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High-Rise – Im Luxus-Hochhaus in die Barbarei

28 Jun

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High-Rise

Kinostart: 30. Juni 2016

Von Volker Schönenberger

SF-Drama // Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) haust in seiner heruntergekommenen und vermüllten Wohnung wie ein Messie, seine Nachbarn im Hochhaus scheinen ähnlich drauf zu sein. Den Schäferhund, der seine Gesellschaft gesucht hat, tötet und schlachtet er, um ihn in Teilen am Spieß zu grillen.

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Dr. Robert Laing zieht ins …

Soweit der Prolog von „High-Rise“, der sich im Übrigen am Einstieg des zugrunde liegenden Romans von J. G. Ballard orientiert. Die Handlung springt drei Monate zurück. Laing bezieht 1975 sein neues Appartement in dem luxuriösen, vom exzentrischen Architekten Anthony Royal (Jeremy Irons) errichteten Hochhaus. Der lebt mit seiner Frau Ann (Keeley Hawes) ganz oben im größten Penthouse des 40-stöckigen Gebäudes; die Dachterrasse hat er zum Park ausgebaut, in dem Ann mit ihrem Pferd (!) ausreiten kann.

Gesellschaftlicher Aufstieg – im Hochhaus nicht einfach

Das Gebäude bietet alle denkbaren Annehmlichkeiten, vom Supermarkt bis zu Swimming-Pool und Fitnessstudio. Theoretisch müssten seine Bewohner es gar nicht mehr verlassen, was einige auch so zu handhaben scheinen. Bald kristallisiert sich bei all dem Wohlstand eine strenge dreistufige Hierachie heraus: Wer oben lebt, gehört zur Oberschicht, der gesellschaftliche Aufstieg dorthin ist schwierig bis unmöglich. Das missfällt beispielsweise dem Dokumentarfilmer Richard Wilder (Luke Evans), der es mit seiner schwangeren Frau Helen (Elisabeth Moss) nur in den zweiten Stock geschafft hat. Nach und nach blättert bei vielen Bewohnern der Zivilisationslack ab. Die Außenwelt scheint fern, in der Abgeschlossenheit des Hochhauses gewinnen Barbarei und vertiertes Gebaren die Oberhand.

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… von Stararchitekt Anthony Royal errichtete Hochhaus

Mit dem Horrorthriller „Kill List“ und der Thriller-Groteske „Sightseers – Killers on Tour!“ machte Regisseur Ben Wheatley 2011 und 2012 nachhaltig auf sich aufmerksam. Das Historiendrama „A Field in England“ erregte ein Jahr später nicht ganz so viel Interesse, doch nun hat Wheatley mit „High-Rise“ Gelegenheit, sich nachhaltig für große Produktionen ins Gespräch zu bringen – das nicht zuletzt dank der erlesenen Besetzung: Mit dem als kommender Bond-Darsteller im Gespräch befindlichen Tom „Loki“ Hiddleston („Only Lovers Left Alive“, „Crimson Peak“) und Luke Evans („Dracula Untold“, „Fast & Furious 6“) hat er zwei attraktive und aufstrebende Schauspieler im Cast, die das Zeug haben, in den Superstar-Olymp aufzusteigen. Oscar-Preisträger Jeremy Irons („Die Affäre der Sunny von B.“) adelt sowieso jede Besetzungsliste, hinzu kommt Sienna Miller („Foxcatcher“, „The Girl“) als alleinerziehende Mutter Charlotte Melville.

Anarchie!

Kurz schoss mir bei der Sichtung von „High-Rise“ die französische Groteske „Themroc“ durch den Kopf, die ich einige Zeit zuvor geschaut hatte. Die dort gelebte und zur Schau gestellte Anarchie ist jedoch mehr Aufbegehren gegen die Ödnis des gesellschaftlichen Alltags. In „High-Rise“ gleiten die Bewohner unbewusst oder zumindest ohne Ziel in anarchistische Zustände ab. Sie vertieren, weil es ihnen an Kontakt zur Außenwelt mangelt. Auch Parallelen zum formidablen Endzeit-Drama „Snowpiercer“ sind zu bemerken – dort erstreckt sich die gesellschaftliche Hierarchie von der Spitze eines überdimensionalen Eisenbahn-Zuges nach hinten, während es in „High-Rise“ von oben nach unten geht. Der Architekt Anthony Royal wollte ein Refugium erschaffen, in dem es allen Bewohnern besser geht, quasi ein Biotop als Nische in der Großstadt. Doch Royals soziales Experiment ist zum Scheitern verurteilt.

Regisseur Ben Wheatley inszeniert das in erlesener Bildsprache, die die Dekadenz im Hochhaus und auch den Rückfall in die Steinzeit angemessen visualisiert. Die Filmmusik von Clint Mansell („Requiem for a Dream“) mit ihren mal elektronischen, mal klassischen Klängen untermalt das trefflich. Schön auch das zweimal zu hörende „SOS“, einmal von Portishead (im Original von Abba). Das ist Hochglanzkino, etwas – aber nicht viel – glatter als die literarische Vorlage. Sex und Gewalt werden nicht im Übermaß plakativ ausgewalzt, sondern punktuell eingesetzt. „High-Rise“ wurde bereits bei den Fantasy Filmfest Nights im April 2016 gezeigt, hat sich den regulären Kinostart aber redlich verdient – es ist kein Blockbuster, aber eine intelligente dystopische Vision.

In Deutschland unterschätzter Autor: J. G. Ballard

Zum Roman und zum Autor: „High Rise“ des britischen Schriftstellers James Graham Ballard (1930–2009) ist im Original 1975 veröffentlicht worden und in Deutschland erstmals 1982 unter dem Titel „Der Block“ als Heyne-Taschenbuch in der Reihe „Science-Fiction“ erschienen, zehn Jahre später unter dem Titel „Hochhaus“ in der Phantastischen Bibliothek von Suhrkamp. Beide Veröffentlichungen sind vergriffen, anlässlich des Kinostarts erscheint der Roman unter dem Filmtitel „High-Rise“ nun aber endlich erneut.

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Apart: die neue Nachbarin Charlotte Melville

Generell wird J. G. Ballard in Deutschland leider etwas stiefmütterlich behandelt. Einige seiner Romane und Erzählungen sind seinerzeit in der mittlerweile leider eingestellten „Phantastischen Bibliothek“ von Suhrkamp erschienen. Für den Verleger Joachim Körber gehört der Autor nicht nur zu den wichtigsten Science-Fiction-Autoren, sondern zu den wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts überhaupt, da sein Werk weit über die Science-Fiction hinausgehe. Körber hat in seinem Kleinverlag „Edition Phantasia“ einige Ballard-Werke herausgegeben, zum Teil in limitierten Liebhaberausgaben.

Lektüretipp: Ballards Urbane Trilogie

Körber empfiehlt auf meine Frage nachdrücklich die Lektüre von Ballards „Urbaner Trilogie“, bestehend aus „Crash“ (erschienen in der Edition Phantasia und trotz Limitierung auf 1.000 Exemplare nach wie vor lieferbar), „High Rise“ und „Concrete Island“, das bei uns unter dem Titel „Betoninsel“ auch als Heyne- und Suhrkamp-Taschenbuch erschienen ist – beide Veröffentlichungen sind vergriffen. Alle drei Romane sind 2004 auch in gebundener Form in einem Band erschienen – auch die Ausgabe ist nicht mehr lieferbar.

„High Rise“ und „Concrete Island“ sind Körber zufolge in gewisser Hinsicht Abwandlungen von William Goldings „Herr der Fliegen“ weil sie zeigen, wie schnell Menschen in die Barbarei zurücksinken, wenn sie von der Zivilisation abgeschnitten werden. Als zusätzliche Empfehlung nennt der Verleger das sehr experimentelle „The Atrocity Exhibition“, das die gesamte Psychopathologie des 20. Jahrhunderts auf den Punkt bringe. Es ist in Deutschland unter dem Titel „Liebe & Napalm: Export USA“ erschienen und – was sonst? – vergriffen. Immerhin ist in Österreich eine Ausgabe unter dem Titel „Liebe & Napalm – The Atrocity Exhibition“ lieferbar.

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Richard Wilder will aufsteigen …

Steven Spielberg verfilmte 1987 Ballards autobiografisch gefärbten Roman „Das Reich der Sonne“ mit dem jungen Christian Bale in der Hauptrolle. 1996 adaptierte David Cronenberg mit „Crash“ ebenfalls einen Ballard-Roman. „The Atrocity Exhibition“ ist 2000 als einzige Arbeit eines Regisseurs namens Jonathan Weiss mit kaum bekannten Darstellern verfilmt worden.

 

„Der Untergang ist verlockend und sinnlich“

In seiner Rezension von „Crash“ bei „Die Nacht der lebenden Texte“ schreibt Simon Kyprianou: Der Untergang ist verlockend und sinnlich. Genau das ist es, was Science-Fiction-Fans Ballard nach Einschätzung von Joachim Körber anfangs immer vorgeworfen haben – bei ihnen sei der Autor in den 1960er- und 1970er-Jahren auf teils vehemente Ablehnung gestoßen. Seine Helden würden nicht wacker gegen die Katastrophen angehen, die in seinen ersten vier Romanen „Der Sturm aus dem Nichts“ („The Wind from Nowhere“), „Paradiese der Sonne“ (auch „Karneval der Alligatoren“, Originaltitel: „The Drowned World“), „Welt in Flammen“ (auch „Die Dürre“, Originaltitel: „The Burning World / The Drought“) und „Kristallwelt“ („The Crystal World“) in Form der vier alchemistischen Elemente Luft, Wasser, Feuer und Erde über die Welt kommen; statt das Unheil wacker zu bekämpfen, würden sie sich regelrecht im Untergang suhlen.

Bleibt zu hoffen, dass dieser wunderbare Schriftsteller mit der gelungenen und zum Nachdenken anregenden Verfilmung „High-Rise“ in Deutschland endlich breite Aufmerksamkeit erlangt.

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… verfällt aber doch nur der Dekadenz

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Luke Evans, Tom Hiddleston und/oder Jeremy Irons sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: High-Rise
GB/BEL 2016
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Amy Jump, nach einem Roman von J. G. Ballard
Besetzung: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes, Peter Ferdinando, Sienna Guillory, Tony Way
Verleih: DCM Film Distribution GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 DCM Film Distribution GmbH

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2016/06/28 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “High-Rise – Im Luxus-Hochhaus in die Barbarei

  1. franziska-t

    2016/06/28 at 17:02

    Ich fand den Film auch sehr gut, auch wenn der Wechsel zwischen bravem Zusammenleben und Anarcho-Hochhaus etwas zu schnell und unlogisch verlief. Es war nicht ganz klar, warum jetzt das Zusammenleben zwischen Oben und Unten derart eskaliert, weil Wheatley mitten im Film mit einer Montage „trickst“. Erst im Zusammenhang mit meiner Kritik (https://filmkompass.wordpress.com/2016/05/09/high-rise-omu-2015/) habe ich mich etwas eingelesen und festgestellt, dass die Einwohner im Hochhaus dieses Chaos sogar wollen. Das hätte der Film ruhig stärker herausarbeiten können, aber im Großen und Ganzen war ich sehr zufrieden. Tom Hiddleston ist ein charakterstarker Protagonist, dem man gerne überall hin folgt.

     

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