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Brotherhood – Geteiltes Leid, doppeltes Leid

05 Jan

Taegukgi hwinalrimyeo

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Stellvertreterkriege sind für Großmächte ein probates Mittel, ihre geopolitischen Interessen mit militärischen Mitteln nachdrücklich durchzusetzen, ohne einen Konflikt global eskalieren zu lassen oder ihn gar auf eigenem Terrain ausfechten zu müssen. Wenn man auf diplomatischem Wege Verhandlungen über Waffenstillstand oder gar Frieden lanciert, müsste man ja am Ende Zugeständnisse machen. Dann lieber ein fernes Land mit militärischen Ausbildern und Beratern, Ausrüstung oder gar Truppen unterstützen. Dass dabei immer die Menschen, die dort leben, die Leidtragenden sind, ist sekundär – sie sind ja weit weg und fremd.

Ein geeintes Korea? Von wegen

1950 bis 1953 waren es die Koreaner, die im Koreakrieg unter die Räder kamen. Zwar hatten die Alliierten im Zweiten Weltkrieg Japan aus dem jahrzehntelang annektierten Land vertrieben, es aber damit keineswegs befreit, sondern in eine sowjetische Besatzungszone im Norden und eine US-Besatzungszone im Süden aufgeteilt. Daraus gingen schließlich die beiden koreanischen Staaten hervor. Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 war diese Aufteilung unter der Prämisse beschlossen worden, daraus ein freies Korea mit gewählter Regierung hervorgehen zu lassen. Das war aber offenbar vage genug formuliert, sodass man es im Kalten Krieg still und heimlich unter den Tisch fallen lassen konnte. Der Koreakrieg brachte unermessliches Leid über die Zivilbevölkerung. Die Teilung des Landes wurde zementiert und dauert bis heute an, eine Wiedervereinigung in absehbarer Zeit ist nicht zu erwarten.

Der bis dato teuerste koreanische Film

Das südkoreanische Kino thematisiert den Schmerz der Teilung seit jeher, viele Filme verschiedener Genres greifen ihn auf, vorneweg natürlich das Kriegsfilm-Genre. „Brotherhood“ von 2004, mit einem Budget von umgerechnet 15 Millionen US-Dollar bis dato der teuerste Film des Landes, gilt als eines der großen koreanischen Kriegsdramen und erzählt die Geschichte zweier Brüder, die der Koreakrieg trennte.

Der Krieg trennt Lee Jin-seok (l.) und Lee Jin-tae vor Jin-taes Verlobter Kim Young-shin

Die Handlung beginnt im Hier und Heute der Entstehungszeit des Films. Der Kriegsveteran Lee Jin-seok (Min-ho Jang) erhält einen Anruf vom Ausgrabungsinstitut der südkoreanischen Armee. Man wolle die Identität eines Gefallenen überprüfen, der denselben Namen trage. Lee Jin-seok äußert die Hoffnung, es könne sich um Lee Jin-tae handeln – seinen Bruder –, aber der Anrufer bügelt das ab. Lee Jin-seok erinnert sich zurück …

1950 arbeitet Lee Jin-tae (Jang Dong-gun) als Schuhputzer, um seine Mutter nach dem Tod des Vaters zu unterstützen. Sein jüngerer Bruder Lee Jin-seok (Won Bin) soll zur Universität gehen, die beiden sind einander in herzlicher Zuneigung verbunden. Als der Krieg ausbricht, flieht die Familie nach Süden, wo die beiden jungen Männer für die südkoreanischen Streitkräfte zwangsrekrutiert werden. Fortan versucht Lee Jin-tae seinen Bruder so gut es geht zu beschützen.

Abschied

Die Spaltung Koreas trennte viele Familien, ob durch die räumliche Trennung nördlich und südlich der 1953 eingerichteten demilitarisierten Zone oder durch die Wirren des Krieges. „Brotherhood“ manifestiert das mit der frühen Szene, in der Lee Jin-tae und Lee Jin-seok aus dem Zug heraus von ihrer Mutter (Lee Yeong-ran) und Jin-taes Verlobter Kim Young-shin (Lee Eun-ju) Abschied nehmen müssen. Eine starke Sequenz, vielleicht etwas in die Länge gezogen und dadurch pathetisch, aber der Schmerz wird spürbar.

Unmittelbar im Anschluss sehen wir die beiden Brüder bereits in Uniform an der Front. Dort werden bereits Leichenhaufen aufgestapelt und angezündet. In der Mittagspause gerät die Einheit unter Artilleriebeschuss, vor dem die Schützengräben nur unzulänglich Schutz bieten. Jin-tae beginnt, sich freiwillig zu waghalsigen Einsätzen zu melden, weil er hofft, dass dafür im Gegenzug sein Bruder beizeiten entlassen wird und zur Familie zurückkehren darf. Jin-seok ahnt nichts von der Motivation des Älteren. Das Grauen auf dem Schlachtfeld verändert die beiden, ihr Verhältnis leidet bis zur Entfremdung. Die Spaltung der Brüder dient als Metapher für die Spaltung des Landes. Das wird auch in Dialogen anderer südkoreanischer Soldaten deutlich: Für viele von ihnen sind die Gegner nur „die Roten“ oder „die Kommunisten“, dabei sind es doch Landsleute. Selbst wenn Kriegsgefangene beteuern, von der nordkoreanischen Armee zwangsrekrutiert worden zu sein, spielt das keine Rolle, obwohl die südkoreanischen Soldaten dieselben Erfahrungen gemacht haben. Diese Haltung macht auch vor der Heimatfront nicht Halt. Der Fokus des Geschehens bleibt dabei stets auf Koreanern – Amerikaner, Chinesen und Sowjetrussen spielen keinerlei Rolle.

Im Frontgetümmel

Ein Soldat tritt auf eine selbst gelegte Landmine, verliert ein Bein. Sein Bauch wird dabei aufgerissen, ohne Betäubung wird versucht, ihm die herausquellenden Eingeweide in den Körper zurückzupressen. Das gelingt mehr schlecht als recht, bald darauf ist die Bauchwunde von Maden befallen. Der Krieg reißt nicht nur seelisch, sondern auch physisch grausame Wunden, das zeigt „Brotherhood“ in aller Deutlichkeit. Die drastischen Bilder des Gemetzels auf den Schlachtfeldern sind nichts für Zartbesaitete. Es wird nachvollziehbar, dass manche Soldaten dabei den Verstand verloren haben. Tatsächlich stellt sich die Frage, wie man nicht den Verstand verlieren kann, wenn ringsum Freund wie Feind auf dreckige Weise krepieren. „Brotherhood“ bezieht dabei keine moralische Position, etwa für die südkoreanischen Streitkräfte. Beide Seiten geben einander nichts, was das brutale Vorgehen angeht. Der fanatische Kommunismus des Nordens und der fanatische Antikommunismus des Südens bilden zwei Seiten einer entmenschlichten Medaille. Das gezeigte Grauen dient dabei mitnichten der Exploitation; der Ansatz ist nicht Entertainment auf Kosten der Opfer, sondern ein konsequent antimilitaristischer Standpunkt gegen den Krieg. Sekundär ist dabei die Frage, ob das in jeder Einstellung gelingt, fällt es bei hochwertiger Arbeit großer Produktionen wie dieser doch schwer, sich der Faszination des explosiven Getöses zu entziehen. Und bevor dies überhandnimmt, dominiert wieder das Entsetzen.

Konsequenter als „Der Soldat James Ryan“

Die Inszenierung der Schlachtenszenen braucht sich nicht vor großen europäischen und Hollywood-Produktionen zu verstecken, gehört Südkorea doch meines Erachtens spätestens seit ungefähr kurz vor der Jahrtausendwende ohnehin zu den führenden Filmnationen. Im Speziellen braucht „Brotherhood“ nicht den Vergleich mit beispielsweise „Der Soldat James Ryan“ (1998) zu scheuen. Zwar setzte Steven Spielbergs hochgelobte und vielfach prämierte Regiearbeit mit der drastischen Invasionssequenz die Messlatte dessen, was anspruchsvolle Kriegsdramen an expliziten Folgen der Gewalt zeigen sollen oder dürfen, denkbar weit nach oben; der weitere Verlauf der Handlung verließ aber diese konsequente Haltung zugunsten einer – zugegeben mitreißenden – Story um die heldenhafte Rettung eines Soldaten. „Brotherhood“ bleibt bis zum Ende konsequent und ist dafür in meinen Augen sogar höher einzuschätzen als „Der Soldat James Ryan“.

Jin-seok will einen Kriegsgefangenen retten

Regisseur Kang Je-kyu hat sieben Jahre später mit dem im Zweiten Weltkrieg angesiedelten „Prisoners of War“ (2011) das Kriegsfilmgenre erneut bereichert, auch wenn er die Klasse von „Brotherhood“ damit nicht erreichen konnte. Das jüngere Werk setzt mehr direkt auf Einzelschicksale, während der Vorgänger anhand der Einzelschicksale den Bogen zur Spaltung Koreas schlägt. Etwas älter ist Kang Je-kyus rasanter Actionthriller „Shiri“ (1999), der belegt, dass die Spaltung des Landes auch im Thriller-Genre formidabel aufgegriffen werden kann.

Der Schmerz der koreanischen Zeitzeugen

Fast ein Viertel der Südkoreaner/innen strömte damals in die Kinos und machte „Brotherhood“ damit zu einem phänomenalen Erfolg. Laut Booklet der limitierten DVD des Films lockte er auch Koreaner älteren Semesters in die Filmtheater des Landes, was die Frage aufwirft, wie Zeitzeugen die heftigen Bilder und die große Emotionalität wohl aufgenommen haben. Es mag für viele eine überaus schmerzhafte Seh-Erfahrung gewesen sein, zumal etliche von ihnen Tote in der Familie oder unter Freunden zu betrauern hatten. Geschätzt mehr als vier Millionen Menschen starben in den drei Jahren des Koreakriegs.

In einer Reihe großer Kriegsdramen der Filmgeschichte muss „Brotherhood“ auftauchen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Kang Je-kyu haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 17. Januar 2012 als Blu-ray und DVD, 18. Dezember 2006 als 2-Disc Limited Edition DVD, 7. September 2006 als DVD

Länge: 148 Min. (Blu-ray), 143 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Taegukgi hwinalrimyeo
KOR 2004
Regie: Kang Je-kyu
Drehbuch: Richard Epcar, Han Ji-hoon, Kang Je-kyu
Besetzung: Jang Dong-gun, Won Bin, Lee Eun-ju, Kong Hyeong-jin, Lee Yeong-ran, Ahn Kil-kang, Jin Jung, Jeon Jae-hyeong, Jang Min-ho, Jo Yun-hie
Zusatzmaterial: deutscher Trailer, nur Blu-ray & Limited Edition DVD: Making-of (42 Min.), Interviews mit Cast & Crew (11 Min.), Original-Trailer, internationaler Festival-Trailer, Original-TV-Spots, Bildergalerie
Label/Vertrieb 2012: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG
Label/Vertrieb 2006: E-M-S

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Blu-ray-Packshot: © 2012 3L Vertriebs GmbH & Co. KG

 

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