RSS

Schlagwort-Archive: John Carpenter

Tatort: Angriff auf Wache 08 – John Carpenter hätte seine helle Freude

Tödliche Spritztour

Tatort: Angriff auf Wache 08

Erstausstrahlung: Sonntag, 20. Oktober 2019, 20:15 Uhr, Das Erste (bis 20. April 2020 in der Mediathek verfügbar)

Von Volker Schönenberger

Krimi // Eine schwer bewaffnete Sondereinheit der Polizei stürmt ein Gebäude. Mit Maschinenpistolen im Anschlag treffen die Einsatzkräfte auf drei Typen, die gerade gepflegt eine Runde pokern. Einer der drei Spieler blickt auf seine Pistole, die auf dem Tisch liegt, doch er ist klug genug, nicht danach zu greifen. Allein, das Stillhalten nützt ihm nichts: Als ein Hund zu bellen beginnt, schrecken die Polizisten auf und eröffnen das Feuer. Im Kugelhagel sterben die drei Männer am Tisch.

Was ist Jenny zugestoßen?

Die Razzia galt Waffenhändlern, doch Beweise finden sich am Ort des Geschehens keine. Vier Gangster finden sich zusammen, stoßen mit Schnaps an und zerdrücken die Gläser in ihren Pranken, schließen mit dem Blut ihrer Wunden offenkundig einen Pakt. Der führt das schweigsame Quartett über ein paar Umwege zu einer ehemaligen Revierwache am Rande Offenbachs, fernab von besiedelten Gebieten, die zum Polizeimuseum umfunktioniert worden ist.

Dort besucht Hauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) vom Landeskriminalamt in Wiesbaden gerade seinen alten Kollegen Walter Brenner (Peter Kurth), der das Museum mit der Polizeibeamtin Cynthia Roth (Christina Große) betreut. Zu ihnen gesellt sich die Fahrer und Insassen eines Gefangenentransports, deren Fahrzeug in der Nähe einen Platten erlitten hat. Auch die verstörte Teenagerin Jenny Sibelius (Paula Hartmann) verschlägt es in die ausrangierte Revierwache. Aus heiterem Himmel eröffnen die Gangster das Feuer auf das Gebäude. Am Tag einer totalen Sonnenfinsternis beginnt eine Belagerung, die auf beiden Seiten viele Todesopfer fordern wird.

Hommage an „Assault – Anschlag bei Nacht“

Kommt euch der Plot bekannt vor? Klingelt beim Titel etwas? Bei „Tatort: Angriff auf Wache 08“ handelt es sich um eine lupenreine Hommage an John Carpenters frühen Spannungsklassiker „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976), im Original „Assault on Precint 13“ betitelt. Ohne Übertreibung kann man es sogar als Remake bezeichnen. Ich habe keine Ahnung, was für Drogen man beim Hessischen Rundfunk eingeworfen hat, um sich so weit aus dem „Tatort“-Fenster zu lehnen und die bisweilen doch recht ausgetretenen Pfade der Krimireihe derart kaltschnäuzig zu verlassen. Aber das scheint in den bislang acht Fällen mit Ulrich Tukur als Hauptkommissar Murot Programm zu sein – ich habe zugegeben nicht alle davon gesehen. Immerhin griff schon der Vorgänger-„Tatort: Murot und das Murmeltier“ das Motiv des sich ständig wiederholenden Tages aus Harold Ramis’ Hollywood-Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (1993) mit Bill Murray und Andie MacDowell auf.

Hauptkommissar Murot sondiert die Lage

Hauptkommissar Murots Fälle sind jedenfalls angetan, den Zuschauer Otto Normalverbraucher, der sich jeden Sonntagabend nach der Tagesschau gemütlich zurücklehnt, um den nächsten „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ zu konsumieren, nachhaltig zu verstören und zu verschrecken. Dafür locken sie womöglich ein Publikum zu der langlebigen Reihe, das mit herkömmlicher Krimikost nicht viel anfangen kann. So oder so ist Mut zu originellen Drehbüchern erst einmal lobenswert, und wenn eine solch großartige Ehrerbietung eines US-Klassikers dabei herauskommt, hat er sich auch ausgezahlt.

Hoher Wiedererkennungswert

Der mit dem Carpenter-Vorbild identische Plot der Belagerung einer stillgelegten Revierwache ist das eine, darüber hinaus hat Regisseur Thomas Stuber immer wieder direkte Verweise und Zitate in seinen zweiten „Tatort: Angriff auf Wache 08“ eingebaut. Das beginnt mit dem stimmigen Elektro-Score, der zwar nicht die Intensität des von Regisseur John Carpenter persönlich komponierten und eingespielten Soundtracks des Originals erreicht, gleichwohl zu überzeugen weiß. Wer „Assault – Anschlag bei Nacht“ kennt, wird zudem etliche Szenen wiedererkennen.

Die Situation ist mehr als brenzlig

Eine Einstellung nach der anderen erinnert im Detail an das große Vorbild, sei es der aus dem Seitenfenster des Autos ragende Gewehrlauf mit Schalldämpfer, seien es Jalousien, die von Einschüssen beschädigt werden, oder sei es ein Gewehr, das durch den Raum geworfen wird und mit dem ein paar Eindringlinge in einem schmalen Gang abgeknallt werden. Sogar der Eiswagen kommt zu seinem Recht, und der Schwerverbrecher Napoleon Wilson aus dem US-Film erhält mit dem „Kannibalen von Peine“ Rüdiger Kermann (Thomas Schmauser) ein Pendant, das „Angriff auf Wache 08“ gut zu Gesicht steht.

„Rio Bravo“ in Hessen

Natürlich ist der „Tatort: Angriff auf Wache 08“ auch ein Western, stellt „Assault – Anschlag bei Nacht“ doch seinerseits John Carpenters Hommage an Howard Hawks’ „Rio Bravo“ (1959) mit John Wayne und Dean Martin dar. Allein schon die Schießereien atmen Western-Atmosphäre aus jeder Bleikugel, die irgendwo einschlägt – ob in einem Körper oder einer Wand. Für „Tatort“-Verhältnisse sind die Gewaltsequenzen beeindruckend konsequent umgesetzt, immerhin lief der Krimi in der Erstausstrahlung am Sonntagabend zur besten Sendezeit. Die beklemmende Atmosphäre der von einer geradezu amorphen Masse Unbekannter belagerten Polizisten erinnert zudem an George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968). Zwar handelt es sich bei Romeros Schocker allesamt um Zombies, die ins Haus eindringen wollen, während wir es hier mit ganz verschiedenen Personen wie Bandenverbrecher, Nazis und Islamisten zu tun haben, dennoch bleiben sie als Einheit undefiniert. Wie es einer Gang – womöglich einem Clan – von Waffenhändlern gelungen ist, innerhalb kürzester Zeit derart unterschiedliche Komplizen zu rekrutieren, bleibt ungeklärt, und diese Auflösung hätte auch keinen Sinn ergeben, da es in diesem „Tatort“ keineswegs darum geht, einen oder mehrere Täter dingfest zu machen. Murot, Brenner und die anderen kämpfen schlicht ums Überleben.

Buddys aus alten Zeiten: Brenner (l.) und Murot halten zusammen

Außer den offenkundigen Anspielungen auf die genannten amerikanischen Klassiker sind für den Hollywood-affinen Filmfan diverse weitere Anspielungen auf andere bekannte US-Produktionen zu entdecken, aber die findet ihr am besten selbst. Schauspielerisch ist all das über jeden Zweifel erhaben. Ulrich Tukur gehört ohnehin zu den besten deutschen Darstellern, mit Peter Kurth hat er einen ebenbürtigen Partner an seiner Seite. Da wollten die weiteren vor der Kamera Mitwirkenden natürlich nicht zurückstecken, sodass letztlich insgesamt eine überzeugende Ensembleleistung zu Buche steht.

Vom Regisseur von „In den Gängen“

Auf Regisseur Thomas Stuber bin ich erstmals 2018 aufmerksam geworden: Sein in einem Großmarkt in der ostdeutschen Provinz angesiedeltes Drama „In den Gängen“ mit Franz Rogowski und Peter Kurth hatte es mir sehr angetan – und nicht nur mir, wie diverse Auszeichnungen belegen, darunter zwei Preise bei der Berlinale. Bei „Angriff auf Wache 08“ handelt es sich um seinen zweiten „Tatort“ nach „Verbrannt“ (2015) mit Wotan Wilke Möhring. Wie schon bei „In den Gängen“ schrieb Stuber das Drehbuch zusammen mit dem Schriftsteller Clemens Meyer, der in „Angriff auf Wache 08“ auch eine Nebenrolle erhielt: Er spielt den Radiomoderator Ecki, der ab und zu das Tagesgeschehen kommentiert.

Hoffnung für den deutschen Genrefilm

Der 1981 in Leipzig geborene Thomas Stuber bringt frischen Wind in die deutsche Fernseh- und Kinolandschaft. Mit „Tatort: Angriff auf Wache 08“ empfiehlt sich der Regisseur für weitere Aufgaben im Bereich der Genrefilme. Daran mangelt es in Deutschland ja durchaus ein wenig – vielleicht nicht an Talenten mit Genre-Affinität, wohl aber an deren Förderung.

Auch Cynthia Roth wird angeschossen

Ich habe ab der Jahrtausendwende berufsbedingt als Filmredakteur einer Fernsehzeitschrift jahrelang jeden „Tatort“ und jeden „Polizeiruf 110“ gesehen und das ebenso noch eine Weile nach Beendigung meiner Tätigkeit getan. Mittlerweile bin ich davon etwas abgekommen, weshalb der „Tatort: Angriff auf Wache 08“ bei der Erstausstrahlung im Oktober 2019 an mir vorbeigegangen ist. Als ich aber erfuhr, es handle sich um eine Hommage an „Assault – Anschlag bei Nacht“, kannte ich kein Halten mehr, da ich John Carpenter im Allgemeinen und diesen Thriller aus seiner Frühzeit als Regisseur im Besonderen sehr schätze. Die nachträgliche Sichtung hat sich gelohnt, für mich gehört die Folge zu den Höhepunkten der Reihe. Und weil sie bis 20. April 2020 in der Mediathek des Ersten geschaut werden kann, lag es nah, die Episode den Leserinnen und Lesern von „Die Nacht der lebenden Texte“ nachdrücklich ans Herz zu legen.

Wie lange halten die Eingeschlossenen durch?

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK
Originaltitel: Tatort: Angriff auf Wache 08
D 2019
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Mayer, Thomas Stuber
Besetzung: Ulrich Tukur, Barbara Philipp, Christina Große, Peter Kurth, Thomas Schmauser, Paula Hartmann, Sascha Nathan, Clemens Meyer
Produktion: Hessischer Rundfunk

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 HR / Bettina Müller

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Horror für Halloween (XI) / John Carpenter (XV): Ghosts of Mars – Wäre er nur früher in Rente gegangen

Ghosts of Mars

Von Volker Schönenberger

SF-Horror-Action // Als Fan von John Carpenter seit „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976),
Halloween – Die Nacht des Grauens“ (1978) und „The Fog – Nebel des Grauens“ (1980) gehöre auch ich zu jenen, die mit dem Spätwerk des Horror-Großmeisters etwas hadern. Für viele stellt „Die Mächte des Wahnsinns“ (1994) seine letzte Glanzleistung dar. Zwar zähle ich „Vampire“ (1998) zu meinen Lieblings-Vampirfilmen, aber „Das Dorf der Verdammten“ (1995) ist als Remake bestenfalls Durchschnitt, „Flucht aus L.A.“ (1996) ist vordergründig eine Fortsetzung, irgendwie aber auch nur ein belangloses Remake von „Die Klapperschlange“ (1981), und auch auf „The Ward“ (2010) kann ich gut verzichten. „Ghosts of Mars“ (2001) habe ich seinerzeit im Kino geschaut und war rechtschaffen enttäuscht. Anlässlich der Bestückung meiner Horror-für-Halloween-Strecke 2019 kam mir der Gedanke, dem SF-Actionstreifen doch wieder eine Chance zu geben. Und Jason Statham schau ich ohnehin gern – sein Mitwirken hatte ich gar nicht mehr auf dem Zettel.

Das Matriarchat des Mars

Wir schreiben das Jahr 2176. Das Terraforming des Mars ist zu 84 Prozent abgeschlossen, die Atmosphäre des Roten Planeten gleicht bereits der der Erde. 640.000 Menschen haben den Mars besiedelt, um der überbevölkerten Erde mit ihrer kollabierten Umwelt zu entkommen. Sie leben in einer matriarchalisch organisierten Gesellschaft in auf der Oberfläche verteilten Kolonien. Seltsame Gerüchte um eine fremdartige Bedrohung machen die Runde. Ein vom Autopiloten gesteuerter führerloser Güterzug trifft aus dem südlichen Tal am zentralen Stützpunkt ein. An Bord des Erztransporters befindet sich einzig Lieutenant Melanie Ballard (Natasha Henstridge), mit Handschellen angekettet. Vor einem Anhörungsgremium des Matriarchats berichtet sie von ihrem Einsatz: Unter der Führung von Commander Helena Braddock (Pam Grier) hatte ein Team (u. a. Clea DuVall, Jason Statham) den Auftrag, in einer kleinen Bergwerkssiedlung den berüchtigten Verbrecher James „Desolation“ Williams (Ice Cube) zu übernehmen, der im Gefängnis der Shining-Canyon-Mine in verschärfter Einzelhaft ausharrt. Seine letzte Tat hinterließ offenbar zahlreiche verstümmelte Leichen. Die Mitglieder des kleinen Trupps ahnen nicht, dass am Zielort die Hölle auf sie wartet. Die Siedlung wirkt menschenleer, aber der erste Eindruck täuscht …

Die Cops müssen ums Überleben kämpfen

Eine Spezialeinheit aus toughen Alphatieren mit Jason Statham als schmierigem Womanizer – vielleicht hatte ich ihn deshalb aus meinem Gedächtnis gestrichen. Ich wollte „Ghosts of Mars“ auch beim zweiten Mal von Anfang bis Ende wohlwollend sichten, aber das fiel mir mit zunehmender Dauer immer schwerer. Worin besteht die Bedrohung? Welche dämonische Kraft steckt dahinter? Das Interesse an der Beantwortung dieser Fragen erlahmt, sobald die ersten Besessenen auftauchen und ein 08/15-Gemetzel seinen Anfang nimmt. Unbenommen sei, dass ausgefeilte Charakterzeichnungen im Segment der Horror-Action sekundär sind, aber hier weckt wirklich keine Figur ein Minimum an Interesse. Natasha Henstridge darf als Frau einigen Kerlen zeigen, wo der Hammer hängt, so viel zum Thema Matriarchat.

Daumen ab und Daumen runter

Von wegen kleine grüne Männchen – die Geister des Mars suchen die Menschen heim. Vielleicht sollten wir uns das mit der Besiedlung unseres Nachbarplaneten doch noch einmal überlegen. Die Cops treffen irgendwann auf „Desolation“ Williams und müssen sich mit ihm und seinen Kumpanen arrangieren, um zu überleben. Fortan wird der zusammengewürfelte Haufen peu à peu von den Besessenen dezimiert. Zwischendurch säbelt sich eine Dumpfbacke von Typ beim Öffnen einer Konservendose versehentlich den Daumen ab – weiß der Geier, was John Carpenter zum Einbau dieses trashigen Gags veranlasst hat.

Führt nichts Gutes im Schilde

Ab und zu wechselt die Perspektive kurz zu der eines Besessenen, was durch ein verfremdetes Bild verdeutlicht wird. Insgesamt hat Carpenter „Ghosts of Mars“ in braun-rötlichen Tönen visualisiert, was beim Mars ja auch naheliegt. In einer früheren Drehbuchfassung trug der Film den Titel „Escape from Mars“, statt „Desolation“ Williams sollte ein gewisser Snake Plissken auftauchen. Nach dem Misserfolg von „Escape from L.A.“ schrieb Carpenter das Skript aber um. Ob eine zweite „Die Klapperschlange“-Fortsetzung der Weisheit letzter Schluss geworden wäre? Ich habe meine Zweifel.

Soundtrack-Kooperation mit Anthrax

Angesichts der musikalischen Geniestreiche, mit denen Carpenter etliche seiner eigenen Regiearbeiten untermalt hat, ist der Score von „Ghosts of Mars“ eine Frechheit. Grundsätzlich keine schlechte Idee, mit der Band Anthrax eine der „Big Four“ des Thrash Metal für den Soundtrack zu verpflichten. Wenn aus der Kooperation dann aber so ein einfallsloser Soundbrei resultiert, bei dem mir kein Ton in Erinnerung bleibt, kann ich nur traurig abwinken.

Was mag in ihr vorgehen?

John Carpenter hat mittlerweile die 70 Jahre überschritten. Clint Eastwood sitzt zwar noch mit über 80 auf dem Regiestuhl, aber da Carpenters letzte Langfilm-Regiearbeit „The Ward“ bereits neun Jahre zurückliegt, besteht Grund zu der Annahme, dass er langsam die Muße des Rentnerdaseins genießt. Gönnen wir es ihm, ich kann auf weitere Werke verzichten. Seine Großtaten sind für die Ewigkeit, Machwerke wie „Ghosts of Mars“ seien ihm verziehen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Carpenter sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Jason Statham unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 5. März 2009 als Blu-ray, 7. Mai 2002 als DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Ghosts of Mars
USA 2001
Regie: John Carpenter
Drehbuch: Larry Sulkis, John Carpenter
Besetzung: Natasha Henstridge, Ice Cube, Pam Grier, Jason Statham, Clea DuVall, Joanna Cassidy, Roesemary Forsyth, Liam Waite, Duane Davis, Lobo Sebastian, Rodney A. Grant
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur John Carpenter und Natasha Henstridge, Filmdokumentationen („Red Desert Nights – The Making of Ghosts of Mars“, 17 Min., „Special Effects Deconstruction“, 7 Min., „Scoring Ghosts of Mars“, 6 Min.), Texttafeln Filmografien, Trailershow
Label/Vertrieb Blu-ray: Sony Pictures Home Entertainment
Label/Vertrieb: DVD: Columbia Tristar

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © Sony Pictures Home Entertainment

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

John Carpenter (XIV): Das Ding aus einer anderen Welt – Das Monströse par excellence

The Thing

Gastrezension von Stefan Jung

Die ersten sechs Absätze des folgenden Textes erschienen erstmals 2012 für das Magazin „Schnitt“. Der gesamte Text enthält zudem massive Spoiler und sollte erst nach der ersten Sichtung des Films gelesen werden. Wer sich spoilerfrei über die 2019er-Neuveröffentlichung informieren will, scrolle zum Abschnitt „Die limitierte Deluxe Edition von Turbine“.

SF-Horror-Action // John Carpenters Interpretation der frühen Body-Snatcher-Novel „Who Goes There?“ von J. W. Campbell Jr. zählt zu den stilsichersten und spannendsten Science-Fiction-Werken der Filmgeschichte. Bis heute wird seine gelungene Verbindung aus psychischem und körperlichem Horror leider häufig missverstanden und immer noch kontrovers diskutiert. Von Ursache und (Wechsel-)Wirkung.

Das Ding aus einer anderen Welt“ („The Thing“) kam 1982 weltweit in die Kinos – und floppte. Das war zu einer Zeit, als alle Welt „E.T.“-verseucht dem schroffen, apokalyptisch geprägten Science-Fiction-Kino den Rücken zuwendete. „Blade Runner“ war, fast zeitgleich, auch ein solcher programmatischer Flop. Carpenter indes schuf, erkennbar von Ridley Scotts „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ („Alien“, 1979) geprägt, das Monströse par excellence: die Geschichte um eine kleine Forschergruppe in der Antarktis, denen das außerirdische Grauen in Form eines Gestaltwandlers begegnet. Ein zunächst nicht identifizierbares Ding, das unberechenbar und asexuell motiviert, jedoch mit der größtmöglichen Körperlichkeit in menschliche Hüllen schlüpft und zum Synonym des Persönlichkeitsverlusts stilisiert wird.

1983 auf den Index, 2009 wieder runter

Der Begriff des „shape shifter“ aus der literarischen Vorlage wird in Carpenters Version in allen nur denkbaren Varianten visualisiert. Dagegen sieht die erste, von Christian Nyby inszenierte Verfilmung des Stoffs (Produzent Howard Hawks legte ohne Credits ebenfalls Regisseurs-Hand an) von 1951 wie eindimensionales, farbloses Puppentheater aus. Und genau hier befinden wir uns an dem Punkt, wo die Meinungen auseinandergehen, entscheidend bleibt die Richtung der Argumentationslinie. Betrachtet man Carpenters Werk als „Ausstellungsstück für die verblüffenden Möglichkeiten der Trick- und Spezialtechniken des modernen Hollywoodkinos“ (Lexikon des internationalen Films), nimmt dies dem Film sofort die narrative und figurative Essenz, untergräbt mit einem Satz all dessen filmische Qualitäten. Nimmt man diesen Satz aber als absoluten Gegenpol zur eigenen, fan-basierten Betrachtungsweise, hebt man den Film vorsichtig, aber bewusst auf ein revanchistisches Niveau, bei dem über kurz oder lang auch die alte Zensurdebatte in den Vordergrund rückt. Fakt ist: „Das Ding aus einer anderen Welt“ wurde nach seinem Erscheinen auf dem deutschen Videomarkt 1983 auf den Index für jugendgefährdende Medien gesetzt und hat sich im Laufe der folgenden Jahre bei einem nicht zu verachtenden Genrepublikum als Kultfilm etabliert. Nach einer Neuprüfung hat der Film 2009 in Deutschland sogar eine Jugendfreigabe ab 16 Jahren erhalten, und angesichts dessen verwundert es kaum, dass einige Filmreihen wie beispielsweise Hard:line in Regensburg es sich zur Aufgabe gemacht haben, jene medienhistorische Debatte noch einmal aufzugreifen. Das ist auch gut so.

John Carpenters erste Großproduktion

„Das Ding aus einer anderen Welt“ kam aber schon 1982 in die Kinos, noch bevor er die Jugendschützer auf den Plan rief. Er stellt einen markanten Wendepunkt in der Karriere Carpenters dar, für den er sich mit 15 Millionen US-Dollar als erste hochbudgetierte Produktion gestaltete. Und selbst wenn ein Großteil dieses Budgets in die rabiat konstruierten Splattereffekte von Make-up-Artist Rob Bottin floss, bleibt eine filmspezifische Tatsache von Beginn an unübersehbar: Carpenter konnte mit der für ihn typischen Sichtweise auf zunächst verborgene Objekte (und Subjekte) dem Horrorstoff einige interessante Nuancen abgewinnen. Die Forschungsstation am Südpol wirkt in ihrer Abgeschiedenheit wie der lebensfeindlichste Ort der Welt. Beispielhaft werden hier Korridore und Zimmer als ausweglose Orte inszeniert, die dem Film bis ins Detail eine klaustrophobische und beklemmende Stimmung verleihen. Lange Einstellungen und ruhige Bewegungen der Protagonisten werden gezielt eingefangen, sie dienen dazu, der erzählten Geschichte um Misstrauen und Angst enorme Proportionen zu geben. Es ist jene endzeitliche Vision einer Welt, die schon in „Assault – Anschlag bei Nacht“ („Assault on Precinct 13“, 1976) und „Die Klapperschlange“ („Escape from New York“, 1981) Eingang gefunden hatte und Carpenter in Verbindung mit seiner gleichnamigen Regiearbeit den Spitznamen „Fürst der Dunkelheit“ eingebracht hat. Nicht zu Unrecht, wenn man sein Gesamtwerk im Kontext betrachtet. Im Fall von „Das Ding aus einer anderen Welt“ sind es eben nicht primär die expressiven Spezialeffekte über Verstümmelung und Morphologie, auch wenn sie einen wichtigen Bestandteil des Films ausmachen.

Tragend für die beklemmende Stimmung des Films bleibt Carpenters Gespür für Suspense, was er in Anlehnung an sein großes Vorbild Alfred Hitchcock geradezu meisterlich in Szene setzt. Exemplarisch stehen hierfür bereits die ersten 30 Minuten des Films, in denen uns die Charaktere vorgestellt und Panik und Terror herangezüchtet werden. Keine einzige Sekunde wird mit unnötigem Ballast verschwendet, wir sehen das, was wir sehen sollen. Auch wenn die stark fiktionale Geschichte einiger Dialogsätze bedarf, vollzieht sich der Kern des Films in exakt durchkomponierten Bildfolgen, die mit genau gesetzten Abblenden wie ein bedrohlich-rhythmisierter Atem funktionieren und dem Zuschauer jenes reizende Unwohlsein vermitteln, auf welches das sonst so unweigerliche Kotzen folgt.

Markstein des „Body Horror“

„Das Ding aus einer anderen Welt“ wurde häufig im Kontext der für die 1980er-Jahre typischen Oberflächen-Ästhetik als Markstein des „Body Horror“ diskutiert. Während das mit Testosteron vollgepumpte Actionkino jenes Jahrzehnts erst noch richtig Fahrt aufnehmen sollte, dekonstruierte Carpenter in seinem Werk bereits systematisch den (männlichen) Körper im Kino. Zugleich dringen wir zum Kern des Films vor: Wandlungsformen werden konsequent durchdekliniert, von innen nach außen und wieder zurück. Das Panoptikum der Verstümmelung und Deformation lässt sich keineswegs als Showeinlage oder losgelöst von der psychologisch motivierten Handlung betrachten. Der Film in seiner völligen Gesamtheit erzählt eine überaus verstörende Geschichte über innere und äußere Deformationen. Angst essen Seele – und Körper – auf. Ein zeitloser Klassiker, der die berühmte Erstverfilmung qualitativ weit übertrumpft.

Infektionsverlauf

Den „big fans“ und aufmerksamen Zuschauern unter uns, die John Carpenters „The Thing“ ähnlich wie ich wohl mindestens fünf- bis zehnmal geschaut haben, könnte der grundlegende Infektionsverlauf bei den einzelnen Protagonisten klar sein. Besonders im Spiel einer Nebenfigur bot auch die x-te Sichtung hinsichtlich dieses Aspekts – eben jene genaue Bestimmung von Krankheitsbefall und Mutationen – einen zusätzlich spannenden Faktor. Aber lest selbst.

Das Hund-Ding bricht aus

Die erste sichtbare Infektion eines Crew-Mitglieds (Bennings, 47. Minute, mit sofortiger Verbrennung) sowie der erste spektakuläre Ausbruch des Hund-Dings (29. Min., mit teilweiser Flucht) dürfte hinreichend bekannt, da ersichtlich sein. Meine Lieblingsstelle von „Das Ding aus einer anderen Welt“ hingegen war schon immer jene Szene, in welcher der zugelaufene Hund der norwegischen Station (11. Min.) ganz bedächtig durch die leeren Flure der Station „Outpost 31“ schleicht und nach kurzem Innehalten in ein Zimmer einbiegt, in dem man nur den Schattenriss einer Person erkennt, die sich im hinteren Teil dieses Raums zuletzt dem ankommenden Tier zuwendet (16. Min., siehe Bildausschnitt) – Abblende. Diese Person, schaut man sich den Schattenriss durch Bildwiederholung genau an, ist eindeutig Vance Norris, gespielt von Charles Hallahan. Das Spannende dabei: Norris ist aktiv bis zur 71. Minute im Film zu sehen und gilt als zurückhaltend und ausgeglichen; so ist er in seiner Unscheinbarkeit auch innerhalb der Handlungsmotivation der perfekte Träger des Monstrums. Eine klare Empfehlung: schaut euch bis zur wohl berühmtesten Spezialeffekt-Sequenz des Films, in der das Norris-Ding und mit ihm die Hölle ausbricht (74. Minute) zuvor auch das Spiel des Nebendarstellers aufmerksam an, kurze Hinweise folgen hier sogleich. Bevor jedoch die chronologisch erste Infizierung zwischen dem Hund-Ding und Norris-Ding in der 16. Minute stattfindet, sind MacReady und die beiden Doktoren Blair und Copper mit dem Helikopter bereits ausgeflogen, um nach Hinweisen auf der norwegischen Station zu suchen. Das Ding bleibt also bekanntlich mit dem Rest der Crew auf Outpost 31 zurück.

Ab der 22. Filmminute beginnt die ekelerregende Obduktion eines (letztlich noch lebenden) Norweger-Dings, das die Amerikaner mit auf ihren Stützpunkt gebracht haben. Bei dieser Sequenz ist zunächst auffällig: das sichtlich noch warme Menschen-Ding dampft, möglicherweise verteilen sich dadurch Substanzen des Halbkadavers über die Luft in die Atemwege der umstehenden Forscher – viele halten sich, als die Kamera die Personen in einer langsam kreisenden Fahrt erfasst, die Hand ins Gesicht (MacReady beispielsweise eindeutig nicht, seine Hand bleibt sichtbar am Körper, während er seine umstehenden Kollegen aufmerksam mustert). Tatsächlich jedoch erfolgt keine Infektion über den Luftweg. Das Ding muss über Blut mit dem Körper des Wirtsorganismus in Kontakt treten, wie auch wenig später im Film erklärt wird.

Das Norris-Ding

Das Verhalten des Norris-Dings bleibt bis zum erwähnten Ausbruch in Minute 74 sehr spannend und sagt so einiges über Taktik und Verhaltensmuster des Monstrums aus. So fällt auf, dass Norris derjenige ist, der MacReady und Dr. Copper in der 38. Minute zum exakten Standort des Alien-Raumschiffs führt. Gerade seine Mimik bei der erfolgreichen Sichtung des außerirdischen Transportmittels gibt wichtige Anhaltspunkte (Erleichterung, Begeisterung, vorrangig anhand seiner Augen abzulesen). Eigentlich alles weist darauf hin, dass das Norris-Ding mit dieser Expedition zunächst feststellen will, ob das Raumschiff noch vorhanden und intakt ist, um perspektivisch eine Flucht und Weiterreise zu einem anderen Planeten zu gewährleisten. Dr. Copper als drittes Mitglied sieht man in dieser Sequenz nur verhüllt, so könnte man den Eindruck gewinnen, gerade diese Figur sei verdächtig, doch die (dezente) Mimik und Gestik von Norris spricht Bände – auch ab bereits erwähnter Minute 47, als Bennings durch das noch lebende Norweger-Ding sogleich mutiert und vor versammelter Crew verbrannt wird. Einzig Norris als Infizierter hebt kurz um wenige Zentimeter die Unterarme quasi in einer kurz aufkommenden, nicht gänzlich unterdrückbaren Abwehr-Reaktion, die sich sowohl auf das vernichtende Feuer als auch auf den Tod seines Artgenossen bezieht. In Minute 59 fragt Norris als einziger genauer nach, als Dr. Copper von der Möglichkeit eines Blutserum-Tests spricht. In Minute 61 wird Norris(-Ding) von der Crew nach einem internen Zwischenfall die Waffe angeboten, um als geeignete Person für Beruhigung unter den Kollegen zu sorgen. Doch Norris-Ding lehnt diese hohe Verantwortung ab, offensichtlich, um die Aufmerksamkeit nicht weiter auf sich zu ziehen.

Auch im Folgenden vertraut MacReady Norris immer mehr Aufgaben an, da er aufgrund seiner scheinbaren Unauffälligkeit enorm vertrauenswürdig wirkt. Nachdem MacReady bei Bennings Tod sogleich Dr. Blair, Garry und Clark von den anderen separiert und diese somit verdächtigt, darf sich Blair anschließend nicht selbst das angewiesene Morphium spritzen, sondern Childs verweist als Bewacher in dieser Szene eindeutig auf Norris, der diese Aufgabe auszuführen hat. Norris infiziert dadurch Blair. Bei der Erwähnung eines möglichen Blutserum-Tests in Minute 67 lenkt einer der Infizierten – man kann nur vermuten, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits mindestens einen zweiten gibt – die Aufmerksamkeit auf MacReady, indem er im Außenbereich ein Stück von dessen Ausrüstung (mit Namen versehen) liegenlässt. In den folgenden Minuten trennt sich die Crew in großen Teilen, der Verlauf der Infektion wird zunächst unkenntlich gemacht. Jedoch werden in Minute 69 die verkohlten Überreste von Fuchs entdeckt, der sich in der Ausweglosigkeit der Lage selbst verbrannt hat. Die Auflösung der Infektion am Beispiel Norris-Ding wird ab Minute 71 gegeben, als sich Norris kurz vor Schmerzen zusammenkrümmt und ein baldiger Ausbruch des Dings angekündigt wird. Drei Minuten später folgt die bereits erwähnte Szene.

Ab Minute 80 folgt der entscheidende Blutserum-Test, wonach Windows, MacReady, Dr. Copper und Clark als gesund hervorgehen – Clark ist zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits tot, hat ihn doch MacReady in Notwehr erschossen. Nach der ultimativen Schocksequenz in Minute 74, als das Norris-Ding ausbrach und vollständig verbrannt wurde, folgt die nächste mit der Enthüllung, dass auch Palmer bereits infiziert war. Das Blut des Palmer-Dings dehnt sich bei Kontakt mit dem heißen Draht explosionsartig aus, sogleich bricht das Ding grauenvoll aus Palmers Körper aus, verbindet sich grotesk mit dem von Windows, der soeben noch als gesund deklariert wurde, anschließend werden beide durch Feuer vernichtet. Fraglich bleibt, wann genau Palmer infiziert wurde. Einzig eine Einstellung, in der Palmer direkt neben Norris zu sehen ist (72. Min.) weist darauf hin oder etwa der Spruch Palmers, MacReady wüsste schon, was zu tun ist (bei dessen erster Expedition in Minute 14) und dem unmittelbaren Kameraschwenk auf das noch nicht ausgebrochene Hund-Ding.

Flucht durch den gefrorenen Boden

Der weitere Verlauf ist zügig und nicht mehr ganz eindeutig, denn nun zieht auch das Erzähltempo samt Action straff an. In den Minuten 86 bis 87 wird noch festgestellt, Nauls, Childs und Garry seien gesund. Ab Minute 89 ist dann klar, dass Dr. Blair infiziert ist, der aus seiner Sicherheitsverwahrung in der Außenhütte ausgebrochen ist – und das unterirdisch durch den gefrorenen Boden, was nur einem Ding-Monstrum zuzurechnen ist. Auch wird in der Folge der konkrete Fluchtversuch des Dings thematisiert. In Minute 95 trennen sich zuletzt MacReady, Nauls und Garry. Der infizierte und bereits auf der Flucht befindliche Dr. Blair verschmilzt in Minute 96 schließlich physisch mit Garry. Eine Minute später ist Nauls zu sehen, wie er bedächtig in das tiefe Innere des Generator-Unterbaus schreitet und eine Einstellung später verschwunden ist. MacReadys Frage nach dem Stand der Dinge bleibt unbeantwortet, daraufhin wird er mit einem enorm gewachsenen, nicht mehr genau identifizierbaren Mensch-Hund-Ding konfrontiert und sprengt das gesamte Lager in die Luft.

Zuletzt treffen sich Childs und MacReady, wobei nicht mehr klar ist ob Childs nunmehr ebenfalls infiziert ist. Er sagt, er hätte versucht, Blair zu folgen, aber der Schneesturm hat ihm den Weg abgeschnitten. Die beiden sitzen höchst apokalyptisch die Stimmung aus und beschließen, einfach zu warten. Unklar bleibt indes, was genau mit Nauls passiert ist. Entweder starb er bei der Explosion oder ihm gelang die Flucht. Mit dem Ding in Kontakt kam er zuletzt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit.

Die limitierte Deluxe Edition von Turbine

Turbine Medien haben mit der aktuellen Deluxe Edition zu „The Thing“ nur kurze Zeit nach ihrer „Psycho Legacy Collection“ einmal mehr den bestmöglichen Maßstab für Heimkinomedien hierzulande geliefert – weltweit darf diese Box nun als die definitive Veröffentlichung gelten, umfangreicher und höher in Qualität, als alle zuvor. In Zeiten stetig sinkender Angebotsvielfalt und Vernachlässigung der Wertlegung auf fundiertes, reflektiertes Bonusmaterial kommt das einem weiteren Befreiungsschlag gleich. Bereits vor Release gibt es nur noch bedingtes (Rest-)Kontingent, das aber noch über den Ladenhandel mit vertrieben wird.

Zu den Details: Turbine haben den bereits erhältlichen „Dolby 5.1“-Ton zu einem echten solchen gemacht. Die bereits existierenden Spuren – auch auf den neueren Releases von Arrow und Shout Factory – wurden jeweils als Upmix präsentiert. Auch wurden ganz leichte Korrekturen von Asynchronität beseitigt sowie bisher „verschluckte“ Dialoge der deutschen Fassung wiederhergestellt. Auch der originale Stereoton wurde von Grund auf restauriert. Das Bildmaster wurde von der farbkräftigeren Arrow-Version (2018) übernommen, bei der das Originalnegativ in 4K gescannt und das fertige Bild von Kameramann Dean Cundey sowie Regisseur John Carpenter freigegeben wurde. Damit unterscheidet sich diese Fassung leicht vom bereits eindrucksvollen Bild der Shout-Factory-Blu-ray (US), bei der das Interpositiv in 2K gescannt wurde, die Farben kühler wirken und der spezifisch filmische Look (u. a. Filmkorn) anders stimmungsvoll herüberkommen.

Als Bonusmaterial hat Turbine fast sämtliche bisherigen internationalen Making-ofs, Interviews und Featurettes zusammengetragen, insgesamt knapp sieben Stunden zusätzliches Material werden geboten – die vier Audiokommentare nicht mit eingerechnet. Die erste Blu-ray gehört ganz Carpenters Film von 1982 in seiner restaurierten Pracht inklusive Audiokommentare und fünf Trailer. Die zweite Blu-ray ist bin an die letzte Rille vollgepackt mit Bonus zu Carpenters Version. Blu-ray 3 enthält das Prequel von 2011 – die Erstverfilmung aus dem Jahr 1951 ist nicht enthalten. Auf der dritten Scheibe befinden sich Features zu Carpenters Version sowie zum Prequel.

Romanvorlage von J. W. Campbell

Auch J. W. Campbells Vorlage, die Novelle „Who goes there?“ liegt der Box bei und zwar in deutscher Sprache und als hübsch aufgemachtes Büchlein in einzigartigem Design. Ebenso ist das höchst fundiert geschriebene Buch „Inside ,The Thing‘“ von Turbine-Stammautor Tobias Hohmann enthalten, der en detail die spannende Hintergrundgeschichte zu den Filmen beleuchtet. Hohmann verfasste etwa schon das „Hotelregister“, die „Psycho“-Akten zur benannten Box und beweist mit diesen und anderen Texten aus seiner Feder, wie auch Begleitzeilen zu edlen Heimkino-Editionen in optimaler Form präsentiert werden können. Da ist absoluter Mehrwert garantiert und die Freude mit und am Film wird zusätzlich gesteigert. Als letztes Juwel – neben Faltpostern, Artcards, einem „Outpost 31“-Aufnähmer und vielem mehr – hält der Sammler zufrieden Ennio Morricones Original-Soundtrack zum 1982er-„Thing“ auf Compact Disc in den Händen. Dieser war lange vergriffen und wird bislang zu Mondpreisen auf Börsen gehandelt.

Insgesamt ist diese Edition eine absolute Empfehlung, ein Muss für jeden Sammler. Die 60 Euro Kaufpreis (UVP) sind mehr als gerechtfertigt. Die Box kommt in zwei Covervarianten, einmal im „klassischen Design“ und einmal im „modernen Design“.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Carpenter sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kurt Russell in der Rubrik Schauspieler. Zur Rezension von Dirk Ottelübbert geht’s auch hier.

Veröffentlichung: 28. März 2019 als Limited 4-Disc Deluxe Edition (3 Blu-rays & Soundtrack-CD) im Digipack-Schuber mit zwei verschiedenen Designs (klassisch: Kinomotiv von Drew Struzan, auf 3.000 Exemplare limitiert und nummeriert, Schuber mit UK-Motiv, modern: neues Artwork von Christopher Shy, auf 2.000 Exemplare limitiert und nummeriert, Schuber mit seltenem Struzan-Motiv in Schwarz-Weiß), 4. März 2010 als Blu-ray und DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch, Koreanisch, Schwedisch, Dänisch, Finnisch, Niederländisch, Norwegisch, Polnisch, Mandarin
Originaltitel: The Thing
USA 1982
Regie: John Carpenter
Drehbuch: Bill Lancaster, nach der Kurzgeschichte „Who Goes There?“ von John W. Campbell, jr.
Besetzung: Kurt Russell, Wilford Brimley, Keith David. T. K. Carter, David Clennon, Richard Dysart, Peter Maloney
Zusatzmaterial 2019: 5 Kino-Trailer, TV- & Radio-Spots, 4 Audiokommentare (:John Carpenter & Kurt Russell, Kameramann Dean Cundey, Koproduzent Stuart Cohen sowie Todd Cameron von Outpost31.com), 3 Dokumentationen („Der Terror nimmt Gestalt an“, 86 Min., „Die Männer von Outpost 31“ in HD, 51 Min., „Die Effekte von ,The Thing‘“ in HD, 25. Min., 4 Interviews („Requiem eines Regisseurs“ mit John Carpenter in HD, 29 Min., „Montage und Anpassung“ mit Cutter Todd Ramsay in HD, 11 Min., „Formwandlung des Drehbuchs“ mit Schriftsteller Alan Dean Foster in HD, 16 Min., „Klangbilder der Kälte“ mit Sound-Gestalter David Lewis Yewdall & Alan Howarth in HD, 15 Min.), Archivmaterial („Fear on Film“ von 1982, Gespräch mit John Carpenter, John Landis & David Cronenberg, 26 Min., Storyboard-Film-Vergleich in HD, 8 Min., nicht verwendete Szenen, 6 Min., Trailers from Hell, 2 x 3 Min., Promo-Clip-Tape,13 Min., US-TV-Version in 4:3, 94 Min., „The Making of ,The Thing‘“, 9 Min., „The Making of a Chilling Tale“, 5 Min., Hinter den Kulissen, 2 Min., Die Untertasse, 2 Min., Promo-Szenen-Tape, 20 Min., umfangreiches Text- und Bild-Archiv in englischer Sprache)
Zusatzmaterial 2019, Blu-ray 3: „The Thing“ – das Prequel von 2011 mit u. a. deutschem und englischem Ton sowie u. a. deutschen und englischen Untertiteln, dazu unveröffentlichte und erweiterte Szenen (HD, 9 Min.), Making-of „,The Thing‘ entwickelt sich“ (HD, 14 Min.), Featurette „Feuer und Eis“ (HD, 5 Min.), Audiokommentar von Regisseur Matthijs van Heijningen und Produzent Eric Newman
Zusatzmaterial 2019, CD: Soundtrack von Ennio Morricone und John Carpenter
Physisches Zusatzmaterial 2019: Buch zum Film (Produktionsgeschichte und Folgen des Films, 136 Seiten mit vielen, teils seltenen Bildern), John W. Campbells Literaturvorlage von 1938 (76 Seiten), Fan-Items (Filmposter, Artcard-Set, hochwertig gestickter „Outpost 31“-Aufnäher)

Zusatzmaterial 2010: Audiokommentar mit Regisseur John Carpenter und Kurt Russell, „Der Terror nimmt Gestalt an“, Produktionshintergrund, Besetzung, Produktion, Fotogalerie, Storyboards, Drehort-Design, Produktionsarchive, Die Untertasse, Das Blair-Monster, verpatzte Szenen, Post-Produktion, Original Kinotrailer
Label/Vertrieb 2019: Turbine Media Group
Label/Vertrieb 2010: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Stefan Jung

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Turbine Media Group

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: