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Ridley Scott (VII): Alien – Covenant: Geldmaschine mit Konstruktionsfehlern

17 Mai

Alien – Covenant

Kinostart: 18. Mai 2017

Von Kay Sokolowsky

SF-Horror // Drehen schlechte Regisseure schlechte Filme, ist das weder eine Überraschung noch ein Grund zum Ärger. Wenn aber einer, der’s draufhat, einen Murks abliefert, für den sich sogar Zack Snyder schämen würde, darf der Kritiker die Fassung verlieren und schimpfen. Gerade weil Ridley Scott mehrere Klassiker des modernen Unterhaltungskinos verantwortet hat, ist es eine Riesenenttäuschung, wie er sein Talent und seine Erfahrung an etwas wie „Alien – Covenant“ verschwendet.

Aber durfte man nach dem ebenso wirren wie platten „Prometheus – Dunkle Zeichen“ (2012) mehr erwarten? Natürlich. Der Kinomagier, der „Blade Runner“ und „Gladiator“ zauberte, hätte vieles wiedergutmachen können. Aber in „Alien – Covenant“ macht er es genauso schlecht wie in „Prometheus“, vielleicht sogar schlechter. Er wiederholt die dümmsten Fehler, als wären sie ihm egal. Oder als gäbe es in seinem Team niemand, der es wagt, dem Maestro zu widersprechen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Guy Pearce (l.) und Michael Fassbender simulieren ein philosophisches Gespräch

Dies wird, wie Sie wohl ahnen, ein Verriss, und ich zögere nicht, beim Schimpfen eine Menge zu verraten. Wenn Ihnen Spoiler egal sind, kann ich versprechen, es so kurz und schmerzhaft wie möglich zu machen.

In space no one can hear you honk

Das Raumschiff „Covenant“ ist unterwegs zu einem fernen Sternsystem. Auf dem Planeten Origae-6 wollen sich 2.000 Kolonisten eine neue Welt erobern. Während sie und die Schiffscrew im Tiefkühlschlaf liegen, wacht der Android Walter (in einer Doppelrolle: Michael Fassbender) über die Mission. Am 5. Dezember 2104 gerät die „Covenant“ in die Ausläufer einer Sternexplosion und kann nur knapp vor der Vernichtung bewahrt werden. Der Kapitän (bloß in Rückblenden zu sehen und heute wahrscheinlich froh drum: James Franco) verbrennt (sic!) in seiner Kühlbox, Dutzende andere Menschen werden gleichfalls Opfer der Havarie.

Während der Reparaturarbeiten erreicht ein verrauschtes Funksignal die „Covenant“: Um eine Sonne, die nur wenige Wochen Flugzeit entfernt ist, scheint ein wahrer Garten Eden zu kreisen. Gegen den energischen Rat der Ersten Offizierin Daniels (schwer erträglich: Katherine Waterston) beschließt der neue Käptn Oram (stark überfordert: Billy Crudup), die Quelle des Signals anzusteuern.

Ein schöner Platz zum Sterben

Der fremde Planet sieht aus wie der Milford Sound in Neuseeland, also sehr romantisch und grün. Allerdings gibt es dort kein tierisches Leben, allein der Wind sorgt für Geräusche. Wie es bei jahrelang gedrillten Astronauten üblich ist, die außerdem akademische Kenntnisse in Biologie, Chemie, Medizin und dergleichen Zeug haben, kommt der Expeditionstrupp der „Covenant“ gar nicht auf die Idee, das Terrain in Schutzanzügen zu erkunden. Wie jedem guten Ami genügen ihnen fette Wummen als Lebensversicherung.

Und so kommt, was in einem „Alien“-Film kommen muss: Befruchtung (in der neuesten Variante eher eine Bestäubung), rasend schnelle Schwangerschaft, Kaiserschnitt von innen. Es entspringt ein seltsam Mittelding aus Mensch und Alien, der „Neomorph“, nicht unähnlich der Kreatur, die in Jean-Pierre Jeunets „Alien – Die Wiedergeburt“ so albern wirkte. Mehrere Metzgereieffekte und viele unfassbar dumme Entscheidungen später werden die Trottel der „Covenant“ von einem mysteriösen Kapuzenkuttenträger – scheinbar – gerettet.

„Black Hawk Down“, Weltraumversion

Er führt sie in eine Stadt der Toten. Jene Außerirdischen, die ihren ersten Auftritt in „Prometheus“ hatten, waren einst dort zu Hause, doch überdauert haben von ihnen nur verkohlte Kadaver. Derweil versuchen die auf der „Covenant“ verbliebenen Raumfahrer vergebens, Kontakt mit den Kameraden aufzunehmen. Wie es im Handbuch für miese SF-Filme steht, ist das Expeditionsteam während eines schweren Ionensturms losgezogen. Nur so lassen sich Funk- und dramaturgische Löcher rechtfertigen.

Der Kuttenmann gibt sich als David zu erkennen, als jener Android also, der in „Prometheus“ damit nervte, für Lawrence of Arabia in der Rolle des Peter O’Toole zu schwärmen. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls lüftet Offizierin Daniels, wiederum einige Tote und manch hirnrissige Handlung später, das Geheimnis um die Nekropole – anschließend muss sie alles geben, um die sinistren Pläne von David zu durchkreuzen.

Horror vacui

Den Rest sollten Sie selbst sehen, es ist der Teil mit den besten Actionszenen. Die leider nicht rausreißen können, was insgesamt in den zähen zwei Stunden von „Alien – Covenant“ an Schmierentheater, Heckmeck und Bedeutungshuberei veranstaltet wird. Die Fallhöhe vom ersten „Alien“-Spielfilm hinab zu dieser Nullnummer ist astronomisch. Ridley Scott brauchte 38 Jahre, um sie zurückzulegen. Über sein geniales Horrorstück von 1979 sagt der Regisseur heute: „Ich habe ‚Alien‘ in gewisser Weise immer für ein B-Movie gehalten, ein richtig gut gemachtes.“ O ja, das war es! „Alien – Covenant“ hingegen ist bloß Trash, obschon kein billiger. Die Produktionskosten sollen sich auf 111 Millionen Dollar belaufen. So viel kann es kosten, ein Nichts herzustellen.

Ziemlich spektakulär: die Stadt der Toten

Immerhin sieht man, wo das Geld geblieben ist. Die Sets und Artefakte, die Chris Seagers designt hat, sind von atemberaubender Größe und Exotik. Das Riesenraumschiff „Covenant“ gleichwie die Nekropole auf dem Alien-Planeten zählen zum Besten an erfundener Welt, was seit „Avatar“ in SF-Filmen bestaunt werden konnte. Die CGI ist solide gefertigt, die Make-up-Abteilung darf bei den Splatter-Einlagen zünftig die Sau rauslassen, und Ridley Scotts Hauskameramann Dariusz Wolski gelingt es, die düsteren Szenen so auszuleuchten, dass noch in den Schatten der Schatten etwas zu erkennen bleibt.

Nicht alle Brustschmerzen sind ein Herzinfarkt. Leider

Die enorme Könnerschaft des Regisseurs erweist sich in den technischen Aspekten von „Alien – Covenant“ allemal. Umso frustrierender wirkt die Fahrlässigkeit, mit der Scott den großen Rest behandelt – das Drehbuch, die Logik, die Schauspielerei, den Sinn vons Janze. Der erschließt sich nämlich bloß den härtesten „Alien“-Fans, also jenen Geeks, denen ein Facehugger hier und ein platzender Brustkorb da für die Illusion genügen, einem Gruselfilm (mit SF-Dekor) beizuwohnen. Wenn denn in diesem Streifen irgendwas gruselig wäre!

„Ridleys Motto lautete: ‚Wir werden einen harten Film mit R-Rating machen und viel Rotwein brauchen‘ – Rotwein ist ein anderes Wort für Filmblut.“ Das berichtet Mark Huffam, einer der Produzenten, und er fährt fort: „Wir wollen, dass den Leuten die Hosen schlottern.“ Aber den Leuten dreht sich allenfalls der Magen um vor all dem verspritzten Vino. Ridley Scott verwechselt Horror mit Ekel, physischen Terror mit psychologischem Grauen, und diese Verwechslung ist unter der Würde und dem Format eines Meisters seiner Klasse. Ein R-Rating ist leicht zu haben, viel schwerer jedoch, einen filmischen Albtraum zu inszenieren, in dem die Angst der Protagonisten zu unserer Angst wird. Und genau das gelingt Scott in „Alien – Covenant“ nicht.

Letzte im Sigourney-Weaver-Ähnlichkeitswettbewerb: Katherine Waterston

Denn seine Figuren sind von geradezu empörender Flachheit – am Reißbrett skizziert, durch die Klischeemühle gedreht, in Schablonen verpackt. Es wird grässlich viel geheult und gebrüllt, aber diesen hyperhysterischen Typen, zumal der „Heldin“ Daniels, diesem Hybridklon aus Warrant Officer Ripley und G. I. Jane, nimmt der mündige Zuschauer kein einziges Gefühl ab. Diese Schreihälse erregen kein Mitleid, sondern nerven bloß mit ihrem Geflenn und Augenrollen. Egal wie qualvoll sie enden (Scott lässt dem sadistischen Teil seiner Fantasie viel zu freien Lauf) – eine Identifikation findet nicht statt, weil diese Figuren im Kälteschlaf menschlicher und lebendiger wirken als aufgetaut.

Mein Gott, ist das beziehungsreich

Offensichtlich gab es für die Herstellung von „Alien – Covenant“ keinen einzigen Grund als den, aus einem höchst erfolgreichen „Franchise“ noch die letzten Taler zu wringen. Ridley Scott behauptet zwar, von anderen Dingen bewogen worden zu sein. Er will eine Erklärung liefern, woher die unbezwingbaren Aliens stammen, wie sie sich im Kosmos verbreiten konnten, usw. Doch ein „wissenschaftlich“ erklärtes Ungeheuer ist schon keins mehr, und die Genealogie, die hier vorgelegt wird, passt nur mit halb zugedrückten Augen zu dem, was wir aus den frühen „Alien“-Filmen kennen.

