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In den Kerkern von Marokko – Interessante Genre-Kreuzung

10 Dez

Yankee Pasha

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Der Trapper Jason Starbuck (Jeff Chandler) hat genug vom Wildwest-Leben und willigt in eine Wette mit dem Geschäftsmann Elias Derby (Tudor Owen) ein, die ihm das Geld für eine Schifffahrt in die Ferne sichern soll. Als Starbucks neue Flamme Roxana Reil (Rhonda Fleming) kurz darauf entführt und nach Marokko verschleppt wird, muss er nicht mehr lange überlegen, wohin die Reise gehen soll. Am Hofe des Sultans (Lee J. Cobb) kann der eine oder andere von einem gewieften Gewehrschützen aus dem amerikanischen Westen womöglich sogar noch etwas lernen – und in den Harems wartet nicht nur Roxana.

„In den Kerkern von Marokko“ ist ein kurzweiliger Abenteuerfilm mit guter Mischung aus Exotik und Humor, der vor allem deswegen sehenswert ist, da man die Kombination aus Western und Tausendundeine-Nacht-Film durchaus als äußerst seltenes Vergnügen bezeichnen kann – zudem verknüpft mit einem kurzen Piratenfilm-Intermezzo. Unterhaltsam und sehenswert, nicht nur aufgrund der kuriosen Idee, diverse Miss-Wahl-Gewinnerinnen als echte Hingucker im Harem zu besetzen. Hinwegsehen muss man hier lediglich über den banalen, ziemlich albernen Originaltitel „Yankee Pasha“. Der geht zwar auf die Romanvorlage von Edison Marshall aus dem Jahr 1947 zurück, jedoch muss dazu gesagt werden, dass Universal 1952 schon einen anderen Abenteuerfilm mit Jeff Chandler unter dem Titel „Yankee Buccaneer“ (deutscher Titel: „Unter falscher Flagge“) veröffentlicht hatte – und mit diesem Piratenfilm hatte Edison Marshall an sich nichts zu tun, mutmaßliche Beeinflussungen jedweder Art hin oder her. Marshalls bekannteste Kino-Partizipation dürfte die Romanvorlage zu dem unter der Regie von Richard Fleischer mit Kirk Douglas verfilmten Epos „Die Wikinger“ (1958) sein. Ein sehenswerter, auf einem Marshall-Roman basierender Film ist zudem Delmer Daves’ „Im Reiche des goldenen Condor“ (1953) – hierzulande trotz des namhaften Regisseurs aber kaum bekannt, was unter anderem darauf zurückgehen dürfte, dass die deutsche Synchronfassung vergleichsweise selten und kaum zu bekommen ist. „Im Reiche des goldenen Condor“ ist wiederum ein Remake mit abgewandelten Handlungsorten/-ländern des Tyrone-Power-Klassikers „Abenteuer in der Südsee“ (1942). Damit ist das Feld der Edison-Marshall-Adaptionen im Hollywood-Tonfilm dann auch weitestgehend umrissen. Wenige, aber durchaus denkwürdige Stoffe und Filme.

Jeff Chandler unter dem Einfluss Dritter

Die Titel „Yankee Buccaneer“ und „Yankee Pasha“ sind auch insofern recht bezeichnend, als sie ziemlich plastisch verdeutlichen, in welches Rollenbild man Jeff Chandler im Hause Universal in den 50ern hineinzupressen versuchte. Chandler machte sich zugegebenermaßen sehr gut in derartigen Filmen, aber diese Besetzungspraxis hatte zur Folge, dass er irgendwann schlicht dankbar war, auch wieder einmal eine differenziertere Rolle wie in „Kreuzverhör“ (1957), anstelle des reinen Western- oder Abenteuerhelden gehobenen Groschenheft-Niveaus, spielen zu dürfen. Rollen der Art wie in „Yankee Pasha“ ließen in ihm den Gedanken wachsen, sich langsam aus seinem langfristigen Kontrakt mit Universal zu lösen, um mehr Chancen auf andere Arten von Filmen und Figuren zu bekommen.

Im Juni 1961 starb Jeff Chandler mit nur 42 Jahren. Während der Arbeit an seinem letzten Film, „Durchbruch auf Befehl“ (1962), zog er sich beim Baseballspielen in einer Drehpause eine unglückliche Rückenverletzung zu, die operiert werden musste. Bei dem Eingriff wurde in einem Krankenhaus in Culver City, Los Angeles versehentlich eine Arterie verletzt, was zu massivem Blutverlust führte. Man versuchte, ihm in Folgeoperationen wieder Blut in großen Mengen zuzuführen, dennoch erlag Chandler den Komplikationen nach etwas mehr als einem Monat. Den von ihm anvisierten Wechsel – weg von Universal und hin zu einer abwechslungsreicheren Rollenauswahl – hatte er bis dato aber bereits erfolgreich vollzogen. Zudem war er als Sänger beliebt, war unter anderem im ganz großen Rahmen in Las Vegas aufgetreten. In Jeff Chandler steckte enormes Potenzial, das durch einen einzigen medizinischen Eingriff, irgendwo zwischen dramatischer Tragik, menschlichem Versagen und Ärztepfusch, jäh zerstört wurde. Sein Ableben wurde Gegenstand eines großen Gerichtsverfahrens.

Die Kinowelt um Joseph Pevney

Die Karrieren von Joseph Pevney und Jeff Chandler sind eng miteinander verbunden. Insgesamt sieben Filme mit Chandler in einer Hauptrolle wurden von Pevney inszeniert. Für einen weiteren – „Seine letzte Chance“ (1955) – war Chandler ursprünglich vorgesehen, wirkte dann aber nur hinter den Kulissen mit und wurde vor der Kamera vom späteren Jerry-Cotton-Darsteller George Nader ersetzt. Hinzu kommt ein Cameo von Chandler in Pevneys „Zu allem entschlossen“ (1952). Vom romantischen Drama über den Western und Abenteuerfilm bis hin zum Film noir, zum Sportdrama und zum Kriegsfilm deckten Pevney und Chandler als Gespann eine nennenswerte Bandbreite an Genres ab. Die Zusammenarbeit funktionierte so gut, dass Pevney auch „Die Plünderer“ (1960) inszenieren durfte, der bereits abseits von Universal entstand, nachdem beide dieses Studio vorher über die 50er-Jahre hinweg maßgeblich geprägt hatten. Es sollte, dem Schicksal geschuldet, Jeff Chandlers letzter Western werden. Eine weitere der Kollaborationen von Pevney und Chandler, ihren ersten gemeinsamen Film „Ausgezählt“ (1951), habe ich bereits zu einem früheren Zeitpunkt auf „Die Nacht der lebenden Texte“ besprochen. Übrigens soll es Joseph Pevney gewesen sein, der Clint Eastwood bei seinem ersten richtigen Vorsprechen für einen Hollywood-Film ablehnte – während der Vorbereitungen des Drehs von besagtem „Seine letzte Chance“.

Joseph Pevney war als Regisseur eine verdammt sichere Bank. Einer, bei dem man einfach weiß, wenn man seinen Namen im Vorspann liest, dass es absolut keinen Grund zur Sorge gibt und der zudem nicht einmal ansatzweise auf ein Genre festgelegt war. Ein absoluter Allrounder des 50er-Genrekinos aus Hollywood. Einer von dem man mindestens ein halbes Dutzend Filme gesehen haben sollte, ehe man über das damalige US-Kino und seine Genrelandschaft urteilt. Selbiges gilt etwa auf Augenhöhe unter anderem auch für Joseph M. Newman („Die Welt der Sensationen“), Lesley Selander („Pfeile in der Dämmerung“), Jerry Hopper („Pony Express“), Frederick de Cordova („Die Piratenbraut“), Charles Marquis Warren („Die Bestie der Wildnis“), Edward Ludwig („Marihuana“) und Lewis R. Foster („Gold in Neuguinea“). Gemeint sind Vorzeige-Regisseure aus der zweiten oder dritten Reihe, die dem 50er-Genrefilm einen richtig guten Stempel aufgedrückt, aber nicht die Bekanntheit von Budd Boetticher („Gefangene des Dschungels“), Jack Arnold („Kreuzverhör“), George Sherman („Rebellen der Steppe“) oder Jacques Tourneur („The Leopard Man“) erlangt haben beziehungsweise erheblich seltener analytisch besprochen oder gewürdigt worden sind. Dann sind da noch Regisseure wie beispielsweise André De Toth, Gordon Douglas oder Phil Karlson, die trotz Anschluss an den A-Film-Sektor in etwa zwischen den beiden Lagern schweben – bei Licht betrachtet eigentlich weniger beachtet als Boetticher oder Tourneur, dennoch große Könner. Dann gibt es noch die, die handwerklich nicht unbedingt das Niveau von beispielsweise Pevney oder Foster hatten, als solide Abenteuergeschichtenerzähler für das 50er-Hollywood dennoch verlässlich und wichtig waren – nehmen wir etwa Joseph Kane bei Republic Pictures, Fred F. Sears bei Columbia oder den gebürtigen Wiener Reginald Le Borg. Es gibt in diesem Feld noch sehr viel aufzuarbeiten!

Wonach wird eigentlich entschieden?

Bis heute sind in Bahnhofsbuchhandlungen Heftchen mit Westerngeschichten sehr beliebt, die nicht viel kosten, aber gut unterhalten. Das US-Kino der 50er-Jahre hat eine Vielzahl an Filmen parat, die dazu gewissermaßen das Leinwand-Pendant bilden. Nicht nur Western, sondern auch sonstige Abenteuergeschichten. Der Fundus an netten kleinen Hollywood-Abenteuerfilmen ist, gerade aus den 30er- bis 50er-Jahren, enorm groß und filmwissenschaftlich eher wenig beleuchtet. „In den Kerkern von Marokko“ ist einer aus dieser Kategorie und nur einer von etlichen, die Jeff Chandler und Joseph Pevney zu dem Sektor beigetragen haben. Auch dieser Film hat es allerdings selbst in den USA bis heute noch nicht zu einer DVD-Veröffentlichung gebracht. Jeff Chandler wäre im Dezember dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. So langsam wird es Zeit für einen DVD- oder Blu-ray-Start!

Seinen beiden weiblichen Co-Stars Rhonda Fleming und Mamie Van Doren könnte man damit vermutlich eine Freude machen. Sie sind mittlerweile stolze 95 und 87 Jahre alt. Neben ihnen lohnt der Film aber auch wegen Lee J. Cobb, der als orientalischer Sultan, zudem in einem Film recht trivialer Dramaturgie, ziemlich überraschend besetzt ist, aber mit dem man eigentlich nie etwas verkehrt macht. Unter den sonstigen Nebenrollen möchte ich besonders Philip Van Zandt und Tudor Owen hervorheben – zwei Charakterdarsteller mit Wiedererkennungswert, über deren vertraute Gesichter man sich immer freut und denen man den Spaß an ihrem Beruf stets anmerkt. Lediglich der in Berlin geborene Rex Reason, der damals auch als Heldendarsteller durchzustarten versuchte, hier aber den fiesen Antagonisten spielt, enttäuscht mit einer recht hölzernen Allerweltsdarbietung. In der deutschen Fassung irritiert zudem, dass Rex Reason die Stimme von Wolf Martini hat, der sich wenig später als Lee J. Cobbs Stammsprecher zu etablieren begann und dies wahrscheinlich auch geblieben wäre, wäre er nicht bereits 1959 verstorben. Zum Zeitpunkt der Synchronisation von „In den Kerkern von Marokko“ war Martini für Cobb aber noch nicht manifestiert, somit ist den Verantwortlichen hier kein Vorwurf zu machen. Eine Problematik, die sich im Synchron rückwirkend des Öfteren ergibt, sobald man ältere Filme mit Schauspielern schaut, bei denen sich erst später eine reguläre Stimme herauskristallisiert hat. Eine Problematik, die allerdings auch nicht wirklich zu verhindern ist. Ein wenig schade ist es trotzdem, da Martini verdammt gut für Cobb funktioniert – und nicht nur für den, sondern zum Beispiel auch Anthony Quinn, Ward Bond und Ted de Corsia. Aber Curt Ackermann als deutsche Stimme von Jeff Chandler ist so oder so die halbe Miete und stets eine Lehrstunde zum Thema Synchronisation.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jeff Chandler und Lee J. Cobb sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Yankee Pasha
USA 1954
Regie: Joseph Pevney
Drehbuch: Joseph Hoffman, nach einem Roman von Edison Marshall
Besetzung: Jeff Chandler, Rhonda Fleming, Mamie Van Doren, Lee J. Cobb, Hal March, Rex Reason, Philip Van Zandt, Benny Rubin, Tudor Owen, Harry Lauter
Verleih: Universal International Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

 

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