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Horror für Halloween (XLIV): Lebendig begraben – Milland statt Price

27 Okt

The Premature Burial

Von Volker Schönenberger

Horror // Spätabends auf einem Friedhof schaut der englische Aristokrat Guy Carrell (Ray Milland) zwei Totengräbern dabei zu, wie sie ein Grab öffnen. Der Sargdeckel weist von innen blutige Kratzspuren auf, das Gesicht des Toten ist zu einer grauenvollen Fratze verzerrt.

Wurde Papa lebendig begraben?

Carrell lebt mit seiner Schwester Kate (Heather Angel) in großer Abgeschiedenheit. Er ist von der panischen Angst besessen, lebendig begraben zu werden wie sein Vater, der nach Guys Erinnerung in einen Zustand der Katalepsie geriet und erst nach seiner Bestattung in der Familiengruft tatsächlich starb, als der Sohn 13 Jahre alt war. Zur Beruhigung nimmt er regelmäßig Laudanum.

Grauenvolle Entdeckung in einem Grab

Weil ihn seine Furcht so sehr in Besitz genommen hat, will er sogar die Verlobung mit Emily Gault (Hazel Court) lösen. Die junge Frau lässt jedoch nicht locker, und so kommt es bald zur Trauung. Als seine frischgebackene Gemahlin bei der Hochzeitsfeier auf dem Klavier das alte Volkslied „Molly Malone“ anstimmt, bringt das ihren Ehemann sehr auf. Auch die Ehe bringt ihm keine Erleichterung von seiner Besessenheit. Selbst der von Emily herangezogene Psychologe Miles Archer (Richard Ney) kann ihm nicht helfen.

Mehr als ein Lückenbüßer: Ray Milland

So reizvoll der Gedanke wäre, Vincent Price in der Rolle von Guy Carrell zu sehen, ist doch zu konstatieren: Ray Milland füllt den Part hervorragend aus. Mit „Die Verfluchten“ (1960) und „Das Pendel des Todes“ (1961) hatte Regisseur Roger Corman seinen Edgar-Allan-Poe-Zyklus begonnen. „The Premature Burial“, so der Originaltitel von „Lebendig begraben“ markierte den dritten Teil der Reihe, die es bis 1964 auf insgesamt acht Filme brachte. Corman bereitete die Produktion ausnahmsweise nicht unter dem Dach von American International Pictures (AIP) vor. Weil Vincent Price jedoch vertraglich an AIP gebunden war, verpflichtete Regisseur und Produzent Corman Ray Milland, immerhin ebenfalls ein namhafter Darsteller, für „Das verlorene Wochenende“ (1945) sogar mit Oscar, Golden Globe sowie dem Darstellerpreis in Cannes prämiert und bereits seit 1960 mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt. AIP stieg letztlich zwar doch wieder ins Boot, es blieb aber bei der Personalie.

Auch die Ehe mit Emily bringt Guy keinen Frieden

Milland spielt zurückhaltender als Price, weniger theaterhaft, was seine innere Zerrissenheit sehr gut zur Geltung bringt und das psychologische Moment glaubwürdig macht, auch wenn ihm der manische Blick Prices abgeht. Vollständig im Studio gedreht, beeindrucken mich nach wie vor insbesondere die Außenkulissen des Friedhofs, auf dem sich etliche Szenen abspielen. Diese sind alles andere als naturalistisch angelegt, aber gerade die Künstlichkeit verstärkt die geradezu surreale Atmosphäre, die diesen Szenen innewohnt. Auch der Soundtrack mit seiner Variation des „Molly Malone“-Themas trägt dazu bei.

Litt Edgar Allan Poe an Taphephobie?

Die mit dem Fachbegriff Taphephobie bezeichnete Angst, lebendig begraben zu werden, ist seit Jahrhunderten bekannt, da es in alten Zeiten durchaus vorkam, dass Menschen für scheintot gehalten und bestattet wurden. Womöglich litt auch Edgar Allan Poe an dieser Phobie, verarbeitete er das Motiv doch in mehreren Erzählungen, darunter der 1844 erstveröffentlichten Kurzgeschichte „Das vorzeitige Begräbnis“, Originaltitel: „The Premature Burial“. Roger Cormans Verfilmung greift lediglich das Phänomen auf, dass jemand an dieser Angst leidet. Mit der Handlung von Poes Story hat der Film nichts zu tun. Sie kann im englischen Original online gelesen werden (ebenso hier), auch eine deutsche Übersetzung ist verfügbar.

Der Totengräber (l.) versetzt Guy in Angst

Als Regie-Assistent („Assistant Director“) verpflichtete Roger Corman einen gewissen Francis Ford Coppola, für den das die erste Berührung mit Regiearbeit darstellte. Nach weiteren Assistenz-Jobs unter Corman, darunter für „The Terror – Schloss des Schreckens (1963), wuchs Coppola zum Regisseur heran – der Rest ist Geschichte, siehe unter anderem „Der Pate“ und „Apocalypse Now“.

Und noch ein Mediabook

Das 2016 veröffentlichte, auf 250 Exemplare limitierte Mediabook des Films bietet ein gutes Beispiel für die bedauerliche Inflation dieses an sich schönen Verpackungsformats. Das Label hat sich keinerlei Mühe gemacht, sondern lediglich je 250 Blu-rays und DVDs des Lizenzinhabers Black Hill Pictures erworben, um sie in ein Mediabook zu legen. Ein acht Seiten dünnes Booklet hat man der Edition ebenfalls spendiert, weil es eben dazugehört. Leider ist der schlecht redigierte Text lieblos verfasst und erzählt die Handlung des Films ohne Spoilerwarnung viel zu weit, auch die darüber hinausgehenden Informationen sind recht willkürlich ausgewählt. Schade drum, da „Lebendig begraben“ auf jeden Fall eine schöne Edition verdient hat. Vielleicht Cormans albtraumhaftester Poe-Film.

Wird da jemand lebendig begraben?

Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Regiearbeiten haben wir in der Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roger Corman haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ray Milland unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 29. Juli 2016 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, limitiert auf 250 Exemplare), 24. März 2016 als Blu-ray in der Box „Meisterwerke des Horrors (mit „Tanz der Totenköpfe“, „Das Haus der langen Schatten“ und „Die Folterkammer des Hexenjägers“), 24. August 2012 als Blu-ray und DVD, 4. Dezember 2003 als DVD

Länge: 83 Min. (Blu-ray), 80 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Premature Burial
USA 1962
Regie: Roger Corman
Drehbuch: Charles Beaumont, Ray Russell, nach einer Vorlage von Edgar Allan Poe
Besetzung: Ray Milland, Hazel Court, Richard Ney, Heather Angel, Alan Napier, John Dierkes, Dick Miller, Clive Halliday, Brendan Dillon
Zusatzmaterial: Interview mit Roger Corman, deutsche Titelsequenz, Bildergalerie, Originaltrailer, nur Mediabook: 8-seitiges Booklet, Limitierungs-Zertifikat
Label/Vertrieb 2016: ELEA-Media
Label Blu-ray 2012: Spirit Media
Label DVD 2012: Black Hill Pictures
Vertrieb 2012: Koch Media
Label/Vertrieb 2003: EMS GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Blu-ray-Packshot: © 2012 Spirit Media,
DVD-Packshot: © 2003 EMS GmbH

 

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