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Infection – Die venezolanischen Wüteriche

07 Apr

Infección

Von Volker Schönenberger

Horror // Zwei Arbeiter spritzen sich in einer elendig versifften Wohnung in einer venezolanischen Großstadt eine Droge. Mit fataler Wirkung: Als der eine aus seinem Rausch erwacht, fällt der andere über ihn her. Dem Angegriffenem gelingt die Flucht aus dem Gebäude. Doch damit verbreitet er eine grauenhafte Infektion …

Crazies

Beinahe hätte ich es übersehen, aber mit „The House at the End of Time“ (2013) habe ich bei „Die Nacht der lebenden Texte“ bereits vor knapp fünf Jahren einen venezolanischen Horrorfilm vorgestellt. Für „Infection“ fällt mein Urteil ebenfalls positiv aus, so viel sei jetzt schon erwähnt. Mit dem argentinischen Slasher „What the Waters Left Behind“ (2017) hat die Busch Media Group bereits vor einiger Zeit einen lateinamerikanischen Horrorfilm nach Deutschland gebracht, nun also einen weiteren.

Noch mehr Crazies

Die Handlung von „Infection“ folgt dem jungen Arzt Dr. Adam Vargas (Rubén Guevara) aus Mérida. Der hat erst kürzlich seine Ehefrau an ein Krebsleiden verloren. Sein Sohn Miguel (Luca de Lima) ist gerade bei den Großeltern auf dem Lande zu Besuch. Adam versucht, in Begleitung seines Freundes Johnny (Leonidas Urbina) zu seinem Sohn zu gelangen. In einer notdürftig hochgezogenen und von Soldaten bewachten Forschungsstation treffen die beiden auf die Schweizer Ärztin Dr. Lucy Blake (Genna Chanelle Hayes) von der World Health Organization. Weil Adam Molekularmediziner ist, will man ihn gleich dort behalten. Das erübrigt sich aber schnell.

Nicht originell, aber gut

Wer all das für nicht besonders originell hält, liegt sicher richtig. Ein generischer Plot wie dieser muss dann eben funktionieren und die bekannten Versatzstücke gekonnt in Szene setzen. Das ist gegeben, trotz erkennbar geringeren Budgets als etwa Danny Boyles „28 Days Later“ (2002), den ich erwähne, weil ein Slogan auf dem Cover von „Infection“ darauf Bezug nimmt: More rage than „28 Days Later!“ Das erscheint etwas hoch gegriffen, gleichwohl sind die heranrasenden Wüteriche durchaus angetan, schweißnasse Handflächen zu verursachen. Ob es sich bei den Infizierten um Zombies handelt oder nicht, ist eine alte Debatte. Das mag jeder Genrefan halten, wie er will, Untote sind es so oder so. Visuell haben mich ein paar Szenen an den Videospiel-Klassiker „The Last of Us“ für PlayStation 3 und 4 erinnert.

Weitere Crazies

Die Ursache des Virus-Ausbruchs wird in der erwähnten Forschungsstation thematisiert, allerdings nur recht kurz. Vielleicht besser so, scheint mir das Drehbuch in der Hinsicht doch auf dünnem Eis zu wandeln. Die schauspielerischen Leistungen schwanken, das ist bei einem Independent-Dreh mit vermutlich vielen unerfahrenen Darstellerinnen und Darstellern nicht anders zu erwarten. An den Hauptfiguren fand ich aber wenig auszusetzen. Adam muss im Verlauf gewisse Skrupel ablegen und Taten begehen, die er lieber nicht begehen würde. Auch dieses Motiv kennt man zur Genüge, es ist hier aber nicht überstrapaziert worden.

Venezuela versinkt im Chaos

Venezuela ist ein heruntergewirtschaftetes Land, das zeigt auch „Infection“. Der Film spricht das auch deutlich an, etwa wenn Adam eine Straße entlanggeht, die nur aus Ruinen und Trümmern besteht, und ein Schild Eine Errungenschaft der Bolivarischen Revolution verkündet (im Untertitel der deutschen Veröffentlichung leider mit „bolivianischen Revolution“ falsch übersetzt). „Infection“ kann als subtile Kritik an der Politik des 2013 verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez und seines despotischen Nachfolgers Nicolás Maduro verstanden werden. Der gerät sogar in einem Fernseher ins Bild, begleitet vom Slogan Es lebe die Revolution. Wir werden gewinnen und überleben. Kurz darauf bekommt der Bildschirm Blutspritzer ab. Vielleicht ist die Kritik an den Zuständen im Lande und der Misswirtschaft durch die Führungselite doch nicht subtil genug gewesen, wurde „Infection“ im Heimatland doch sogar verboten und das nicht aufgrund seiner Brutalität, sondern weil er die desaströsen Folgen des Chavismus oder Chavezismus zeige. Und zugegeben: Wenn in der ersten Einstellung des Films gleich ein Schriftzug Maduro Dictador zu sehen ist, ist das an Deutlichkeit kaum zu überbieten.

Johnny (l.) und Adam versuchen sich durchzuschlagen

Wie es ist, einen ohnehin niedrig budgetierten Film in einem von Mangelwirtschaft geprägten Land zu drehen, zeigt ein YouTube-Video, in welchem Regisseur Flavio Pedota berichtet, es sei immerhin kein Problem gewesen, für diverse Szenen erforderliche Autowracks zu finden.

Nicht vom Corona-, sondern vom Zika-Virus inspiriert

Es kommt sicher nicht von ungefähr, dass „Infection“ zum jetzigen Zeitpunkt den deutschen Filmmarkt erreicht. Aber der Film gelangte bereits ab März 2019, also deutlich vor Beginn der Corona-Pandemie, an die Öffentlichkeit. Pedotas Langfilm-Regiedebüt bezieht sich vermutlich eher auf die Zikavirus-Epidemie 2015/2016 in Lateinamerika, die seinerzeit in Deutschland nur zu vereinzelten Krankheitsfällen führte.

The Last of Us

Der Abspann von „Infection“ beginnt mit ein paar kunstvoll gezeichneten Motiven, gefolgt von dokumentarisch inszenierten Interviewfetzen einiger während der Epidemie aus Venezuela geflüchteter Menschen. Auch ein mexikanisches Paar äußert sich. So erhält der Film sogar noch eine Aussage zum Themenkomplex um Flucht und Migration. Horrorfilme ragen oft dann aus der Masse heraus, wenn sie Aussagen zu politischen oder gesellschaftlichen Zuständen machen. Das tut „Infection“ auf jeden Fall, aber er lässt sich meines Erachtens auch einfach als Independent-Horrorfilm mit Genuss schauen. Welche lateinamerikanischen Horrorfilme könnt Ihr empfehlen?

Eine Errungenschaft der Bolivarischen (nicht bolivianischen) Revolution

Veröffentlichung: 1. April 2021 als Blu-ray und DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Infección
VEN/MEX 2019
Regie: Flavio Pedota
Drehbuch: Flavio Pedota, Yeimar Cabral
Besetzung: Rubén Guevara, Leonidas Urbina, Magdiel González, Genna Chanelle Hayes, Isabel Bertelsen, Yon Henao Calderón, Luca de Lima, Anibal Grunn, Johanna Juliethe, Markian Kazandjian, Ronnie Nordenflycht
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: Busch Media Group
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Busch Media Group

 

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