, bemerkt er, dass sie wie leblos auf dem Bett liegt. Eine leere Tablettendose lässt ihn vermuten, dass sie erneut eine Überdosis Pillen eingeworfen hat. Doch als ein Erdstoß das Haus erschüttert, schreckt Remy hoch und wirft sich in Panik in Stewarts Arme – sie hat den Selbstmordversuch nur vorgetäuscht. Erbost sucht er das Weite.

Remy beklagt sich bei ihrem Vater Sam Royce über ihren Ehemann

Auf dem Weg ins Büro schaut Stewart noch bei der jungen Schauspielerin – und Witwe – Denise Marshall (Geneviève Bujold) vorbei, bringt ihrem Sohn Corry (Tiger Williams) einen signierten Football; wenig später erfahren wir, dass Stewart und Denise eine Affäre haben. Remys Vater Sam Royce (Lorne Greene) ist gleichzeitig Stewarts Boss. Er bietet seinem Schwiegersohn an diesem Tag die Leitung des Unternehmens an, doch Stewart erbittet sich Bedenkzeit.

Der Supermarkt-Verkäufer als Stalker

Derweil muss sich der desillusionierte Polizist Lou Slade (George Kennedy) damit abfinden, vom Dienst suspendiert worden zu sein, weil er nach einer wilden Verfolgungsjagd außerhalb der Reviergrenzen einem Kollegen eine gepfeffert hat. Parallel bereitet der Motorradfahrer Miles Quade (Richard „Shaft“ Roundtree) mit seinem Partner Sal Amici (Gabriel Dell) eine spektakuläre Stuntshow vor. Sals vollbusige Schwester Rosa (Victoria Principal, „Dallas“) soll dabei als Blickfang dienen, zeigt sich aber nicht sonderlich erpicht auf den Job. Sie ahnt nicht, dass sie in dem Supermarkt-Verkäufer Jody Joad (Marjoe Gortner) einen Verehrer hat, mit dem sie in Kürze noch üble Erfahrungen machen wird. Jody wird nach dem morgendlichen Erdbeben als Mitglied der Nationalgarde zu seiner Einheit beordert.

„The Big One“ erschüttert Los Angeles

Die kurzen Erdstöße in der Früh hatten bereits fatale Folgen: An der Hollywood-Talsperre (dem Mulholland Dam) ertrinkt ein Aufseher bei einem Kontrollgang, als ein Aufzugschacht voll Wasser läuft. Zwei Wissenschaftler des Seismologischen Instituts Kalifornien sterben, als sie bei Untersuchungen in einem Graben aufgrund von Erdbewegungen verschüttet werden. Dann bricht das Inferno über Los Angeles herein: das große Beben.

Herausragende Tricktechnik

Beeindruckend, welche Illusionen die Tricktechnik auch in vordigitaler Zeit erzeugen konnte. Mit Miniaturen, gemalten Kulissen – sogenannte Matte Paintings – und zwecks ruckelnder Bewegungen auf Rollen montierter Sets versetzt „Erdbeben“ sein Publikum mitten in die titelgebende Naturkatastrophe. Hinzu kamen Kamera-Systeme, die selbst Schüttelbewegungen ausführten und so den Eindruck der Erdstöße verstärkten. Zahlreiche Stunts taten ihr Übriges, das Resultat ist auch fast 45 Jahre später atemraubend. Es wurde seinerzeit in den Kinos akustisch mit dem neuen, wenn auch kurzlebigen Sensurround-Verfahren verstärkt, das besonders tiefe Töne erzeugte. Nur vier weitere Filme kamen mit Sensurround-Ton in die US-Lichtspielhäuser: „Schlacht um Midway“ (1976), „Achterbahn“ (1977), „Kampfstern Galactica“ (1978) und „Mission Galactica – Angriff der Zylonen (1979). „Erdbeben“ erhielt 1975 einen Oscar für den Ton, bei der Verleihung zudem einen „Special Achievement Award“ für die visuellen Effekte. Auch in den Kategorien Kamera und Schnitt war „Erdbeben“ nominiert, unterlag dort aber dem anderen großen Katastrophenfilm des Jahrs 1974, „Flammendes Inferno“, der auch an den Kinokassen die Nase vorn hatte. In der Kategorie „Art Direction – Set Decoration“ schnappte „Der Pate 2“ beiden Filmen den Academy Award weg.

Stewart hat das Bürogebäude erreicht …

Die Beziehungen der Figuren sind spannend genug geraten, ihre Entwicklung dient aber natürlich letztlich nur dazu, auf den Höhepunkt hinzusteuern – das große Beben. Immerhin interessiert man sich ausreichend dafür, wer überlebt und wer nicht. Legendär ist natürlich der Gastauftritt von Walter Matthau als Schnapsdrossel in der Kneipe. Der Gute hat kaum Text, lallt lediglich ab und zu den Namen einer berühmten Persönlichkeit hinaus, dem er zuprostet. Im Abspann war Matthau als Walter Matuschanskayasky genannt – Auslöser des sich hartnäckig haltenden, aber falschen Gerüchts, er hieße tatsächlich so. Matthau war Mitte der 1970er-Jahre schon ein großer Star, der derlei Minirollen nicht nötig hatte; er übernahm den Part, um dem Produzenten Jennings Lang einen Gefallen zu tun, mit dem er gut befreundet war.

Langfassung fürs US-Fernsehen

Für die US-Fernsehpremiere zwei Jahre nach dem amerikanischen Kinostart wurde „Erdbeben“ um eine satte halbe Stunde verlängert. An sich für den neuen „Big Events“-Sendeplatz von NBC vorgesehen, der inklusive Werbung auf zwei Stunden angelegt war, war die Kinofassung dafür mit knapp über zwei Stunden Nettolaufzeit deutlich zu lang. Dank der Verlängerung des Films machte der Sender aus der Not eine Tugend und die als Großereignis konzipierte und beworbene Ausstrahlung zum Zweiteiler.

… und beteiligt sich daran, die Menschen abzuseilen

Dabei wurden ein paar Szenen eingebaut, die beim Schnitt der Kinofassung der Schere des Cutters zum Opfer gefallen waren, so etwa die Einleitung, in der ein Sprecher die San-Andreas-Verwerfung thematisiert. Dabei handelt es sich um eine tektonische Transformstörung, an der die Pazifische Platte auf die Nordamerikanische Platte trifft. Die San-Andreas-Verwerfung wird für die seismischen Aktivitäten und Erdbeben in Kalifornien verantwortlich gemacht, darunter auch das Erdbeben von San Francisco 1906 mit mehr als 3.000 Toten. In Kalifornien wird seit etlichen Jahrzehnten befürchtet, ein neues großes Beben werde die Katastrophe vom Beginn des 20. Jahrhunderts noch übertreffen. Wann kommt „The Big One“?

Derweil sucht Denise ihren Sohn …

Den Großteil der zusätzlichen Szenen machten allerdings neue Sequenzen aus, die ohne Mitwirkung von Regisseur Mark Robson gedreht wurden. Am auffälligsten ist ein vollständig neuer Handlungsstrang um die jungen Eheleute Kathie und Tony (Debralee Scott, Sam Chew), die sich auf dem Flug nach Los Angeles befinden. Tony hofft darauf, von Stewart Graff einen lukrativen Job angeboten zu bekommen. Kathie legt während des Flugs die Karten und erkennt nahendes Unheil. Ihr Passagierflugzeug setzt ausgerechnet während des Erdbebens zur Landung auf dem Los Angeles International Airport an. Ich hätte darauf gut verzichten können, zumal Bild und Ton der Kinofassung auf der Blu-ray im capelight-Mediabook deutlich besser sind als bei der TV-Fassung. Obendrein ist das 2.35:1-Breitbild dem 1.33:1-Fernsehformat vorzuziehen, zudem wurde der Film fürs Fernsehen minimal entschärft, also zensiert, so etwa um ein paar Schimpfwörter. Auch ein – allerdings ohnehin überaus künstlich aussehender und eher als blutiger Gag wirkender – Blutschwall am Ende einer Szene im Fahrstuhl wurde entfernt. Die genauen Unterschiede zwischen Kino- und Fernsehfassung finden sich im Schnittbericht.

… und begibt sich dabei in Lebensgefahr

Regisseur Mark Robson (1913–1978) begann seine Laufbahn unter dem Produzenten Val Lewton mit den vier bemerkenswerten Arbeiten „The 7th Victim“ (1943), „The Ghost Ship“ (1943), „Isle of the Dead“ (1945) und „Bedlam“ (1946). Mystery-Thriller und Horror – komplett anderer Stoff als „Erdbeben“, gleichwohl außergewöhnlich und sehenswert. Für „Glut unter der Asche“ (1957) und „Die Herberge zur sechsten Glückseligkeit“ (1958) war Robson Oscar-nominiert. „Erdbeben“ war seine vorletzte Regiearbeit. Kurz nach der Fertigstellung von „Lawinenexpress“ (1979) starb er, der Actionthriller mit Lee Marvin und Robert Shaw kam posthum in die Kinos.

Mediabook von capelight pictures

capelight pictures hat das Mediabook von „Erdbeben“ mit zwei Blu-rays und einer DVD bestückt, wobei sich auf der zweiten Blu-ray die TV-Fassung befindet. Diese lediglich mit englischer Originaltonspur in Stereoton, da die zusätzlichen Szenen nie ins Deutsche synchronisiert worden sind. Deutsche Untertitel lassen sich zuschalten. Bei der Kinofassung lässt sich die englische Version sogar mit Sensurround-Ton auswählen. Wie das im Heimkino klingt, darüber kann ich mangels Surround-Anlage leider keine Auskunft erteilen – Asche auf mein Haupt. Das Bonusmaterial auf den Discs enthält drei interessante Featurettes. Im gewohnt schmuck layouteten und bebilderten Booklet findet sich ein kenntnisreicher Text zu „Erdbeben“. Darin geht der Autor zu Beginn auch auf die Erfolgswelle der 70er-Jahre-Katastrophenfilme ein, die im Gegensatz zum seit Mitte der 60er aufgekommenen New Hollywood stand. Auch wenn es langsam langweilig wird: Wie immer reckt sich der Daumen auch bei dieser capelight-Veröffentlichung steil nach oben.

Cop Lou Slade verpflichtet Stewart …

Nichts gegen den mit massiver CGI-Unterstützung entstandenen „San Andreas“ (2015) mit Dwayne Johnson – der Reißer hat mir ebenfalls Spaß gemacht. Die Erdbeben-Referenz aber bleibt – genau – „Erdbeben“.

… als Helfer

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mark Robson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ava Gardner unter Schauspielerinnen, Filme mit Charlton Heston und Walter Matthau in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 20. März 2020 als Limited 3-Disc Edition Mediabook (2 Blu-rays & DVD), und DVD, 4. Juli 2013 als Blu-ray, 31. Mai 2012 und 16. Juni 2003 als DVD

Länge: 152 Min. (Blu-ray, TV-Fassung), 122 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 117 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch (TV-Fassung nur Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Earthquake
USA 1974
Regie: Mark Robson
Drehbuch: George Fox, Mario Puzo
Besetzung: Charlton Heston, Ava Gardner, George Kennedy, Lorne Greene, Geneviève Bujold, Richard Roundtree, Marjoe Gortner, Barry Sullivan, Lloyd Nolan, Victoria Principal, Walter Matthau, Monica Lewis, Gabriel Dell, Pedro Armendáriz Jr., Lloyd Gough, Debralee Scott, Sam Chew, Tiger Williams
Zusatzmaterial Mediabook: 3 Featurettes: „Scoring Disaster – The Music of Earthquake“ (16:42), „Painting Disaster – The Matte Art of Albert Whitlock“ (10:36), „Sounds of Disaster – Ben Burtt Talks about Sensurround“ (11:20), alle Szenen der TV-Fassung, zusätzliche/entfallene TV-Szenen, Original Kinotrailer, Original TV-Spot, 24-seitiges Booklet
Label Mediabook: capelight pictures
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG
Label/Vertrieb Blu-ray & DVD: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & oberer Packshot: © 2020 capelight pictures

 

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