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Quentin Tarantino: Es war einmal in Hollywood – Facts & Fiction (Buchrezension)

19 Jan

Es war einmal in Hollywood

Von Tonio Klein

Roman // Ja, da steht „Roman“, irgendein Genre soll’s halt sein, und das ist schon richtig so, aber gleichzeitig enthält Quentin Tarantinos Buch zahlreiche kino-essayistische Passagen. Wenn man sein filmisches Werk kennt, war dies nicht anders zu erwarten; der Mann bleibt sich treu. Die literarische Fassung seines bis jetzt jüngsten Films sehe ich mit gemischten Gefühlen; aus Gründen, die auch auf sein Kino zutreffen. Das Triviale mischt sich mit dem Erhabenen. Dagegen ist nichts zu sagen, und natürlich hat der Mann etwas, das nur gut sein kann: Leidenschaft. Und davon sehr viel. Was bei ihm oft zu einem Mangel an erzählerischer Ökonomie führt. Sagen wir es deutlich, in den Worten, die Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki für Martin Walser gewählt hat: Ein „begabter Schwätzer“ ist Tarantino. Sehr begabt sogar. Und sehr geschwätzig. Schon über „Pulp Fiction“ (1994) schrieb die Süddeutsche Zeitung sinngemäß, es sei ein Actionfilm, in dem nur geredet werde, und ein Dialogfilm, der auf einmal brutal zur Sache gehe. Die Brutalität hat Tarantino in seinem Roman verhältnismäßig weit außen vor gelassen. Ansonsten ist das ein Tarantino, wie er, pardon the pun, im Buche steht: Es mischt sich Großartiges mit elender Geschwätzigkeit – oder nein, es mischt sich eigentlich nicht, es wechselt sich ab. Damit kann das Werk nicht durchweg überzeugen und dürfte bei denen besser aufgehoben sein, die auch die Filme und Drehbücher Tarantinos mögen, und umgekehrt.

Das ganz große Ganze …

Positiv hervorzuheben ist, dass „Es war einmal in Hollywood“ eigenständig existiert. Das ist nicht eine dieser plumpen Film-Nacherzählungen, die von Schreibautomaten (das ist jetzt nicht wörtlich gemeint) nach einem Kinokassenerfolg hastig herausgehauen und mit „Der Roman zum Film!“ beworben werden. Tarantino hat sogar eine besonders markante Änderung zum Schluss vorgenommen. Im Übrigen kommen natürlich sowohl Grundgerüst als auch ein paar markante Szenen des Filmes vor, aber der Autor arbeitet offensichtlich sehr bewusst. Manche Szenen sind eins zu eins enthalten, andere werden deutlich gekürzt/ausgelassen oder verlängert/hinzugedichtet. Wieder geht es um die Hollywoodszene 1969, in der der abgehalfterte Darsteller Rick Dalton und sein Stuntdouble/Chauffeur/Freund Cliff Booth mit realen Personen in Kontakt treten (oder diesen nur beinahe begegnen), unter ihnen auch das Ehepaar Roman Polanski und Sharon Tate. Und die Charles-Manson-Sekte, welche Tate im selben Jahr ermorden sollte. Verschiedene Handlungsstränge sind nur lose miteinander verbunden. Der „Once Upon A Time …“-Buch- wie Filmtitel mag andeuten, dass man einem Märchen nicht alles glauben sollte, aber auch eine Wahrheit hinter der Lüge stecken kann. Oder aber – das wäre bei Kinofan Tarantino nicht ganz fernliegend – dass er den wohl größten Epiker des Genrefilms zitiert, Sergio Leone. Dieser hatte mit „Once Upon“-Titeln nicht irgendeine singuläre Begebenheit, sondern opernhafte Sagen erzählt: „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) und „Es war einmal in Amerika“ (1984); Ersterer heißt bei wörtlicher Titelübersetzung „Es war einmal im Westen“; von meinem Kollegen Lars Johansen (35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin) hier wunderbar besprochen. Wie dem auch sei, mit mehreren Parallelhandlungen von einer Zeit, den Typen dieser Zeit und einem Lebensgefühl erzählen, das will Tarantino. Manchmal gelingt es ihm auch.

… und wie man sich dabei verzetteln kann

Aber nicht immer! Viel zu stark wird der Autor Opfer seiner eigenen Leidenschaft und Brillanz, kann er nicht an sich halten. Die Zeiten, in denen sich mutige Lektoren trauten, auch einmal massive Kürzungen durchzudrücken, sind wohl vorbei. Ob es jemand im vorliegenden Falle wenigstens versucht hat, vermag ich nicht zu sagen, aber es hätte dem Werk gutgetan. Der Roman ist phasenweise ein so enervierendes wie angeberisches und vor allem im krassen Übermaß dargebotenes Namedropping. Da können Leser wie Bolle staunen, mit wem sich Tarantino so alles beschäftigt hat und wie er die Männer (und wenige Frauen) in der Kinogeschichte durchaus überzeugend einordnet, aber sich auch fragen, was das in einem Roman zu suchen hat. Das alles darf er natürlich; es steht nirgendwo geschrieben, dass ein Roman nicht mit essayistischen Betrachtungen zu vermischen ist. Es führt aber zu Problemen. So bleibt der Erzählfluss mitunter arg auf der Strecke; zwei Beispiele: Cliffs Betrachtungen über das europäische (Fellini, Truffaut) und asiatische Kino (Kurosawa) scheinen in Wahrheit diejenigen des Autors zu sein; kann er machen, hält aber auf und wäre als separater Text besser. Und wenn Tarantino anlässlich Ricks bevorstehender Gastrollen-Szenen in einer Westernserie enervierend lange die ganze Hintergrundgeschichte dessen beschreibt, wovon diese Serie handelt, hat man endgültig den Eindruck: Er stellt hier einen ganzen Mythos dar, der die USA geprägt hat und auch antike Tragödien prägt, universelle Gültigkeit der einzigen, ersten und letzten Dinge, und das passt einfach nicht zwischen zwei Buchdeckel. Zumindest dann nicht, wenn er, wie hier, dies nicht mit seiner Erzählung verbindet, sondern abrupt mal eben nebenbei (aber sehr lange) einfließen lässt. Kleiner Schwenk zu meinem Hauptberuf, dem eines Juristen: Im Referendariat lernt man die Technik der Stoffsammlung und Stoffordnung, um als Richter einen Lebenssachverhalt in den Griff zu bekommen; Letzteres ist Tarantino tief misslungen. Und zwar, obwohl ihm auch in solchen Phasen immer wieder bestechende Sentenzen gelingen. Aber insgesamt habe ich oft auf Schnelllesemodus umgeschaltet.

Darf Tarantino schludern?

Die vielleicht größte Schwierigkeit ist, dass man in einem Roman, auch in einem biografischen, so wie in jeder erzählenden Kunstform selbstverständlich lügen darf oder etwas milder formuliert: den Faktencheck nicht so genau nehmen muss. Das geht aber nur so lange gut, wie jemand nicht durch die schiere Masse der Betrachtungen über reale Personen und Filme den Eindruck erweckt, er sei ein wandelndes Lexikon und das Genannte werde schon stimmen. Am besten ist Tarantino immer dann, wenn er erkennbar Fakten und Fiktion mischt. Zum Beispiel nennt er kurz einen fiktiven Tarantinofilm, in dem die fiktive „Trudi“ später mitgespielt habe (in der Handlungszeit ein kluger bis neunmalkluger Kinderdarsteller, der Rick und uns – wie schon im Film – tief beeindruckt). Hübsche Spekulationen auch bei zahlreichen Interaktionen oder Fast-Begegnungen zwischen Rick und realen Personen aus dem Filmgeschäft. Jenseits dessen, wo der Autor das Gedenkanspielende offenlegt, wirft er uns aber viel zu oft Bröckchen über reale Personen hin, bei denen die Romanform von Lästigem wie einem Fußnotenapparat befreit. Beispielsweise wird an einer Stelle behauptet, in Jean Harlows Haus seien sowohl ihr Ehemann, der Regisseur Paul Bern, als auch sie gestorben. Nein, Bern war Drehbuchautor, und Harlow starb im Krankenhaus. Auf S. 211 wird der Regisseur Otto Preminger als „Nazi-Drecksack“ bezeichnet, was zwar als Meinungsäußerung (aus Cliffs Perspektive) gewertet werden kann und darauf anspielt, dass er am Set ein echter Brüllaffe gewesen sein soll. Gleichwohl ist dies ein billiges Klischee, da der Mann, ein Jude österreichischer Herkunft, stramm gegen die Nazis gewesen war (auch wenn man nicht um den Eindruck herumkommt, er habe sie lustvoll gespielt, wie etwa in Billy Wilders „Stalag 17“, 1953). Bern/Harlow: Erbsenzählerei vielleicht, und sollte Mr. Tarantino dies irgendwann tatsächlich mal lesen, lacht er sich mutmaßlich ins Fäustchen, dass einem Klugscheißer (ihm) ein noch schlimmerer Klugscheißer (ich) auf den Leim gegangen ist. Dennoch frage ich mich, was von alldem zu halten ist, wenn man Fehler an den Stellen findet (ohne sie gesucht zu haben), an denen man sich auskennt. Was wird’s da noch so für faule Eier geben? Mitunter auch Meisterliches – wenn etwa Sharon Tate und Roman Polanski sich seinen „Rosemarys Baby“ (1968) im Kino ansehen und sie bemerkt, wie er mit einer von ihr zuvor angezweifelten Einstellung alle in seinen Bann zieht. 600 Personen gucken synchron zur Seite, weil sie etwas tun wollen, das nicht gehen kann, aber die Kinomagie ausmacht: Polanski hatte Mia Farrows Gesicht halb hinter einem Türspalt verborgen, das Publikum möchte die vierte Wand durchbrechen und hinter das Geheimnis der Tür schauen. Das sind Momente, in denen man weiß, dass der Kinobesuch mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgedacht ist, aber man „Rosemarys Baby“ sofort wieder sehen und speziell diese Szene ergründen möchte. Eine Meisterschaft des Kinos wie des Romans; leider ist der Anteil solcher Perlen zu gering.

