RSS

Zum 100. Geburtstag von Christopher Lee: Blut für Dracula – Der fauchende Vampirfürst

27 Mai

Dracula – Prince of Darkness

Von Volker Schönenberger

Horror // Dr. Van Helsing (Peter Cushing) treibt Graf Dracula (Christopher Lee) in dessen Schloss in die Enge. Er reißt die dunklen Vorhänge beiseite und hält ihn mit einem aus zwei Kerzenständern geformten Kreuz in Schach, bis die Sonnenstrahlen ihn zu Asche zerfallen lassen. Mit dieser Szene aus „Dracula“ (1958) beginnt „Blut für Dracula“ (1966), der somit eine weitere direkte Fortsetzung des ersten Films darstellt. Regisseur Terence Fisher hatte dazwischen noch „Dracula und seine Bräute“ (1960) inszeniert, der Erlebnisse des Vampirjägers Van Helsing nach dem Ende Draculas aufgreift und – anders als es der Titel suggeriert – ohne den Vampirfürsten auskommt (und es sind nicht mal seine Bräute, die in Erscheinung treten). „Blut für Dracula“ hingegen kommt ohne Van Helsing aus, dafür mit Dracula.

Wie Phoenix aus der Asche

Die Haupthandlung setzt im Jahr 1895 in den Karpaten ein, zehn Jahre nach den Ereignissen von „Dracula“: Die Brüder Alan und Charles Kent (Charles Tingwell, Francis Matthews) und ihre Ehefrauen Diana und Helen (Suzan Farmer, Barbara Shelley) befinden sich auf einem Urlaubstrip und wollen nach Karlsbad. Zwar warnt sie der Abt Shandor (Andrew Keir) vor der Weiterreise und insbesondere dem in der Gegend gelegenen Schloss, aber das hält die zwei Paare nicht vom Aufbruch ab. Allerdings lässt sie nach einer Weile ihr furchtsamer Kutscher im Wald zurück. Die vermeintliche Rettung naht in Form eines führungslosen Zweispänners, dessen Pferde sich jedoch nicht führen lassen und das Gefährt samt der vier schnurstracks zum Schloss transportiert. Nun braucht es nur noch ein wenig Blut auf der Asche Draculas, um den Vampirfürsten von den toten Untoten auferstehen zu lassen.

Der fauchende Graf Dracula

Er faucht, er zischt – nur sprechen tut er nicht. In dieser Hinsicht stellt „Blut für Dracula“ ein echtes Kuriosum der Reihe dar. Christopher Lee äußerte einmal, er habe das aufgrund der miserablen Dialoge durchgesetzt: Ich las das Skript und sah die Dialoge, woraufhin ich zu Hammer sagte: Wenn ihr denkt, dass ich irgendeine dieser Zeilen aussspreche, irrt ihr euch gewaltig. Dem widersprach allerdings Drehbuchautor Jimmy Sangster in seiner Autobiografie „Inside Hammer“, wonach er Draculas Dialogfreiheit von vornherein vorgesehen hatte. Wie es wirklich war, wird sich zweifelsfrei wohl nicht mehr feststellen lassen. So oder so hat der wortlose Dracula Stil, seine Laute lassen den Vampir animalischer erscheinen.

Christopher Lee!

Der am 27. Mai 1922 in London geborene Christopher Lee hat seine Filmkarriere wie nur wenige seiner Kolleginnen und Kollegen mit ikonischen Rollen gespickt. Allen voran natürlich die des Grafen Dracula, den er erstmals 1958 im oben bereits erwähnten „Dracula“ verkörpert, insgesamt siebenmal für die Hammer Studios, zuletzt 1973 in „Dracula braucht frisches Blut“. Zwischendurch spielt Lee den transsylvanischen Vampirfürsten auch einmal jenseits von Hammer: in „Nachts, wenn Dracula erwacht“ (1970) von Jess Franco. Die spanisch-bundesdeutsch-italienische Produktion wartet mit Klaus Kinski und Herbert Lom auf und verzichtet weitgehend auf die Trash-Schlagseite, die Franco-Filme üblicherweise kennzeichnet.

Auf der Jagd nach frischem Blut

Von 1965 („Ich, Dr. Fu Man Chu“) bis 1969 („Die Folterkammer des Dr. Fu Man Chu“) spielt Lee in fünf Filmen den nach der Weltherrschaft lechzenden Superschurken. Zwischendurch ist er 1966 „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“, und auch als Bond-Bösewicht Scaramanga in „James Bond 007 – Der Mann mit dem goldenen Colt“ (1974) macht er eine gute Figur. Von 2001 („Der Herr der Ringe – Die Gefährten“) bis 2014 („Der Hobbit – Die Schlacht der fünf Heere“) gibt er in Peter Jacksons Tolkien-Franchise mit geradezu erhabener Bosheit den ein doppeltes Spiel treibenden Tyrannen Saruman. Als sei die Teilnahme an einem solchen Mammutprojekt nicht genug, mischt er auch im Krieg der Sterne mit, wo er in „Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger“ (2002) und „Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith“ (2005) als abtrünniger Jedi-Meister Count Dooku zu sehen ist.

Ein Vielfilmer

Mit satten 286 Einträgen in der Internet Movie Database gehört Christopher Lee unter den bekannten Darstellern zu denen mit den meisten Rollen, getoppt vielleicht nur von Mickey Rooneys 345 Einsätzen. Überraschenderweise nannte er 2004 im Interview mit Victoria Lindrea von BBC News Online die Rolle des pakistanischen Staatsgründers Muhammad Ali Jinnah im weitgehend unbekannten Biopic „Jinnah“ (1998) als seinen wichtigsten Film. Er hatte die besten Kritiken, die ich in meiner gesamten Karriere bekommen habe – als Film und in Bezug auf meine schauspielerische Leistung. Leider kam er nie in die Kinos, so Lee.

Als die drei Filme, die ihn an die Spitze brachten, nannte der Schauspieler einst „Frankensteins Fluch“ (1957), „Karren zum Schafott“ (1958) und – natürlich – „Dracula“. Für seinen besten Film hielt er allerdings „The Wicker Man“ (1973), den britischen Kultklassiker um einen mysteriösen Kult auf einer Insel. Gleichwohl bleibt sein Name auf ewig mit Graf Dracula verbunden. Christopher Lee starb am 7. Juni 2015 im Alter von 93 Jahren in seiner Geburtsstadt London. Am 27. Mai 2022 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Von wegen vom Winde verweht

Zurück zu „Blut für Dracula“: Hammer Films war Mitte der 1960er-Jahre auf der Höhe des Erfolgs, das Studio machte in dieser Zeit mit seinen Produktionen vieles richtig, und das kann auch für diese konstatiert werden. Allein schon Draculas Auferstehung aus der Asche weiß zu beeindrucken: Ein paar Überblendungen, etwas Kunstnebel, schon ist der Graf zurück. Das hätte der Phoenix nicht besser hinbekommen! Da stören wir uns auch nicht daran, dass die Asche des Vampirs am Ende von „Dracula“ vom Winde verweht worden war. Was ein echter Helfershelfer ist, dem gelingt es auch, sie in allen Windrichtungen aufzuklauben. Wer das als Logikloch anprangert, muss „Blut für Dracula“ konsequenterweise ignorieren, weil der Vampirfürst somit nicht auferstehen kann.

Begegnung auf dem Eis

Die Handlung ist kein Ausbund an Komplexität, aber das braucht es auch nicht, um den Schrecken von Dracula auf die Leinwand zu bringen. Zwei arglose Touristenehepaare, die in den Dunstkreis des Vampirs geraten – das reicht schon für fesselnde Horrorstimmung. Kulissen und Kostüme fallen gewohnt stilvoll aus, in der Hinsicht konnte Hammer seinerzeit im Horrorsektor niemand etwas vormachen. Dazu ein paar frische Ideen, wie etwa die erwähnte Auferstehung, fertig ist ein Film, der sich wunderbar ins Horror-Portfolio von Hammer und die Dracula-Produktionen einreiht. Vom originellen und wunderbar dramatischen Finale habe ich da noch gar nicht angefangen (werde das aber zwecks Spoilervermeidung auch nicht weiter ausführen). Gothic-Horror in ganzer Pracht!