Scott tappt in die gleiche narrative Falle, in die George Lucas bei den „Star Wars“-Prequels geriet: Ein fiktiver Kosmos muss sich organisch entwickeln und wachsen wie ein Baum. Die erfundene Welt retrograd zu verändern bedeutet, an den Wurzeln herumzusägen und die besten Früchte verfaulen zu lassen (man verzeihe die Metapher).

Gollums großer Bruder? Nein, der Neomorph

Weil Ridley Scott besser als jeder Kritiker weiß, dass „Alien – Covenant“ keinen künstlerischen Wert hat, versteckt er die Banalität und Schludrigkeit der Story hinter jeder Menge Anspielungen. Scott bedient sich bei allem, was gut und teuer ist im großen SF-Film – in der Eingangssequenz zum Beispiel bei „2001“, in einigen Szenen auf der „Covenant“ bei Tarkowskis „Solaris“, außerdem finden sich Travestien auf „Matrix“, „Dr. Seltsam“, „Gravity“, „Ex Machina“ und „Terminator 2“, to name a few.

Übers blanke Namedropping kommt Ridley Scott in diesen Bildern mit Fußnote leider nicht hinaus: Er zeigt, wie geschickt er kopieren kann, doch nicht, warum er es tut. Vielleicht will er den Kollegen auf die Schultern klopfen, sich als ebenbürtig in die Brust werfen? Obwohl er das nicht nötig hat, er zählt ja längst zu den Großen. Vielleicht, wer weiß, sollen diese Hinweise auf ältere Meisterwerke bloß eine ironische Verfremdung ins Spiel bringen. Dafür freilich hatte Mr. Scott nie ein Händchen, so was sollte er besser den Kollegen Tarantino und Whedon überlassen.

Die meisten Zitate und Anspielungen – es sind Aberdutzende – beziehen sich allerdings auf die „Alien“-Serie selbst. Für bedingungslose Fans dieses „Franchises“ dürfte es ein Fest sein, die Szenen zu identifizieren, die Ridley Scott originalgetreu nachgestellt hat. Schon dafür werden sie den Film mindestens dreimal gucken und Scott hochjubeln. Er hat für all die Innuendi aber auch einen erzählerischen Grund. Da Scott mit „Alien – Covenant“ die allgemein verbindliche Schlüsselstory zum „Alien“-Kosmos liefern will, sind seine, wenn man mag, Neuinterpretationen älterer Szenen recht hilfreich, um der gesamten Reihe zumindest den Schein innerer Geschlossenheit zu verleihen.

Kein Szenenbild aus „Aliens“

Die nicht eben subtil vorgetragene Selbstreferentialität geht jedoch selbst einem alten Bewunderer Scotts wie mir schnell auf den Senkel. Sie wirkt auch, neudeutsch zu labern, kontraproduktiv. Vor lauter halben und doppelten Zitaten vergisst der Regisseur völlig, eine originelle, packende Geschichte zu erzählen. Zweimal wird aus dem mitreißenden Score zitiert, den Jerry Goldsmith einst für „Alien“ schuf. Beim Erklingen dieser großartigen Musik, der suggestivsten, die Goldsmith je komponiert hat, wird besonders deutlich, wie lichtjahrweit der alte und der neue Film voneinander entfernt sind, wie unnötig und peinlich „Alien – Covenant“ neben dem alten Meisterstück wirkt.

Als ich 2014 „Exodus – Götter und Könige“ sah, meinte ich, dass Scott diese eitle Routine, dass er so viel Lustlosigkeit, Brutalität und Zynismus niemals überbieten könne. Dies war ein Irrtum. Nichts an „Alien – Covenant“ ist berührend, nichts an diesem Film beängstigend außer der Vorstellung, Ridley Scott könnte fortan nur mehr seelen- und, trotz aller Rotweinkleckerei, blutlose Geldmaschinen zusammenschrauben. Davor graut mir wahrlich.

Ahnen bereits die Reaktion der Kritiker: Michael Fassbender und Carmen Ejogo

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure zu finden, Filme mit Michael Fassbender in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Alien – Covenant
USA/AUS/NZ/GB 2017
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: John Logan, Dante Harper
Besetzung: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bichir, Carmen Ejogo, Jussie Smollett, Callie Hernandez, Nathaniel Dean, James Franco, Guy Pearce, Noomi Rapace
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2017 by Kay Sokolowsky

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Twentieth Century Fox

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2017/05/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Ridley Scott (VII): Alien – Covenant: Geldmaschine mit Konstruktionsfehlern

  1. Liegeradler

    2017/05/18 at 19:14

    Ups, unserem Autor hat der Film gefallen: https://kinogucker.wordpress.com/2017/05/16/alien-covenant/

     

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