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Danny Boyle (II): 28 Days Later – Die tollwütigen Untoten von London

11 Apr

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28 Days Later

Von Volker Schönenberger

Horror // Um die Jahrtausendwende siechte das Zombiegenre ein wenig vor sich hin (bei vielen üblen Vertretern des Untotenfilms scheint das immer noch der Fall zu sein), doch 2002 brachte Danny Boyles „28 Days Later“ eine gehörig steife Brise frischen Windes, der zwei Jahre später mit Zack Snyders Remake „Dawn of the Dead“ und Edgar Wrights großartiger Parodie „Shaun of the Dead“ mit Simon Pegg und Nick Frost weiteren Auftrieb erhielt. Zwischendurch hatte Robert Kirkman 2002 seine bahnbrechende Graphic-Novel-Endlosreihe „The Walking Dead“ gestartet – noch ohne breite Aufmerksamkeit der Allgemeinheit und lange, bevor überhaupt daran zu denken war, dass Kirkmans Zombies dereinst im Fernsehen ihr Unwesen treiben würden. Goldene Jahre für Zombiefans.

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Jim irrt durchs entvölkerte London

Schon der Prolog von „28 Days Later“ ist atemraubend inszeniert: Eine Gruppe von Tierschützern dringt in ein Versuchslabor ein und befreit ein paar Affen. Die sind fatalerweise mit einem Wut-Virus infiziert. 28 Tage später ist die Zivilisation in Großbritannien zusammengebrochen …

Das Einsetzen der Haupthandlung ist an Intensität kaum zu überbieten: Fahrradkurier Jim (Cillian Murphy) erwacht im Krankenhaus aus seinem Koma – von der Katastrophe der in rasender Geschwindigkeit ausgebreiteten Wut-Virus-Pandemie hat er nichts mitbekommen. Das Krankenhaus ist entvölkert. In seinem Operationskittel wankt er benommen und verstört durch die menschenleeren Straßen Londons. In einer Kirche entdeckt er zahlreiche Leichen – oder vermeintliche Leichen. Dann greift ein Priester Jim an.

Durchstrukturierte Handlung

Ironie ist Fehlanzeige in dem formal recht streng in Digitalvideo-Bildern gedrehten Endzeit-Szenario. „28 Days Later“ ist inklusive Prolog und Epilog klar gegliedert. Auch die Haupthandlung teilt sich in klar trennbare Abschnitte auf: Nachdem Jim mit Selena (Naomie Harris) und Mark (Noah Huntley) zwei weitere Überlebende getroffen hat, finden sie schließlich den Witwer Frank (Brendan Gleeson) und dessen Tochter Hannah (Megan Burns). Der in London spielende Teil endet mit dem Aufbruch im Taxi von Frank. Es folgt nach kurzem Trip die Begegnung mit der von Major Henry West (Christopher Eccleston) geführten Militäreinheit, die sich wenig überraschend als Ansammlung von Wölfen im Schafspelz entpuppt.

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Tough: Selena kämpft ums Überleben

Der Mensch ist des Menschen Wolf – dieses im Zombiegenre typische Motiv inszeniert Danny Boyle nicht zuletzt auch dank der guten Schauspieler eine Weile durchaus doppelbödig. Die Zuschauer spüren die sich aufbauende Spannung, die Anzeichen mehren sich, dass die Soldaten nicht die Retter sind, die sich die Überlebenden um Jim erhoffen. Wann zeigt Major West sein wahres Gesicht?

Hin und her überlegt haben Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Alex Garland beim Finale bzw. überhaupt beim letzten Drittel des Films. Ein etwas düstererer Ausklang fand beim Testpublikum nicht den erhofften Beifall, weshalb der Film schließlich ein hoffnungsvolleres Ende erhielt. Die andere Variante findet sich im Bonusmaterial der Blu-ray und DVD. Ursprünglich hatten Boyle und Garland die Sequenz mit den Soldaten sogar überhaupt nicht vorgesehen gehabt. Jims Trupp sollte auf einen Wissenschaftler treffen, der sich verbarrikadiert und eine Möglichkeit der Heilung der Infektion mittels vollständigen Blutaustauschs entdeckt hatte. Sie wurde jedoch aufgrund eines gravierenden Logiklochs verworfen: Da die Infizierung bereits mittels eines einzigen Blutstropfens und somit einer extrem geringen Menge an Erregern erfolgt, kann ein Blutaustausch kaum Heilung bedeuten, da stets Reste des Erregers im Körper verbleiben würden. Wer mehr über diese Handlungsvariante erfahren will: Sie findet sich im Bonusmaterial in Form eines Storyboards inklusive erläuternden Kommentaren von Boyle und Garland.

Danny Boyle – Großbritanniens Regie-Wunderkind

So interessant die Alternativen und so konsequent bei Endzeitfilmen düstere Finale auch sind: „28 Days Later“ ist genau so, wie er schließlich ins Kino kam, rund und rundum gelungen. Nach „The Beach“ mit Leonardo DiCaprio und Tilda Swinton war der Zombiefilm die zweite Kollaboration zwischen Autor Garland und Regisseur Boyle. Ein drittes Mal arbeiteten die beiden auf diese Weise 2007 beim Science-Fiction-Epos „Sunshine“ zusammen. Garland hat sich 2015 mit „Ex Machina“ auch als talentierter Regisseur gezeigt.

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Die Infizierten greifen an

Zu welchen Glanztaten Danny Boyle auf dem Regiestuhl fähig ist, wissen wir schon seit langer Zeit, etwa seit seinem Kinodebüt „Kleine Morde unter Freunden“ (1994) und natürlich „Trainspotting – Neue Helden“ (1996), die Ewan McGregor zum Star machten. Seinen Regie-Oscar erhielt Boyle 2009 für „Slumdog Millionär“ (2008), bei Weitem nicht seine beste Arbeit. Boyle bleibt einer der interessantesten aktuellen Regisseure. Schauen wir mal, was er aus dem angekündigten „Trainspotting“-Sequel machen wird. Wie weit die Planungen für „28 Months Later“ gediehen sind, ist derzeit unklar. Das erste „28 Days Later“-Sequel „28 Weeks Later“ ist sehenswert genug, da weckt die Aussicht auf eine weitere Fortsetzung Vorfreude.

Übrigens ist das in Großbritannien erschienene Steelbook von „28 Days Later“ ein echtes Schmuckstück, allerdings mittlerweile vergriffen und im Preis steigend. So oder so: „28 Days Later“ ist ein Höhepunkt des Zombiegenres (jaja, ich weiß – es sind eigentlich Infizierte und keine Zombies), in diesem Jahrtausend bislang kaum übertroffen – vielleicht nur von Zack Snyders „Dawn of the Dead“-Remake, aber selbst da bin ich nicht sicher.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Danny Boyle sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Brendan Gleeson in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 16. März 2012 als Blu-ray, 25. Oktober 2013 als DVD in Kombination mit „28 Weeks Later“, 1. Oktober 2010 als Blu-ray in Kombination mit „28 Weeks Later“, 29. November 2003 als DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 108 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: 28 Days Later
GB 2002
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Alex Garland
Besetzung: Cillian Murphy, Naomie Harris, Christopher Eccleston, Megan Burns, Brendan Gleeson, Noah Huntley, Leo Bill, Junior Laniyan, Ray Panthaki, Luke Mably
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Alex Garland, acht unveröffentlichte Szenen, Storyboard: alternatives Ende, Making-of: „Pure Rage“, Musikvideo Jacknife Lee, Bildergalerie von den Dreharbeiten, Polaroid-Galerie vom Set, animierte Storyboards, Kinotrailer
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

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Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

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Eine Antwort zu “Danny Boyle (II): 28 Days Later – Die tollwütigen Untoten von London

  1. celluloidbuff

    2016/04/11 at 17:33

    Für mich ist „28 Days Later“ der Grund für bzw. Ursprung des bis heute anhaltenden Zombie-Hypes. Viele können sich mit der unterkühlten Tristesse des Films nicht wirklich anfreunden, ich liebe sie. Das soll aber nicht heißen, dass ich Snyders „Dawn of the Dead“ schlecht finde – im Gegenteil.

    Hab die 28-Filme schon länger nicht gesehen, dank eurem Bericht aber wieder Lust drauf bekommen. Glaube mich aber zu erinnern, dass ich „28 Weeks Later“ fast genauso gut fand wie den Vorgänger.

     

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