Dracula und Rasputin

Damals war es bei Studios mit begrenzten Budgets sowohl im Vereinigten Königreich als auch in den USA – etwa bei Roger Corman – gang und gäbe, Synergien kostensparend einzusetzen, indem man zwei Filme gleichzeitig oder unmittelbar nacheinander in denselben Kulissen drehte („back to back“ nennt sich das im Englischen). Im Falle von „Blut für Dracula“ erfolgte das mit „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“, in welchem Christopher Lee ebenfalls die Titelfigur verkörperte. In die englischen Kinos gelangte der Vampirfilm allerdings als Double Feature mit „Nächte des Grauens“ (1966), dem einzigen Zombiefilm von Hammer Films.

US-Fassung mit besserem Bild

Anolis hat „Blut für Dracula“ im Lauf der Jahre in diversen sorgfältig aufgemachten Editionen veröffentlicht. Wer sich den Film zulegen will, achte darauf, eine Veröffentlichung ab 2020 zu bekommen, da diese auch die US-Fassung enthalten, die in puncto Bildqualität vorzuziehen ist (siehe dazu den Schnittbericht und den Bildvergleich). Ältere Editionen sind aber ohnehin vergriffen, solche mit der US-Fassung finden sich im Handel noch. In gut sortierten Vampirfilm- oder Dracula-Sammlungen sollte „Blut für Dracula“ enthalten sein. Klassiker!

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terence Fisher haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Barbara Shelley unter Schauspielerinnen, Filme mit Peter Cushing und Christopher Lee in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 24. Januar 2021 als Blu-ray in großer Hartbox (limitiert auf 54 nummerierte Exemplare), 18. Dezember 2020 als limitiertes 2-Disc Edition Mediabook (3 Covermotive ohne Limitierungsangaben, 1 auf 666 Exemplare limitiertes Covermotiv mit Sarg, Mediabook auf Rückseite des Sockels einschiebbar) und Blu-ray, 23. März 2012 als Doppel-DVD in großer Hartbox (3 Covermotive à 111 Exemplare), 8. Dezember 2010 als Doppel-DVD, 18. September 2003 als DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 86 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Dracula – Prince of Darkness
GB 1966
Regie: Terence Fisher
Drehbuch: Jimmy Sangster
Besetzung: Christopher Lee, Barbara Shelley, Andrew Keir, Francis Matthews, Suzan Farmer, Charles „Bud“ Tingwell, Thorley Walters, Philip Latham, Walter Brown, George Woodbridge, Jack Lambert, Philip Ray, Joyce Hemson, John Maxim, Peter Cushing (Archivaufnahmen)
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen, Audiokommentar von Christopher Lee, Francis Matthews, Barbara Shelley und Suzan Farmer, Audiokommentar von Uwe Sommerlad und Ulrike Wyche, deutscher und englischer Trailer, Double-Feature-Trailer, 2 Bildergalerien, Filmprogramm, Werberatschlag, Comic (11:31 Min.), DVD-Credits, Hidden Feature (7:32 Min.), „World of Hammer – Dracula the Undead“ (24:51 Min.), „World of Hammer – Christopher Lee“ (24:56 Min.), Behind the Scenes „Home Movie“ (mit Kommentar von Francis Matthews Festival of Fantastic Film, Manchester 1993, 4:36 Min., mit Kommentar von Christopher Lee, Francis Matthews, Barbara Shelley und Suzan Farmer, 23. Februar 1997, 6:06 Min.), „Andrew Kerr und Barbara Shelley erzählen“ (10:42 Min.), Super-8-Fassung (16:42 Min.), Filmografie Hammer Films (124 Seiten), Hidden Features (47 Min.), 32-seitiges Booklet (nur Mediabooks), 20-seitiges Booklet (2010er-DVD), 4-seitiges Booklet (2003er-DVD), Wendecover (nur Blu-ray), US-Fassung
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH (Vertrieb 2003: EMS GmbH)

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot: © Anolis Entertainment GmbH

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: