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Wenn du krepierst – lebe ich: Auf dem Highway ist die Hölle los

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Autostopp Rosso Sangue

Von Andreas Eckenfels

Psychothriller // „Ein geschmackloses Machwerk voller Perversitäten“, sagt die Cinema. „Ein allein auf Sex und Gewalt ausgerichtetes schäbiges Spekulationsprodukt, das wahllos gesellschaftliche Randgruppen denunziert“, schrieb das Zweitausendeins Filmlexikon. Eine schöne Idee von OFDb Filmworks, einige Zitate aus Filmrezensionen zu dem Franco-Nero-Thriller in ihrem schicken Digipack zu „Wenn du krepierst – lebe ich“ abzudrucken. Zusätzlich verspricht natürlich auch der sleazige deutsche Verleihtitel einen kleinen Drecksfilm – und dann ist auch noch David Hess, der Psycho aus Wes Cravens „The Last House on the Left“, erneut als irrer Sadist besetzt.

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Walter auf der Jagd

Die ersten Minuten bestätigen dann auch die dunklen Vorahnungen: Franco Nero gurgelt als italienischer Journalist Walter Mancini den Whiskey, bevor er ihn literweise in sich hineinschüttet. Auf der Jagd nimmt er seine Frau Eve (Corinne Cléry, „Geschichte der O“) ins Fadenkreuz – und erschießt dann doch einen Hirsch. Dies habe er allerdings nur getan, weil er mit Eve wenigstens noch rumvögeln könne. Das habe sie dem Hirsch voraus, wie Walter ihr mitteilt – was er dann auch gleich in die Tat umsetzt. Sie gibt sich dem Säufer wie schon viele Male zuvor widerstrebend hin.

Psycho im Auto

Als die beiden wenig später auf ihrer Reise durch den amerikanischen Westen mit ihrem Wohnwagen auf einem Campingplatz halten und ein junges Paar beim Sex beobachten, sagt er lapidar: „Sie tun dasselbe wie wir gerade“, worauf sie erwidert: „Die machen Liebe, wir haben gefickt“. Es wird klar: Walter ist ein echtes Ekel – ein obszöner, triebgesteuerter Säufer. Eve ist diesem Tier hilflos ausgeliefert. Doch sobald Anhalter Adam (David Hess) mit einem Koffer voll Geld bei dem krisengeschüttelten Paar ins Auto steigt und sie zwingt, ihn über die mexikanische Grenze zu bringen, ändert sich das „geschmacklose Machwerk“ zu einem natürlich reißerischen, aber dennoch packenden Thriller.

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Walter und Eve sollen Bankräuber Adam über die mexikanische Grenze bringen

Dies liegt vor allem daran, dass sich die Geschlechterrollen ändern: Eve ist nicht das wehrlose Opfer. Wie sich herausstellt, ist Walter ein armer Tropf, der die Tochter seines Chefs geheiratet hat. Eve ist es, die das Geld in die Ehe gebracht hat und versucht, die Beziehung mit der Reise in die USA zu retten. Weil der ebenfalls vulgäre Adam sich schnell an die hübsche Eve ranmacht, fühlt sich Walter in seiner Männlichkeit verletzt. Nur durch seine Pistole bleibt der psychopathische Bankräuber Adam in der Vormachtsstellung. Vorläufig zumindest. Denn Eve hat mit ihrem Körper eine eigene Waffe zu bieten, die sie auch einsetzt, als sie merkt, dass sich Walter niemals gegen den jüngeren Adam durchsetzen wird.

Widerlich und quälend

Der Sündenfall – nicht umsonst heißen die Figuren Adam und Eve –, der zu dem miesen Ruf von „Wenn du krepierst – lebe ich“ beigetragen hat, manifestiert sich schließlich durch die harte Vergewaltigungsszene. Adam vergeht sich an Eve und zwingt den gefesselten Walter, dabei hilflos zuzusehen. Sadistischer geht es nicht. Allerdings gebe ich hier dem Booklet-Text von Christian Kaiser recht: Regisseur Pasquale Festa Campanile inszeniert die Szene vor Lagerfeuer zwar wie in einem Softerotik-Filmchen inklusive zarter Musik von Ennio Morricone – Corinne Cléry zeigt sich komplett nackt und David Hess darf ähnlich wie in Cravens Schocker an ihr herumschlecken, dass es eine widerliche Qual ist; dennoch ist die gesamte Szene, wie der gesamte Film, hervorragend gespielt. Im letzten Drittel bekommt die Geschichte dann noch einen interessanten Dreh, mit dem man so nicht unbedingt rechnen konnte.

Ein Kind der Siebziger

„Wenn du krepierst – lebe ich“, auch unter dem Titel „Der Todes-Trip“ bekannt, ist also kein reines Psychoduell im Sinne von anderen „Anhalter“-Filmen wie „Hitcher – Der Highwaykiller“. Der Film ist mehr Beziehungsdrama angereichert mit einigen Härten, rasant inszeniert und mit großartiger Besetzung. Ein Kind der Siebziger, der heute natürlich nicht mehr so schockiert wie früher. Dennoch muss man aufgrund der Abgebrühtheit einiger Szenen ab und an kräftig schlucken.

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Walter versucht erfolglos, sich zur Wehr zu setzen

Toll, dass OFDb Filmworks den dreckigen Geschlechterkrieg in einer hervorragenden Edition aus dem Hut gezaubert hat. Vorher gab es nur eine geschnittene VHS-Kassette. Neben der extrem limitierten und schon ausverkauften Hartbox gibt es eine auf 2.000 Stück beschränkte, inhaltsgleiche Fassung im Digipack. Außer DVD und Blu-ray mit deutscher, englischer und italienischer Sprachfassung sind Booklet, ein Audiokommentar von Marcus Stiglegger und auf einer zweiten DVD ein rund 80-minütiger Rückblick auf die Entstehungsgeschichte enthalten, bei der alle damaligen Protagonisten zu Wort kommen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 5. Juni 2015 als limitierter Digipack (Blu-ray + DVD + Bonus-DVD)

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: Ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Autostop Rosso Sangue
Internationaler Titel: Hitch-Hike
Alter deutscher Verleihtitel: Der Todes-Trip
IT 1977
Regie: Pasquale Festa Campanile
Drehbuch: Pasquale Festa Campanile, Aldo Crudo, Ottavio Jemma nach einem Roman von Peter Kane
Besetzung: Franco Nero, David Hess, Corinne Cléry
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Dokumentation „Road to Ruin“, Bildergalerie
Vertrieb: OFDb Filmworks

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Adam macht sich an Eve ran

Copyright 2015 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2015 OFDb Filmworks

 

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Geschichte der O – Sind devote Frauen erotisch?

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Histoire d’O

Von Volker Schönenberger

Erotikdrama // Dank „Fifty Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ sind Unterwerfungs-Sexualität, BDSM und SM-Sex in vieler Munde. Da mich das Querlesen einiger Seiten des Buchs von E. L. James schon gelangweilt hat, habe ich die Rezension des Films Matthias überlassen. Aber da wir gerade beim Thema sind, habe ich mir stattdessen den Klassiker vorgenommen: „Geschichte der O“ nach Anne Desclos’ unter dem Pseudonym Pauline Réage veröffentlichten Roman.

Gehorsam bis hin zum Sex und der Peitsche

„Geschichte der O“ handelt von – Überraschung! – der Geschichte der O (Corinne Cléry), deren Freund René (Udo Kier) sie auf ein Schloss bringt. Dort soll sie sich in der Kunst der vollkommenen Unterwerfung ausbilden lassen. Zu Beginn wird die devote junge Modefotografin sogleich von mehreren Männern genommen, alsbald auch ausgepeitscht. Aus Liebe zu René lässt sie alles über sich ergehen, ist stets einverstanden. Nach Ende ihrer Zeit auf dem Schloss übergibt René O seinem älteren Freund Sir Stephen (Anthony Steel). Auch ihm hat sie vollständig zu Willen zu sein.

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René testet Os Unterwürfigkeit

Was damals so alles Skandalfilm war … Nun gut, ein wenig kann man es verstehen. Bei „La Bête – Die Bestie“ war der Sex zwischen einer jungen Frau und einem Biest offenherzig genug inszeniert, um Mitte der 70er-Jahre Aufruhr zu verursachen. Und dass Menschen beiderlei Geschlechts Spaß daran haben können, sich vollständig zu unterwerfen, wie es bei der Titelheldin in „Geschichte der O“ der Fall zu sein scheint, wird für viele Blümchensex-Liebhaber jener Zeit absolutes Neuland gewesen sein.

Die Geschichte des O – das hätte auch mal was

Was freiwillige Versklavung einer Frau bis hin zum wie selbstverständlichen Sich-Weiterreichenlassen über ihre Psyche aussagt, darüber mögen sich andere Gedanken machen. Auch etwas bezeichnend ist es natürlich, dass es sich nicht um die „Geschichte des O“ handelt. Obwohl die Vorlage von einer Frau stammt, bedient der Film doch klar die Männerfantasie der exzessiv devoten Frau, die alles mit sich machen lässt.

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Erotisches Bankett

Filmisch ist das einigermaßen betörend inszeniert. Mit weich gezeichneten Bildern, ruhiger musikalischer Untermalung und einer sanften weiblichen Stimme als Erzählerin aus dem Off setzt „Geschichte der O“ Gegenpole zu punktuell gewalttätigen Szenen, auch wenn die Auspeitschungen nach heutigen Maßstäben harmlos wirken. Gerade das provoziert Kritik, verharmlost es doch die Züchtigungen, wenn ich mir dieses ebenso verharmlosende Wort erlauben darf. Auch das nonchalante Weiterreichen der Liebsten an andere Kerle ist nicht unbedingt Zeichen einer Interpretation der Geschlechterrollen auf Augenhöhe.

Hat O die Macht?

Oder hält tatsächlich O die Zügel in der Hand? Sie gibt stets ihr Einverständnis zu allen Maßnahmen, die ihr widerfahren. Am Ende dreht sie gar den Spieß um. Es bleibt aber ein Feigenblatt. Einverständnis hin oder her, letztlich sagen die Männer, wo es lang geht, Frauen sind Lustobjekte, was sich auch dadurch ausdrückt, dass Nackheit ausschließlich in weiblicher Form gezeigt wird. Das müssen wir heute nicht mehr anprangern, wer sein Frauenbild durch „Geschichte der O“ prägen lässt, bei dem müssen wir anderswo ansetzen als beim Filmkonsum.

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Die junge Frau lässt sich demütigen …

Von mir aus darf der Film gern als Erotikklassiker gelten – ist er in den Grenzen des Genres sicher auch. Ist man verklemmt, wenn man sich über „Geschichte der O“ echauffiert? Vielleicht ebenso verklemmt wie jemand, der den Film als bahnbrechendes Erotik-Meisterwerk anpreist. Dann will ich mich mal als souveräner Feingeist gebärden, indem ich resümiere, dass „Geschichte der O“ über weite Strecken gepflegte Langeweile verbreitet.

Von „Emmanuelle“ zu „Gwendoline“

Regisseur Just Jaeckin hat 1974 mit seinem Regiedebüt „Emmanuelle“ Sylvia Kristel zum Star gemacht und in seiner kurzen Filmografie ausschließlich Erotik gelistet, darunter „Lady Chatterleys Liebhaber“ (1981) und „Gwendoline“ (1984). „Geschichte der O“ ist womöglich das drastischste Werk in Jaeckins Oeuvre, ist aber heute nicht mehr angetan, große Debatten auszulösen. Andererseits: Auch das harmlose „Fifty Shades of Grey“ hat manche Leser oder Filmgucker in Wallung gebracht – so oder so. Allerdings ist Jaeckin so weit entfernt nicht vom harmlosen David Hamilton, der seinerzeit mit „Bilitis“ (1977) und „Zärtliche Cousinen“ (1980) den Weichzeichner-Exzess zur Perfektion gebracht hat.

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… und gibt sich anderen Männern hin …

Ein Jahr nach „Geschichte der O“ hatte Hauptdarstellerin Corinne Cléry in „Bluff“ eine Hauptrolle an der Seite von Adriano Celentano und Anthony Quinn. 1977 spielte sie mit Franco Nero in „Wenn du krepierst – lebe ich“. Als Helikopterpilotin des Schurken war Cléry 1979 in „James Bond 007 – Moonraker – Streng geheim“ zu sehen, wo sie – selbstverständlich – den Verführungskünsten des von Roger Moore verkörperten Superagenten nicht widerstehen kann. Später drehte die 1950 geborene Französin hauptsächlich fürs italienische Fernsehen, seit 2010 allerdings nicht mehr.

Udo Kier – der Tausendsassa

An sich wollte ich meinen Text mit einem Verweis auf „Iron Sky“ beginnen, um zu belegen, wie weit sich Udo Kier von seinem 70er-Jahre-Status als Sexsymbol entfernt hat. Aber das trifft’s nicht – der Mann hat einfach alles gemacht, von „Hexen bis aufs Blut gequält“ (1970) über Dario Argentos „Suspiria“ (1977), Rainer Werner Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ (1980) und „Lilli Marleen“ (1981) bis hin zu Christoph Schlingensiefs „Das deutsche Kettensägen Massaker“ (1990). Kier hat sich nicht von irgendwas entfernt, sondern einfach viel probiert.

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… auch in Renés Gegenwart

Auch Hollywood mag den Mann mit dem ausdrucksstarken Blick, wie unter anderem seine Auftritte in Gus Van Sants „My Private Idaho – Das Ende der Unschuld“ (1991), „Ace Ventura – Ein tierischer Detektiv“ (1994) mit Jim Carrey, Michael Bays „Armageddon – Das jüngste Gericht“ (1998) mit Bruce Willis, „Blade“ (1998) mit Wesley Snipes und Peter Hyams’ „End of Days – Nacht ohne Morgen“ mit Arnold Schwarzenegger belegen. Seine laut IMDb-Filmografie 222 Rollen in knapp 50 Jahren weisen ihn als Vielfilmer aus. Freuen wir uns für 2016 auf „Iron Sky – The Coming Race“, wo Kier erneut als Nazi-Offizier Wolfgang Kortzfleisch zu sehen sein wird. Hoppla, jetzt bin ich ganz von der Erotik weggekommen. Wie komme ich da nur wieder hin? Das lasse ich einfach mein Geheimnis bleiben …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Udo Kier sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. Februar 2015 als limitierte 40th Anniversary Edition (inkl. Soundtrack-CD, Booklet, Federmaske, Seidentuch & Sammlerbox), 18. Dezember 2012 als Blu-ray und DVD, 4. Dezember 2006 als 2-Disc Special Edition DVD (inkl. Soundtrack-CD und Booklet), 24. Mai 2006 als DVD

Länge: 105 Min. (Blu-ray), 101 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Histoire d’O
F/BRD/KAN 1975
Regie: Just Jaeckin
Drehbuch: Sébastien Japrisot, nach dem Roman von Anne Desclos alias Dominique Aury alias Pauline Réage
Besetzung: Corinne Cléry, Udo Kier, Anthony Steel, Jean Gaven, Christiane Minazzoli, Martine Kelly, Jean-Pierre Andréani, Gabriel Cattand, Li Sellgren
Zusatzmaterial:
Vertrieb: FilmConfect Home Entertainment

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2015 FilmConfect Home Entertainment

 

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