RSS

Schlagwort-Archive: John Carpenter

Horror für Halloween (XXVI): Horror Express – Wer nichts wird, wird Wirt

Pánico en el Transiberiano

Von Tonio Klein

Horror // Die Welt mit anderen Augen sehen – und zwar die ganze Welt, jenseits von Raum und Zeit. Wer möchte das nicht, und so vielleicht erkennen, was sie im Innersten zusammenhält? Vielleicht kann das nur ein Ding aus einer anderen Welt, und wir befinden uns zwar nicht gerade in John Carpenters fast gleichnamigem Film von 1982, aber in einem, der auf der gleichen Vorlage basiert: John W. Campbells Roman „Who Goes There?“, wobei anzumerken ist, dass sich „Horror Express“ viele Freiheiten nimmt. Die einem heutigen Homo sapiens verblüffend ähnlich sehenden Überreste eines Urmenschen morden sich durch die Besatzung der Transsibirischen Eisenbahn. Nachdem Zotti das Urviech ein paar Kugeln im Körper hat, ist es noch zu früh zum Aufatmen, also war der Körper nur ein Wirt für etwas anderes. Und Wirte gibt es viele …

Hammer español

Die eigentlich im Science-Fiction-Genre beheimatete Geschichte bedient sich der Ästhetik des klassischen Horrorfilms à la Hammer, obwohl es sich um eine spanische Produktion handelt, in der aber Peter Cushing und Christopher Lee mitspielen. Die Erzählzeit – man schreibt das Jahr 1906 – tut ihr Übriges. Mit sichtlicher Spielfreude kostet insbesondere Lee seine Rolle als Professor Sir Alexander Saxton aus. Gleich beim ersten Aufeinandertreffen der beiden vermag der Film die korrekte Tonlage zu setzen. Als Landsleute – Briten – in China kennen Saxton und der von Cushing verkörperte Doktor Wells einander, beide zeigen sogleich ihre immer auch etwas unangenehme britische Überlegenheit beim unsauberen Ergattern eines Zugtickets, dies auf ganz unterschiedliche Weise. Auf ebenfalls unterschiedliche Weise sind sie nicht ganz unschuldig am Treiben der außerirdischen Macht.

Atmosphäre, Dekors, Kostüme, geheimnisvolle Nebenfiguren, darunter ein paar wirklich aparte Damen – alles stimmt, wenn man mal vom dick aufgetragenen religiös-mystischen Brimborium des Mönchs Pater Pujardov (Alberto de Mendoza) absieht. Sogar mit den recht ansehnlichen Modellbahnlandschaften kann man sich anfreunden und dies wegen des geringen Budgets verzeihen – wenn man nicht gerade Hardcore-Hobbyeisenbahner ist und vermutlich zig Fehler erkennt. Einen Kurzauftritt absolviert Telly „Kojak“ Savalas.

Genial oder genial daneben?

Beim Horror und bei der Geschichte ist der Film so lala. Im Kino, dem Medium der Augen, ist immer auch etwas schönes Metakino enthalten, wenn im Motiv des Sehens das Motiv des Erkennens steckt. Zudem raubt die fremde Macht den Menschen ihr Wissen und ihre Erinnerung direkt über die Augen, was zu ein paar für 1972 recht ekligen Effekten führt sowie zu der hübschen Idee, dass visualisierte Gedanken in der Augenflüssigkeit unter dem Mikroskop sichtbar werden. Allegorisch gesehen, ist dieser schreiende Blödsinn nicht mal schlecht, und Herrgott, wir befinden uns nun mal im fantastischen Film. Freunde des „Giallo“ können hier allerdings einen Klau von Dario Argentos „Vier Fliegen auf grauem Samt“ mutmaßen.

Letztlich trifft sich hier aber immer Wunderbares mit Sonderbarem, so wie dieser Film ein Zwitter zwischen Sleaze und A-Film mit ansatzweise philosophischem Hintergrund ist. Am Ende wird es noch einmal richtig interessant: Was ist denn nun die Erkenntnis des Welt- und Zeitganzen wert, wenn es den ewigen Frieden verspreche, dieser aber nur um den Preis des mörderischen Erlangens immer mehr Wissens zu haben sei? Doch bevor so etwas genauer ausbuchstabiert wird, kommt es zu Action, die sich am Ende immerhin von der zwischenzeitlich etwas ermüdenden immergleichen Todesart löst. Warum das mit einem zum „Wirt“-Vorgehen der außerirdischen Macht nicht passenden Zombie-Schwenk erkauft wird, wissen wir allerdings nicht so recht. Genauso wenig, wie wir die Frage beantworten können, ob sich das Ding aus der anderen Welt seine Erkenntnisse ausschließlich aus den Augen heraussaugt, wie es einmal heißt, oder auch aus den Gehirnen, die bei den Opfern wie ein Babypopo leergefegt sind.

Licht ohne Erleuchtung

Der Film leistet sich im Titelvorspann eine avantgardistisch-rätselhafte Ausleuchtung, bei der Lichtquellen immer direkt in die Kamera scheinen, wobei wir nie das Ganze erkennen können und rätseln müssen, ob dies nun ein auf uns zufahrender Zug, eine Taschenlampe oder Ähnliches ist. Das ist mehr als nur Blödsinn, da das Motiv am Ende in einer entscheidenden Szene wieder aufgenommen und in die Handlung eingebunden wird. Auffällig und gelungen ist ferner die dramatische Einbindung eines musikalischen Leitmotivs. Fazit: Aus meiner Sicht nicht das Nonplusultra, zu dem es einige erklären, aber ein ansehnlicher Horrorfilm mit teilweise doch gelungener Machart. Das Label Endless Classics hat ihm sogar ein schmuck gestaltetes Mediabook spendiert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Peter Cushing, Christopher Lee und Telly Savalas haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 25. August 2017 als Blu-ray und DVD, 9. Juni 2017 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 31. Mai 2012 als DVD in großer Hartbox, 6. Mai 2005 als DVD

Länge: 84 Min. (Blu-ray), 80 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Pánico en el Transiberiano
GB/SP 1972
Regie: Eugenio Martín (als Gene Martin)
Drehbuch: Arnaud d’Usseau, Julian Zimet, nach John W. Campbells Roman „Who Goes There?“
Besetzung: Christopher Lee, Peter Cushing, Alberto de Mendoza, Silvia Tortosa, Julio Peña, Ángel del Pozo, Helga Liné, Alice Reinheart, José Jaspe, Víctor Israel
Zusatzmaterial 2017: Schmalfilmfassung (15:32 Min.), deutscher und englischer Trailer, nur Mediabook: 16-seitiges Booklet mit einem Text von Peter Osteried
Label 2017: Endless Classics
Vertrieb 2017: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2012: X-Rated
Label/Vertrieb 2005: Cult Cinema International

Copyright 2020 by Tonio Klein

Packshot Blu-ray: © 2017 Endless Classics

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

John Carpenter (XVI): Big Trouble in Little China – Die Parodie des Actionhelden

John Carpenter’s Big Trouble in Little China

Von Lucas Gröning

-Fantasy-Actionkomödie // Schauen wir uns John McTiernans „Stirb langsam“ (1988) an, so sehen wir so etwas wie einen prototypischen Actionfilm der 1980er- und frühen 1990er-Jahre. Wir haben einen furchtlosen, machomäßigen, coolen, starken Mann, der sich einer hohen Anzahl klischeebehafteter Gegner in den Weg stellt und diese, zwar mit einigen Schwierigkeiten, schlussendlich aber weitgehend gefahrlos besiegen kann. Andere Beispiele dafür sind „Rambo“ (1982), „Predator“ (1987) und „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (1991). Besonders dieses Coole und zugleich Machomäßige wird in „Stirb Langsam“ sehr deutlich – zum einen durch das generelle Verhalten des Protagonisten, zum anderen durch das weiße Unterhemd als typisches, ikonisches Bild für den handelnden, testosteronbeladenen Mann. Doch „Stirb Langsam“ war nicht der erste Film, der diese Ikonografie aufgegriffen und auf einen Actionhelden übertragen hatte. Bereits zwei Jahre bevor Bruce Willis sich durch das Nakatomi Plaza kämpfte, streifte ein anderer Actionheld sich das weiße Unterhemd über und zog gegen das Böse in den Kampf: Kurt Russell in John Carpenters „Big Trouble in Little China“.

Carpenter und Russell zum Dritten

Nach dem dystopischen Actionfilm „Die Klapperschlange“ (1981) und dem polaren Alien-Schocker „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) war es bereits die dritte Kooperation zwischen Carpenter und Russell. Später sollten sie noch einmal zusammenarbeiten – für „Flucht aus L.A.“ (1996), die Fortsetzung von „Die Klapperschlange“. Der vor allem im Horrorgenre beheimatete Carpenter („Halloween – Die Nacht des Grauens“, „The Fog – Nebel des Grauens“) machte sich auch als Regisseur von Actionfilmen einen Namen – „Die Klapperschlange“, „Sie leben“ (1988) und eben „Big Trouble in Little China“ seien hier erwähnt. Kurt Russell wiederum ist seit der Kindheit als Schauspieler aktiv. Seine coole Verkörperung des Snake Plissken in „Die Klapperschlange“ machte ihn zum gut beschäftigten Star. Nicht zuletzt dank Quentin Tarantino erlebte er zuletzt seinen zweiten Frühling – der besetzte ihn bislang dreimal: im „Grindhouse“-Segment „Death Proof – Todsicher“ (2007) sowie in „The Hateful Eight“ (2015) und „Once Upon a Time in Hollywood“ (2019). Es treffen bei „Big Trouble in Little China“ also zwei absolute Größen aufeinander und, so viel sei bereits erwähnt, es kam bei dieser erneuten Zusammenarbeit wieder ein toller Film heraus, wenn auch etwas vollkommen anderes, als das bei den anderen gemeinsamen Werken des Duos der Fall war.

Booklet des Arrow-Video-Steelbooks

Im Zentrum der Handlung steht der Trucker Jack Burton (Kurt Russell). Burton ist ein recht „einfacher“, latent rassistischer, frauenfeindlicher Macho mit großer Klappe. Gerade zu Beginn wird er mehrmals mit Sonnenbrille und Harley-Davidson-Cap gezeigt, was dieses Bild unterstützt. Seine Tage verbringt er auf dem Bock seines Trucks mit dem Transport verschiedener Güter und mit Glücksspielen im Restaurant seines chinesischen Freundes Wang Chi (Dennis Dun) im chinesischen Stadtteil von San Francisco: Chinatown. Eines Tages will Wang seine Verlobte Miao Yin (Suzee Pai) vom Flughafen abholen, wobei Jack ihn begleitet. Miao wird am Flughafen jedoch bereits von einigen ominösen Gestalten erwartet, die sie sogleich entführen. Wang und Jack folgen den Männern und können sie tatsächlich stellen, müssen angesichts der Macht ihrer Gegner jedoch kapitulieren – die Entführer setzen in der Auseinandersetzung schwarze Magie ein. Davon völlig überfordert bleibt den beiden Freunden nur die Flucht. Bald finden sie heraus, dass hinter der Entführung der Industrielle David Lo Pan (James Hong) steckt, der sich als 2200 Jahre alter Geist enpuppt, welcher durch die Opferung einer besonderen Frau im Zuge eines Rituals seine menschliche Form zurückgewinnen will. Gemeinsam mit dem Magier Egg Shen (Victor Wong), der Anwältin Gracie Law (Kim Cattrall), der Journalistin Margo Litzenberger (Kate Burton) und dem Ober Eddie Lee (Donald Li) sagen Jack und Wang dem Bösen den Kampf an.

Der Ernst weicht der Komik

Wie bereits erwähnt unterscheidet sich „Big Trouble in Little China“ fundamental von den vorherigen gemeinsamen Arbeiten des Duos Carpenter-Russell. Unterschieden sich der Horrorstreifen „Das Ding aus einer anderen Welt“ sowie die actionlastigen Science-Fiction-Filme „Die Klapperschlange“ und (der später entstandene) „Flucht aus L.A.“ zwar hinsichtlich der zugeordneten Genre, einte sie doch eine gewisse Ernsthaftigkeit. Für schräge Witze, Lächerlichkeiten und Slapstick war in der Regel kein Platz. Mit „Big Trouble in Little China“ änderte sich der Ton nun dramatisch. Bis auf die grundsätzlich ernsthafte Prämisse des Films gestaltet sich fast kein Aspekt noch humorfrei. Dramatische und spannungsgeladene Szenen wie die Blutabnahme in „Das Ding aus einer anderen Welt“ sucht man nun vergebens. Stattdessen finden wir hier ein Arbeiten mit Klischees, Stereotypen, Parodien und Situationskomik zum Erzeugen einer heiteren Atmosphäre. Vor allem die Stereotype stechen ins Auge. Wir haben mit Jack den einfachen, großmäuligen Macho, mit Margo die schwächliche, ab und an in Schwierigkeiten geratende, Frau, mit Egg den alten, weisen Asiaten und natürlich mit den Schergen von Lo Pan die chinesischen Martial-Arts-Kämpfer. Der Film erinnert zum einen damit, zum anderen aber auch durch seinen exorbitant häufigen Einsatz enorm plastischer und bewusst lächerlich wirkender Effekte stark an Trashfilme der 1960er- und 1970er-Jahre, deren Elemente das Actiongenre der 1980er aufgriff.

Entgegen der Sehgewohnheiten

Und doch muss man sagen, dass Carpenters Werk noch ein ganzes Stück weit von einem typischen Actionfilm dieses Jahrzehnts entfernt ist. Obwohl er mit seiner Figur des Jack Burton den Protagonisten aus „Stirb langsam“, John McClane, rein optisch vorweggenommen hat, unterscheiden sich die Figuren stark in ihrer Art des Voranschreitens und ihrer Beziehung zu den Nebenfiguren. John McClane geht fast über die gesamte Lauflänge von „Stirb langsam“ als Einzelkämpfer vor, kommt mit anderen Menschen nur sporadisch in Kontakt und repräsentiert das klassische Bild des agierenden, den Tag rettenden männlichen Helden, womit er in einer Reihe mit Rambo, Major „Dutch“ Schaefer aus „Predator“ und dem T-800 aus „Terminator 2“ steht. Jack Burton ist dagegen viel mehr eine Parodie dieser Actionhelden. Er tritt im ersten Moment auf ähnliche Weise wie die genannten Herren auf, der Verlauf des Films steht jedoch im Kontrast zu allem, was wir aus anderen Actionfilmen kennen.

Die Kastration des Actionhelden

Nur selten ist es Jack, der den Ton setzt oder den nächsten Schritt auf dem Weg zum Ziel vorgibt. Meist verkommt er zu einem passiven Subjekt, das zwar die agierende Rolle einnehmen will, sich jedoch für den Erfolg der Gruppe fügen muss. Aktionen auf eigene Faust, eine Seltenheit im Film, enden zumeist in Schwierigkeiten, aus denen sich Burton nie allein herauswinden kann und aus denen der Film einen Großteil seines Humors zieht. Umso mehr ist er auf das Kollektiv angewiesen, deren Mitglieder ihm stehts aus der Klemme helfen müssen. Die heimliche Anführerin der Gruppe ist passenderweise eine Frau: die Anwältin Gracie Law. Sie ist es, die meist den Ton angibt und die nächsten Aktionen vorgibt, ohne dass bei ihr jedoch eine Umkodierung im Stile klassischer Actionhelden vorgenommen wird, wie das beispielsweise mit Ellen Ripley in „Aliens – Die Rückkehr“ geschah. Sie bleibt die „normale“ Frau, also der Klischee-Charakter, wie man ihn aus vielen Actionfilmen kennt, und mutiert nicht zu einer Männerfigur. Vielmehr sind es ihre Worte, die Gewicht haben und mit denen die Macht in ihre Richtung verschoben wird. Mit dieser Verschiebung der Macht vom männlichen Helden zu einer Frau und zum Kollektiv steuert John Carpenter mit der Zeit auf eine Kastration seines Protagonisten zu, die sich auch im symbolischen Verlust des Phallus manifestiert – in diesem Fall im Diebstahl seines Trucks.

Für Trash-Fans und Carpenter-Fans

Das alles macht „Big Trouble in Little China“ zu einem großartigen Abenteuer. Zum einen ist der Film aufgrund der vielen slapstickartigen Momente, der trashigen Actionszenen und lächerlich wirkenden Effekte enorm unterhaltsam, zum anderen erleben wir hier Carpenter-typisch einen sehr intelligenten Film, der unter seiner Oberfläche deutlich mehr beinhaltet, als zunächst ersichtlich ist. Er reiht sich damit vorzüglich in die Filmografie des Regisseurs ein, stellt aber trotzdem etwas Einzigartiges in dessen Gesamtwerk dar. Es ist deswegen auch schwer zu bewerten, ob der Film nun besser oder schlechter als andere Carpenter-Filme ist. Er funktioniert in seiner Sparte als trashige Komödie hervorragend und steht dem, was der Regisseur uns bisher gezeigt hatte, in fast jeglicher Hinsicht entgegen. Für Actionfans ist „Big Trouble in Little China“ in jedem Fall eine Pflichtsichtung – für Fans von Großmeister John Carpenter sowieso. Beschaffungsprobleme gibt es hierzulande nicht, Blu-ray und DVD sind lieferbar, auch ein Mediabook mit beiden Formaten ist erschienen. Wer auf die deutsche Synchronisation verzichten mag, kann auf die Blu-ray des englischen Labels Arrow Video zugreifen, die qualitativ und bezüglich der Ausstattung keine Wünsche offen lässt. Das wunderbare Steelbook des Labels (siehe oberstes Foto) ist allerdings vergriffen und auf dem Sammlermarkt nicht mehr ganz preiswert zu haben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Carpenter haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kurt Russell unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 9. Juli 2018 als Mediabook in vier unterschiedlichen Covervariationen (eines davon wattiert), 20. Januar 2012 als DVD (Action Cult Uncut), 19. Juni 2009 als Blu-ray, 30. April 2007 als Special Edition DVD im Steelbook, 13. Januar 2001 als 2-Disc Special Edition DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Big Trouble in Little China
USA 1986
Regie: John Carpenter
Drehbuch: Gary Goldman, David Z. Weinstein, W. D. Richter
Besetzung: Kurt Russell, Kim Cattrall, Dennis Dun, James Hong, Victor Wong, Kate Burton, Donald Li, Carter Wong, Peter Kwong, James Pax, Suzee Pai, Chao Li Chi
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: 2018/2019: ’84 Entertainment
Label Vertrieb: 2001-2012: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Packshot Blu-ray und DVDs: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Tatort: Angriff auf Wache 08 – John Carpenter hätte seine helle Freude

Tödliche Spritztour

Tatort: Angriff auf Wache 08

Erstausstrahlung: Sonntag, 20. Oktober 2019, 20:15 Uhr, Das Erste (bis 20. April 2020 in der Mediathek verfügbar)

Von Volker Schönenberger

Krimi // Eine schwer bewaffnete Sondereinheit der Polizei stürmt ein Gebäude. Mit Maschinenpistolen im Anschlag treffen die Einsatzkräfte auf drei Typen, die gerade gepflegt eine Runde pokern. Einer der drei Spieler blickt auf seine Pistole, die auf dem Tisch liegt, doch er ist klug genug, nicht danach zu greifen. Allein, das Stillhalten nützt ihm nichts: Als ein Hund zu bellen beginnt, schrecken die Polizisten auf und eröffnen das Feuer. Im Kugelhagel sterben die drei Männer am Tisch.

Was ist Jenny zugestoßen?

Die Razzia galt Waffenhändlern, doch Beweise finden sich am Ort des Geschehens keine. Vier Gangster finden sich zusammen, stoßen mit Schnaps an und zerdrücken die Gläser in ihren Pranken, schließen mit dem Blut ihrer Wunden offenkundig einen Pakt. Der führt das schweigsame Quartett über ein paar Umwege zu einer ehemaligen Revierwache am Rande Offenbachs, fernab von besiedelten Gebieten, die zum Polizeimuseum umfunktioniert worden ist.

Dort besucht Hauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) vom Landeskriminalamt in Wiesbaden gerade seinen alten Kollegen Walter Brenner (Peter Kurth), der das Museum mit der Polizeibeamtin Cynthia Roth (Christina Große) betreut. Zu ihnen gesellt sich die Fahrer und Insassen eines Gefangenentransports, deren Fahrzeug in der Nähe einen Platten erlitten hat. Auch die verstörte Teenagerin Jenny Sibelius (Paula Hartmann) verschlägt es in die ausrangierte Revierwache. Aus heiterem Himmel eröffnen die Gangster das Feuer auf das Gebäude. Am Tag einer totalen Sonnenfinsternis beginnt eine Belagerung, die auf beiden Seiten viele Todesopfer fordern wird.

Hommage an „Assault – Anschlag bei Nacht“

Kommt euch der Plot bekannt vor? Klingelt beim Titel etwas? Bei „Tatort: Angriff auf Wache 08“ handelt es sich um eine lupenreine Hommage an John Carpenters frühen Spannungsklassiker „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976), im Original „Assault on Precint 13“ betitelt. Ohne Übertreibung kann man es sogar als Remake bezeichnen. Ich habe keine Ahnung, was für Drogen man beim Hessischen Rundfunk eingeworfen hat, um sich so weit aus dem „Tatort“-Fenster zu lehnen und die bisweilen doch recht ausgetretenen Pfade der Krimireihe derart kaltschnäuzig zu verlassen. Aber das scheint in den bislang acht Fällen mit Ulrich Tukur als Hauptkommissar Murot Programm zu sein – ich habe zugegeben nicht alle davon gesehen. Immerhin griff schon der Vorgänger-„Tatort: Murot und das Murmeltier“ das Motiv des sich ständig wiederholenden Tages aus Harold Ramis’ Hollywood-Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (1993) mit Bill Murray und Andie MacDowell auf.

Hauptkommissar Murot sondiert die Lage

Hauptkommissar Murots Fälle sind jedenfalls angetan, den Zuschauer Otto Normalverbraucher, der sich jeden Sonntagabend nach der Tagesschau gemütlich zurücklehnt, um den nächsten „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ zu konsumieren, nachhaltig zu verstören und zu verschrecken. Dafür locken sie womöglich ein Publikum zu der langlebigen Reihe, das mit herkömmlicher Krimikost nicht viel anfangen kann. So oder so ist Mut zu originellen Drehbüchern erst einmal lobenswert, und wenn eine solch großartige Ehrerbietung eines US-Klassikers dabei herauskommt, hat er sich auch ausgezahlt.

Hoher Wiedererkennungswert

Der mit dem Carpenter-Vorbild identische Plot der Belagerung einer stillgelegten Revierwache ist das eine, darüber hinaus hat Regisseur Thomas Stuber immer wieder direkte Verweise und Zitate in seinen zweiten „Tatort: Angriff auf Wache 08“ eingebaut. Das beginnt mit dem stimmigen Elektro-Score, der zwar nicht die Intensität des von Regisseur John Carpenter persönlich komponierten und eingespielten Soundtracks des Originals erreicht, gleichwohl zu überzeugen weiß. Wer „Assault – Anschlag bei Nacht“ kennt, wird zudem etliche Szenen wiedererkennen.

Die Situation ist mehr als brenzlig

Eine Einstellung nach der anderen erinnert im Detail an das große Vorbild, sei es der aus dem Seitenfenster des Autos ragende Gewehrlauf mit Schalldämpfer, seien es Jalousien, die von Einschüssen beschädigt werden, oder sei es ein Gewehr, das durch den Raum geworfen wird und mit dem ein paar Eindringlinge in einem schmalen Gang abgeknallt werden. Sogar der Eiswagen kommt zu seinem Recht, und der Schwerverbrecher Napoleon Wilson aus dem US-Film erhält mit dem „Kannibalen von Peine“ Rüdiger Kermann (Thomas Schmauser) ein Pendant, das „Angriff auf Wache 08“ gut zu Gesicht steht.

„Rio Bravo“ in Hessen

Natürlich ist der „Tatort: Angriff auf Wache 08“ auch ein Western, stellt „Assault – Anschlag bei Nacht“ doch seinerseits John Carpenters Hommage an Howard Hawks’ „Rio Bravo“ (1959) mit John Wayne und Dean Martin dar. Allein schon die Schießereien atmen Western-Atmosphäre aus jeder Bleikugel, die irgendwo einschlägt – ob in einem Körper oder einer Wand. Für „Tatort“-Verhältnisse sind die Gewaltsequenzen beeindruckend konsequent umgesetzt, immerhin lief der Krimi in der Erstausstrahlung am Sonntagabend zur besten Sendezeit. Die beklemmende Atmosphäre der von einer geradezu amorphen Masse Unbekannter belagerten Polizisten erinnert zudem an George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968). Zwar handelt es sich bei Romeros Schocker allesamt um Zombies, die ins Haus eindringen wollen, während wir es hier mit ganz verschiedenen Personen wie Bandenverbrecher, Nazis und Islamisten zu tun haben, dennoch bleiben sie als Einheit undefiniert. Wie es einer Gang – womöglich einem Clan – von Waffenhändlern gelungen ist, innerhalb kürzester Zeit derart unterschiedliche Komplizen zu rekrutieren, bleibt ungeklärt, und diese Auflösung hätte auch keinen Sinn ergeben, da es in diesem „Tatort“ keineswegs darum geht, einen oder mehrere Täter dingfest zu machen. Murot, Brenner und die anderen kämpfen schlicht ums Überleben.

Buddys aus alten Zeiten: Brenner (l.) und Murot halten zusammen

Außer den offenkundigen Anspielungen auf die genannten amerikanischen Klassiker sind für den Hollywood-affinen Filmfan diverse weitere Anspielungen auf andere bekannte US-Produktionen zu entdecken, aber die findet ihr am besten selbst. Schauspielerisch ist all das über jeden Zweifel erhaben. Ulrich Tukur gehört ohnehin zu den besten deutschen Darstellern, mit Peter Kurth hat er einen ebenbürtigen Partner an seiner Seite. Da wollten die weiteren vor der Kamera Mitwirkenden natürlich nicht zurückstecken, sodass letztlich insgesamt eine überzeugende Ensembleleistung zu Buche steht.

Vom Regisseur von „In den Gängen“

Auf Regisseur Thomas Stuber bin ich erstmals 2018 aufmerksam geworden: Sein in einem Großmarkt in der ostdeutschen Provinz angesiedeltes Drama „In den Gängen“ mit Franz Rogowski und Peter Kurth hatte es mir sehr angetan – und nicht nur mir, wie diverse Auszeichnungen belegen, darunter zwei Preise bei der Berlinale. Bei „Angriff auf Wache 08“ handelt es sich um seinen zweiten „Tatort“ nach „Verbrannt“ (2015) mit Wotan Wilke Möhring. Wie schon bei „In den Gängen“ schrieb Stuber das Drehbuch zusammen mit dem Schriftsteller Clemens Meyer, der in „Angriff auf Wache 08“ auch eine Nebenrolle erhielt: Er spielt den Radiomoderator Ecki, der ab und zu das Tagesgeschehen kommentiert.

Hoffnung für den deutschen Genrefilm

Der 1981 in Leipzig geborene Thomas Stuber bringt frischen Wind in die deutsche Fernseh- und Kinolandschaft. Mit „Tatort: Angriff auf Wache 08“ empfiehlt sich der Regisseur für weitere Aufgaben im Bereich der Genrefilme. Daran mangelt es in Deutschland ja durchaus ein wenig – vielleicht nicht an Talenten mit Genre-Affinität, wohl aber an deren Förderung.

Auch Cynthia Roth wird angeschossen

Ich habe ab der Jahrtausendwende berufsbedingt als Filmredakteur einer Fernsehzeitschrift jahrelang jeden „Tatort“ und jeden „Polizeiruf 110“ gesehen und das ebenso noch eine Weile nach Beendigung meiner Tätigkeit getan. Mittlerweile bin ich davon etwas abgekommen, weshalb der „Tatort: Angriff auf Wache 08“ bei der Erstausstrahlung im Oktober 2019 an mir vorbeigegangen ist. Als ich aber erfuhr, es handle sich um eine Hommage an „Assault – Anschlag bei Nacht“, kannte ich kein Halten mehr, da ich John Carpenter im Allgemeinen und diesen Thriller aus seiner Frühzeit als Regisseur im Besonderen sehr schätze. Die nachträgliche Sichtung hat sich gelohnt, für mich gehört die Folge zu den Höhepunkten der Reihe. Und weil sie bis 20. April 2020 in der Mediathek des Ersten geschaut werden kann, lag es nah, die Episode den Leserinnen und Lesern von „Die Nacht der lebenden Texte“ nachdrücklich ans Herz zu legen.

Wie lange halten die Eingeschlossenen durch?

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK
Originaltitel: Tatort: Angriff auf Wache 08
D 2019
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Mayer, Thomas Stuber
Besetzung: Ulrich Tukur, Barbara Philipp, Christina Große, Peter Kurth, Thomas Schmauser, Paula Hartmann, Sascha Nathan, Clemens Meyer
Produktion: Hessischer Rundfunk

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 HR / Bettina Müller

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: