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A Tale of Two Sisters – Grandios-merkwürdiges Horror-Meisterwerk

05 Dez

Janghwa, Hongryeon

Von Lucas Gröning

Horrordrama // „Das ist alles merkwürdig. Das Haus ist merkwürdig und auch diese Frau ist merkwürdig.“ Es sind Sätze, die die junge Soo-mi Bae (Lim Soo-jung) zu ihrer jüngeren Schwester Soo-yeon Bae (Moon Geun-young) sagt und die die Situation der beiden in Kim Jee-wons Horrorfilm „A Tale of Two Sisters“ zum einen passend zusammenfassen und zum anderen nicht einmal im Ansatz dessen gerecht werden, wohin sich dieses Meisterwerk des koreanischen Kinos mit fortlaufender Spielzeit hin entwickelt. Im Jahr 2003 erschienen, war dieser Film der erste koreanische Horrorfilm, der es in die US-amerikanischen Kinos schaffte. Zahlreiche Lobpreisungen seitens der Journaille sowie Auszeichnungen folgten. So gewann das Horrordrama beim Filmfestival Fantasporto im Jahr 2004 den Preis für den besten Film. Regisseur Kim Jee-woo, der auch das Drehbuch schrieb und später unter anderem mit „A Bittersweet Life“ (2005) und „I Saw the Devil“ (2009) sowie seinem US-Ausflug „The Last Stand (2013) mit Arnold Schwarzenegger für Aufsehen sorgen sollte, wurde für seine Regiearbeit ausgezeichnet. Auch seine Darsteller, die in ihren folgenden Filmen wohl nie wieder so gut waren und im Anschluss an „A Tale of Two Sisters“ lediglich in weitgehend kleineren Produktionen auftraten, räumten fleißig Preise ab. Lim Soo-jung bekam beim Fantasporto Filmfestival für ihre Darstellung den Preis als beste Nebendarstellerin. Darüber hinaus gewann Soo-jung beim Pusan International Film Festival 2003, sowie bei den Blue Dragons Awards desselben Jahres den Preis als beste Nachwuchsdarstellerin. Yum Jung-ah wiederum gewann für ihre Darstellung beim Brussels International Fantastic Film Festival 2004 den Silbernen Raben. Jede Menge toller Schauspielleistungen sehen wir also in diesem Film, doch diese sollen bei Weitem nicht alles gewesen sein, was „A Tale of Two Sisters“ großartig macht.

Das Unausgesprochene

Kommen wir nur kurz zur Story, denn viel sollte man tatsächlich nicht wissen, bevor man sich entschließt, „A Tale of Two Sisters“ anzusehen: Die Geschwister Soo-mi Bae und Soo-yeon Bae kehren nach einem längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt zurück in ihr altes Zuhause. Neben den Geschwistern leben dort ihr Vater (Kim Kap-soo) und ihre Stiefmutter (Yum Jung-ah). Schnell kommt es zu Spannungen innerhalb der Familie, besonders die Beziehung der autoritären, auf Ordnung bedachten Stiefmutter zu den Kindern gestaltet sich als schwierig und bietet Nährboden für Konflikte. Der Vater indes wirkt seltsam abwesend und hat es schwer, eine Beziehung zu seinen Mitmenschen aufzubauen. Es wird schnell klar: Irgendetwas Unangenehmes, Unausgesprochenenes trennt die verschiedenen Parteien voneinander, und nur langsam wird dem Zuschauer offenbart, welch dunkle Geheimnisse die Familie umgeben.

Zwei Schwestern kehren nach langer Zeit nach Hause zurück

Fortan werden wir auf eine unheimliche Reise mitgenommen, deren Ende, so viel sei vorweggenommen, bis zum letzten Frame des Filmes und darüber hinaus ungewiss bleibt. Kim Jee-woons Regiearbeit führt uns quer durch die Geschichte des Horrorfilms und zitiert fleißig einige der größten Werke des Genres. So finden wir unter anderem Anleihen von „Der Exorzist“ (1973), „Shining“ (1980), „Poltergeist“ (1982) und „Ju-On“ (2002). Diese Referenzen verkommen jedoch nicht zum reinen Selbstzweck, vielmehr entsteht in „A Tale of Two Sisters“ etwas vollkommen Neues und Eigenständiges, das auch 16 Jahre nach seinem Release immer noch zu fesseln weiß und über die komplette Laufzeit von fast zwei Stunden eine ungeheure Spannung aufrechterhält. Hinzu beeinflusste der Film auch spätere Horrortrips wie „Hereditary – Das Vermächtnis“ (2018) oder „Ich seh, ich seh“ (2014) merklich und schaffte es so selbst in den erlesenen Kreis zitierwürdiger Werke.

Ein Meisterwerk

Auch abseits der Referenzen auf andere Filme bietet „A Tale of Two Sisters“ genügend Eigenständigkeit, um auch ohne Kenntnis der großen Vorbilder ein Erlebnis zu bieten. Wie bereits erwähnt ist es die unglaubliche Spannung, die den Film ausmacht und dem Zuschauer kaum Raum zum Durchatmen lässt. Eine omnipräsente Bedrohung umkreist die Protagonisten und nie kann man sicher sein, dass die Gefahr nicht einige Meter weiter um die Ecke wartet. Doch wer sind überhaupt die Protagonisten? Mehrmals schlägt der Film Haken in verschiedene Richtungen, lässt uns unsere Auffassung und unsere Sehgewohnheiten hinterfragen, und immer wieder fühlen wir dadurch mit Figuren der Geschichte mit, die wir wenige Minuten zuvor noch abgrundtief gehasst haben. Wer ist hier gut und wer ist böse? Wer ist hier eigentlich in Gefahr? Von wem oder was geht die Gefahr überhaupt aus? War diese Szene überhaupt Teil der Wirklichkeit? Was ist überhaupt wahr und was ist Fiktion? Wenn es real ist, wessen Realität folge ich gerade? Und wenn es Fiktion ist, wessen Fiktion bin ich gerade gefolgt? All diese Fragen stellt der Film und lässt uns am Ende mit nur wenigen Antworten, aber sehr vielen Gedanken zurück. All das zeigt Kim Jee-won zudem in unglaublich schönen, bis ins Detail perfekt komponierten Bildern, die durch ihre Anordnung zum einen ästhetisch wertvoll wirken, zugleich aber extrem unterkühlt und oftmals übertrieben artifiziell, sodass ihnen stets etwas überidisch Unheimliches innewohnt. All dies wird mit einem äußerst beklemmenden Soundtrack garniert und heraus kommt einer der besten Horrorfilme seit der Jahrtausendwende.

Dort kommt es zu Spannungen mit der Stiefmutter

Ich kann mich nur wiederholen: „A Tale of Two Sisters“ ist ein Meisterwerk und eine Sichtung, am besten jedoch mehrere, soll an dieser Stelle dringendst empfohlen werden. Welch ein Glück dass capelight pictures den Film kürzlich im Mediabook-Format veröffentlicht hat. Die gewohnt sorgfältig produzierte Edition enthält den Film als Blu-ray und DVD. Im 24-seitigen Booklet selbst findet sich der großartige Text „Hakenschlagen – Der bekannte Fremde Kim Jee-woon“ von Lucas Barwenczik, in dem die Biografie, die Ideologie hinter der Auswahl der Filme des Regisseurs und dessen Filmografie allgemein beleuchtet wird. Darüber hinaus bietet der Text eine Themenanalyse der bisherigen Werke von Kim Jee-woon und gibt Einblick in dessen Arbeitsweise. Zusätzlich finden sich auf den Datenträgern zahlreiche Extras. So kann man den Film mit Audiokommentaren des Regisseurs und der Darstellerinnen anschauen. Außerdem finden sich dort ein Making-of, entfallene Szenen, Interviews mit den Darstellern, eine Analyse der Erzählstruktur des Films durch den Regisseur, ein Interview mit selbigem, in dem er über die Faszination Horrorfilm ganz im Allgemeinen spricht, ein Kommentar eines Psychiaters zu den Vorkommnissen im Film, ein Video in denen die Beteiligten Erinnerungen an die Dreharbeiten preisgeben und zu guter Letzt ein Trailer zum Film. Bemerkenswert, dass „A Tale of Two Sisters“ hierzulande erst jetzt auf DVD erscheint – sowohl als Teil der Mediabook-Edition als auch als Einzel-DVD. Die deutsche Erstveröffentlichung von 2014 beschränkte sich auf die Blu-ray. Seinerzeit hat übrigens „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Matthias Holm dem Werk bereits eine Rezension angedeihen lassen.

Die Situation droht allmählich zu eskalieren

29. November 2019 als Limited 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 23. Januar 2014 als Blu-ray

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Janghwa, Hongryeon
KOR 2003
Regie: Kim Jee-won
Drehbuch: Kim Jee-won
Besetzung: Lim Soo-jung, Moon Geun-young, Yum Jung-ah, Kim Kap-su, Lee Seung-bi, Park Mi-Hyun
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur und Darstellerinnen, entfallene Szenen, Making-of, Interviews mit den Darstellern, Analyse der Erzählstruktur von Regisseur Kim Jee-won, Kim Jee-won über die Faszination des Horrorfilms, Erinnerungen an die Dreharbeiten, Der Film aus der Sicht eines Psychiaters
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2014: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 capelight pictures

 
 

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Eine Antwort zu “A Tale of Two Sisters – Grandios-merkwürdiges Horror-Meisterwerk

  1. Dirk Busch

    2020/01/10 at 11:31

    1 : Das Haus & die Frau.
    2 : Arnold Schwarzenegger.
    3 : Der Exorzist/Poltergeist.
    4 : Hereditary/Ich seh,ich seh.
    5 : Matthias Holm.

     

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