F*ckt euch, Sprache und Lektorat

Immerhin, das deutlich zu lange Buch ist wegen seiner unkomplizierten Sprache flott wegzulesen. Es hat den typischen Tarantino-Sound, in dem ultracoole Ansprachen auch mal in einen ultrakurzen Mord münden können (Cliff ist nämlich ein Killer auch hinter der Kamera, Rick nur davor). Das ist Geschmackssache, auf jeden Fall unnachahmlich, dafür ist er schon mit seinen Filmen berühmt geworden. Ob er dermaßen auf die Sahne hauen muss, dass auf einer halben Seite (S. 272) zwanzigmal (!) „ficken“ steht, ist indes fraglich und übertrieben wie so vieles. Eine aufgesetzte „Hey, f*ick Dich, political correctness“-Attitüde, zudem in einer mal wieder völlig überflüssigen Rückblenden-Episode im Dialog zwischen Cliff und einem französischen Zuhälter. Die Übersetzung kann nichts dafür, denn der Ami flucht nun mal unter enervierender Dominanz des Vierbuchstabenwortes „f***“, welches oft auch im asexuellen Zusammenhang mit dem deutschen F-Wort übersetzt wird. Hier nicht! Auf S. 272 ist tatsächlich Sex gemeint. Auch im Übrigen haben Lektorat und Korrektorat recht ordentlich gearbeitet, was man beispielsweise an der korrekten Verwendung vom eingedeutschten Plural „Ladys“ bei gleichzeitigem korrekten Englisch in „Ladies’ Night“ bemerkt (S. 286). Lediglich, dass es nicht „etwas, was“, sondern „etwas, das“ heißt, müsste man den Verantwortlichen mal erklären.

Das Beste kommt zum Schluss

Was wirklich stark ist, ist das Schlusskapitel; es ist nur völlig unmöglich, diesen Eindruck zu begründen, ohne die Katze aus dem Sack zu lassen. Gesamteindruck: mittelprächtig, aber manchmal eben auch prächtig. Dem überbordenden und in seiner Coolness prätentiösen Tarantino möchte man manchmal zurufen, dass sein Mitteilungsdrang dasjenige übersteigt, was der Leser wissen will. Sein Kino um das Kino, und jetzt sein Roman um das Kino, kommt in die Nähe künstlerischer Onanie, oder mit den Worten eines Gedichts von Peter Hammerschlag: „Mensch, bleibe, was du bist: Onanist.“ Andererseits wären das Kino und nun auch die Literatur dann ärmer.

Autor: Quentin Tarantino
Originaltitel (2021): Once Upon A Time in Hollywood
Deutsche Erstveröffentlichung: 8. Juli 2021
415 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Preis: 25 Euro (gebunden), 19,99 Euro (Kindle)

Copyright 2022 by Tonio Klein
Cover: © 2021 Kiepenheuer & Witsch

 

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